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«Mehr Geld, mehr Wohlstand?»

Numismatische Legende um Bürgermeister Waser und seinen überprägten Zürcher Taler: Anno 1660 kochte in Zürich ein französisch-schweizerischer Konflikt um Söldner und Schulden hoch

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Ein Zürcher Taler des Jahres 1660 wird von Numismatikern als Wasertaler bezeichnet. Der Name erinnert an den Bürgermeister Heinrich Waser, den seine Mitbürger des Verrats verdächtigten. Zu Unrecht. Hier erfahren Sie die ganze Geschichte.

 

 

Begleiten Sie uns auf unserer Reise durch die Welt des Geldes. Heute machen wir Halt in Zürich. Wir befinden uns im Jahr 1660.

 

Eine merkwürdige Münze ist das! Irgendwie komisch geprägt. Als wäre noch ein zweites Bild unter dem ersten verborgen.

 

Tatsächlich wurde dieser Zürcher Taler auf eine andere, eine frühere Münze überprägt, und zwar auf einen Zürcher Taler des Jahres 1660. Wie merkwürdig! Warum wurde da 1661 eine gerade frisch geprägte Münzemission von 1660 unter großem Aufwand noch einmal geprägt?

Nun, dafür könnte es einen ganz besonderen Grund geben.

 

Um den zu erfahren, müssen wir ins alte Zürich zurückgehen. Dort wurde am 28. Juni des Jahres 1652 Johann Heinrich Waser zum Bürgermeister gewählt.

 

Waser stammte aus einer der vornehmsten Familien der Stadt. Er hatte eine sehr gute Ausbildung genossen und stand, seit er 21 war, im Dienst des Zürcher Regiments.

Gehilfe des Stadtschreibers, Jungrichter, Stadtschreiber, Landvogt von Kyburg: Waser erlernte die politische Kunst von Grund auf – und das war gut so, denn als Bürgermeister musste er ein diffiziles Problem lösen.

 

Im Mai 1651 war nämlich das Soldbündnis mit Frankreich ausgelaufen. Und das war ein Problem! Auf der einen Seite war Frankreich ein nützlicher Bündnispartner, indem es für den Ausgleich zwischen katholischen und reformierten Kantonen sorgte. Auf der anderen Seite hatte Frankreich hohe Schulden bei Zürich. Die Stadt schickte regelmäßig Söldner für die französische Armee. Doch der ihnen zustehende Sold traf nur zum Teil ein.

 

Rund 9.000 Einwohner lebten damals in Zürich. Von ihnen durften lediglich 1.500 politisch mitbestimmen. Ein kleiner Kreis, der untereinander sehr emotional darüber diskutierte, wie man Frankreich am besten zum Zahlen der Schulden bewegen konnte.

 

Waser diskutierte mit, und er war als Bürgermeister natürlich auch in die Verhandlungen mit Frankreich eingebunden. Wahrscheinlich wird er irgendwann begriffen haben, dass Frankreich gar nicht zahlen konnte; jedenfalls nicht so viel, wie die Zürcher haben wollten. Mazarin, die graue Eminenz hinter dem Thron des jugendlichen Ludwigs XIV., hatte gerade erst die Aufstände der Fronde niedergeschlagen. Und damit war die Staatskasse leer.

 

Doch Frankreich verfügte über andere Druckmittel. Die Eidgenossen besaßen wichtige Handelsprivilegien im französischen Königreich, und die konnten natürlich schnell widerrufen werden.

 

Solothurn lenkte als erstes ein und erneuerte das Bündnis mit Frankreich. Es folgten die anderen katholischen Orte. Und die reformierten Orte waren bald auch nicht mehr bereit, Zürichs kompromisslose Politik mitzutragen. Vor allem, als Mazarin die Zollbefreiung für eidgenössische Kaufleute in Lyon aufhob, was sich vor allem in Genf schmerzhaft bemerkbar machte.

 

Machen wir eine lange Geschichte kurz: Zürich blieb nichts anderes übrig.

Waser war erfahren genug, eine pragmatische Politik zu vertreten; eine Politik, die vom Rat mitgetragen wurde, aber denen, die von Frankreich mehr Geld haben wollten, überhaupt nicht in den Kram passte.

 

Trotzdem wurde 1683 der neue Vertrag über eine Soldallianz mit Frankreich ratifiziert. Waser selbst ist auf diesem zeitgenössischen Gemälde an der Spitze der eidgenössischen Delegation dargestellt, wie er den Kniefall vor Ludwig XIV. leistet.

 

Wir wissen genau, was Waser von Ludwig XIV. als Ehrengeschenk mit zurück nach Zürich brachte: Ketten, Gnadenpfennige und Bargeld im Wert von insgesamt 2.305 Gulden. Der Zürcher Münzmeister hatte im Auftrag des Rats den Wert der Geschenke offiziell geschätzt, und eben dieser Rat hatte beschlossen, dass Waser die Geschenke behalten dürfe.

 

Trotzdem kochte die Gerüchteküche hoch. Man sprach von einem Fass voller Gold, das ein Zöllner in Mellingen gesehen haben wollte. Damit, so die Lästermäuler, habe der französische König Waser gekauft.

 

Ein Gericht widerlegte diese bösartigen Unterstellungen. Doch Waser hatte davon nichts mehr – er starb kurz nach der Urteilsverkündung.

 

Was dann geschah, ist eine numismatische Legende. Die Bürger von Zürich sollen sich geweigert haben, die unter Waser ausgegebenen Münzen anzunehmen, weil sie unter der Jahreszahl eine Blume zeigten, die man mit viel Phantasie als französische Lilie deuten konnte. Es sei dem Zürcher Rat nichts anderes übrig geblieben, als diese Münzen umprägen zu lassen.

 

Ob das stimmt? Wir wissen es nicht. Wir kennen keine schriftlichen Quellen, in denen die Münzen Wasers verrufen werden.

 

Was wir kennen, sind die Münzen, die mit Originalstempeln eindeutig auf die so genannten Waser-Taler überprägt wurden. Ob aber die numismatische Legende auf solche Münzen zurückgeht oder ob zu einem späteren Zeitpunkt ein geschäftstüchtiger Zürcher Münzmeister mit den Originalstempeln einen Sammlerwunsch befriedigte, indem er eine zur Legende passende Überprägung herstellte, das werden wir nie wissen.

 

Eines aber steht fest: Ob heute und hier oder im Zürich des 17. Jahrhunderts, schon immer neigten Wähler dazu, die Politiker dafür verantwortlich zu machen, wenn Wählerwünsche und Realität miteinander nicht kompatibel waren und sind.

 

Danke fürs Zuhören. Und Sie finden noch viele weitere Podcasts rund ums Thema Geld auf der Seite der Sunflower Foundation.