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«Historische Karten»

Die Assassinen – Mord als Mittel der Politik

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Sie denken, Attentate seien eine neue Erfindung? Was für ein Unsinn. Seit Menschen Gemeinschaften bilden, haben unzufriedene Untergebene versucht, ihre Obrigkeit gewaltsam zu beseitigen. Wenn sie das mit Zustimmung der Mehrheit taten, wurde ihnen ein Denkmal gesetzt. Wenn die Mehrheit dagegen war, wurden sie verfolgt und hingerichtet.

Die erstmalige Benutzung von systematischen Attentaten als Mittel der Politik kann ziemlich genau datiert werden. Wir verbinden sie mit einer religiösen Sekte, die im Hochmittelalter großes Aufsehen erregte, mit den Assassinen. Ihr Name wurde zum Synonym für den politischen Mörder.

Für den Glauben in den Tod gehen

Zunächst eines: Vergessen Sie alles, was Sie über geheime Gärten, schöne Jungfrauen und den Haschischkonsum der Assassinen gehört haben. Das sind Erfindungen von Menschen, die sich nicht vorstellen konnten, dass Männer für ihren Glauben in den Tod gehen. Die Wahrheit ist viel einfacher und gleichzeitig viel spannender. Die Geschichte beginnt im Jahre 1094, als der Kalif des nordafrikanischen Fatimidenreichs verstarb.

Die Fatimiden gehörten zu einer islamischen Sekte, die in Ismail den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten sahen. Die Ismailiten träumten von einem Staatswesen, wo die Gläubigen weitab von Geld- und Machtgier Gott in stiller Frömmigkeit verehren konnten. Natürlich gab es trotzdem Streit um die Macht. Nizar, ältester Sohn des verstorbenen Kalifen, wurde aus Ägypten vertrieben.

Seine Anhänger nennt man Nizariten. Sie waren den etablierten Mächten hoffnungslos unterlegen, und doch fand ihr bekanntester Vertreter, Hasan-i Sabbah, einen Weg, seinen Anhängern das Überleben zu sichern. Hasan stammte aus dem Iran. Er missionierte für die Ismailiten in seiner alten Heimat. Die neuen Herren des Landes, die Seldschuken, sahen das nicht gern. Sie waren Sunniten und gingen von Zeit zu Zeit gegen ihre schiitischen Untertanen vor. Das war der Vorteil Hasans. Viele Iraner mochten die Seldschuken nicht. Hasan suchte sich eine wilde Region, eine Gegend ohne Städte. Dort begann er mit seiner Mission. Mann für Mann, Dorf für Dorf bekehrte er die Menschen zu Ismail. Und er übernahm die Burg, die das Gebiet beherrschte. Er kaufte das uneinnehmbare Alamut für 3.000 Dinare.

Mit der Angst der Mächtigen operieren

Damit verfügte Hasan-i Sabbah über eine Ausgangsbasis, von der aus die Nizariten agieren konnten. Zu gerne hätten ihn die Seldschuken vertrieben. Doch dafür war Alamut zu stark. So bekämpften sie die Ismailiten dort, wo sie es leicht tun konnten. Es kam zu schrecklichen Massakern bei Isfahan, in Bagdad. Und Hasan-i Sabah reagierte. Er entwickelte eine Strategie, die mit der Angst der Mächtigen operierte.

Alamut wurde zu einem Ausbildungszentrum, in dem potentielle Attentäter, nicht nur körperlich, sondern auch geistig geschult wurden. Hasan-i Sabbah machte junge Männer zu menschlichen Waffen, die für das Versprechen des ewigen Lebens ihr irdisches Dasein aufgaben. Hasan schickte sie los, um prominente, gut bewachte Opfer zu töten. Wer fortan gegen die Ismailiten vorging, musste mit Konsequenzen rechnen.

Hasans Männer töteten einen Kadi in Isfahan, der ihn in seiner Predigt angegriffen hatte. Sie töten einen Kadi in Nischapur. Sie töten viele sunnitische Theologen und Juristen, und bald wagte niemand mehr, öffentlich gegen die Ismailiten aufzutreten.

Sie töteten aber auch die weltlichen Machthaber. So zum Beispiel Nizam al-Mulk, der versucht hatte, Alamut zu erobern. Und Hasan erfand das Prinzip des Schläfers. Kein Machthaber konnte sich fortan sicher sein, ob er nicht unter seinem eigenen Dach einen Attentäter beherbergte. Berühmt wurden Geschichten um Saladin, der gegen einen Nachfolger Hasans, Sinan Raschid al-Din, vorging, den die Chroniken den Alten vom Berg nennen. Saladin soll die Belagerung der Burg Masyaf eingestellt haben, als er eines Morgens beim Aufwachen ein Messer neben seinem Kopf fand.

Andere erzählen, dass Sinan eines Tages einen Boten zu Saladin schickte. Saladin weigerte sich, ihn allein zu empfangen, wollte unbedingt seine Leibwächter im Saal behalten. Als die beiden mit ihm und dem Boten allein geblieben waren, stellte es sich heraus, dass auch sie dem Alten vom Berge gehorchten und Saladin jederzeit auf dessen Befehl getötet hätten. So erklärten sich die Chronisten, dass selbst der mächtige Saladin die Nizariten nicht bekriegte.

Nicht viel scheint sich seitdem geändert zu haben. Auch heute gibt es Menschen, die von ihren Idealen so überzeugt sind, dass sie mitleidslos morden.

Und doch, etwas ist grundlegend anders. Diese Anhänger totalitärer Regime machen heute eine tiefe Verbeugung vor der westlichen Erfindung der Demokratie. Sie bringen nicht mehr die Entscheidungsträger um, weil sie genau wissen, dass jeder Ministerpräsident ersetzbar ist. Ihr Ziel ist der einfache Bürger, Souverän und Herrscher in jeder echten Demokratie.