Floral ornament in analogy to fibonacci rules

«Sprechende Münzen»

Als Herodes den Schekel von Tyros rettete: Das Nominale zum Begleichen der Tempelsteuer in Jerusalem wurde auch nach Verlust der Autonomie 20 v. Chr. durch die Römer nicht abgeschafft

 zurück

Wie sahen die Münzen aus, die Judas für seinen Verrat erhielt. Und warum zeigt das Geld, mit dem im Tempel von Jerusalem gezahlt wurde, den Kopf des Baal? Hier finden Sie die Antworten.

 

Begleiten Sie uns auf unserer Reise durch die Welt des Geldes. Heute machen wir Halt in Tyros. Wir befinden uns im Jahr 106 vor Christus.

 

Das ist ein Baal. Und für all diejenigen unter Ihnen, die das alte Testament nicht so gründlich studiert haben, unter Baal subsummierten die Juden all die Lokalgottheiten, gegen die so mancher Prophet vehement kämpfte.

 

Unseren Baal nannten seine Verehrer Melkart. Er war der Hauptgott der phönikischen Stadt Tyros. Dieser Melkart hatte nicht nur Tyros gegründet, sondern seine Bewohner auch das Färben mit Purpur gelehrt. Er war der Beschützer der Schifffahrt und der große Gesetzgeber.

 

Und so stellten die Bewohner von Tyros ihren wichtigsten Gott auf der Vorderseite ihrer Münzen dar.

 

Auch die Rückseite der tyrischen Schekel bezog sich auf die Stadtgründung. Denn Tyros soll auf einem wandernden Felsen entstanden sein, der erst zur Ruhe kam, als das Blut eines Adlers auf ihm vergossen wurde.

 

Links oben finden wir zwei griechische Zahlen, ein Lambda, das durch einen Prägefehler aussieht wie ein A und ein Kappa. Beide zusammen stehen für das Jahr 31. In unsere Zeitrechnung umrechnet, wurde diese Münze 106 vor Christus geprägt.

 

Man könnte noch viel über diesen Schekel von Tyros sagen, wenn nicht die eigentliche Geschichte, die ich Ihnen heute erzählen möchte, eine andere wäre.

 

Dafür müssen wir etwa 150 Kilometer Luftlinie nach Süden reisen, vom antiken Tyros nach Jerusalem.

 

Dort stand der große Tempel des einen Gottes, den die Juden verehrten. Dort zahlten Juden aus aller Welt Tempelsteuer, und zwar genau einen halben Schekel pro Mann und Jahr. In welcher Währung sie diese Ehrenpflicht erfüllten, das war vorgeschrieben. Sie taten es ausschließlich in den Schekeln der Stadt Tyros, auf deren Vorderseite der Baal abgebildet war. Das jüdische Bilderverbot trat in den Hintergrund angesichts der Tatsache, dass der Silbergehalt der Schekel von Tyros gleichbleibend bei etwa 92 % Silber lag. Das war weit mehr Silber als in den meisten anderen Münzen.

 

Dass diese fromme Geschäftstüchtigkeit manchem Juden die Galle überlaufen ließ, kann man sich vorstellen. Schließlich war die Tempelsteuer die Ursache, dass so viele Geldwechsler ihr Geschäft im großen Vorhof des Tempels aufgeschlagen hatten. Sie verdienten gut daran, dass die Gläubigen ihre heimische Währung in Schekel aus Tyros umwechseln mussten – gegen eine saftige Gebühr natürlich. Die Wechsler sollen mit lauter Stimme ihre Kurse ausgerufen haben, um Kunden anzulocken. In den Evangelien lesen wir, wie Christus reagierte: Er verschüttete den Wechslern das Geld und stieß ihre Tische um: „Mein Haus soll ein Bethaus heißen für alle Völker? Ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.“

 

Wie auch immer, der Schekel von Tyros spielte eine entscheidende Rolle in der jüdischen Welt. Oder wie es im Talmud heißt: Silver ist, wann immer es in der Tora erwähnt wird, tyrisches Silber.

 

Was aber sollten die jüdischen Priester machen, als Augustus der Stadt Tyros im Jahr 20 v. Chr. die Autonomie entzog? Damit wäre ein Ende der Silberprägung verbunden gewesen.

 

Herodes der Große, König von Judäa, den wir heute eher als den Urheber des fiktiven Kindermords von Bethlehem kennen, war ein überaus fähiger Politiker, dem es gelang, Augustus von seiner Loyalität zu überzeugen. Einige Forscher gehen darüber hinaus davon aus, dass Herodes Augustus überreden konnte, die Prägung der tyrischen Münzen nicht einfach einzustellen.

 

Numismatikern fiel immer schon auf, dass die späten Schekel der Stadt Tyros viel kleiner sind. Die Schrötlinge sind dicker und die Stempel schlechter geschnitten. Manche möchten diese Veränderung damit erklären, dass die Stücke in Jerusalem entstanden und die ungelenken Stempel von überforderten Handwerkern angefertigt wurden.

 

Allerdings ist diese These nicht unbestritten. Andere Forscher gehen davon aus, dass Tyros trotz des Entzugs der Autonomie weiter prägte. Ein entscheidendes Argument ist die Datierung. Man könne, so sagen sie, davon ausgehen, dass eine fremde Datierung nicht fortgeführt worden wäre. Stattdessen hätte Jerusalem seine eigene Datierung benutzt.

 

Wie auch immer. Ob in Tyros oder in Jerusalem geprägt, über eines herrscht Einigkeit, nämlich dass Judas höchstwahrscheinlich solche Münzen erhielt, als ihn die Priester mit 30 Silberlingen für den Verrat an Jesus bezahlten.