«Leit-Währungen - Leitfaden der Geschichte»

Geld und Geist

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Ein Titel, der viel verspricht und hohe Erwartungen schürt.

 

Geld und Geist: Ein Titel, der viel verspricht und hohe Erwartungen schürt. Jeremias Gotthelf hat das Buch in zwei Episoden 1843 und 44 geschrieben. 1964 wurde der Roman mit namhaften Schweizer Schauspielerinnen und Schauspielern verfilmt – als einziger Gotthelf-Film in Farbe. Wir möchten wissen, ob uns Gotthelfs Bearbeitung des Stoffs rund 170 Jahre später noch anspricht und was wir davon in unsere Zeit übersetzen können.

 

Mein Name ist Ursula Kohler. Ich bin Programmleiterin des Conzett Verlags. Ob wir Gotthelfs Buch im 19. Jahrhundert wohl gerne ins Verlagsprogramm aufgenommen hätten?

 

Hand aufs Herz: Haben Sie je ein Werk von Gotthelf gelesen? Den Bauernspiegel etwa? Oder die schwarze Spinne? Vielleicht als Pflichtstoff in der Schule. Wie stehts mit Uli der Knecht? Viele werden im Film von Franz Schnyder mit Uli und Vreneli mitgelitten und -gelebt haben. Aber das Buch gelesen?

 

Ein Thema zeichnet alle Texte von Gotthelf gleichsam aus: Der Autor spiegelt das bäuerliche Leben der Schweiz im 19. Jahrhundert. Das tut er mit  so viel Schalk und psychologischem Scharfsinn, dass man ihm die seitenlangen moralischen Monologe, in denen der Pfarrer dem Schriftsteller in die Quere kommt, verzeiht.

 So ist auch «Geld und Geist» angelegt. Das traute Leben auf dem Liebiwyl-Hof wird erschüttert, nachdem Bauer Christen sich vom Dorfschreiber zum Spekulieren mit Mündelgeldern hat verleiten lassen und das ihm anvertraute Geld verliert. Dies stiftet unter den Eheleuten Zwietracht. Erst nach einer längeren Zeit des Unfriedens trifft wieder Harmonie im Hause ein. Hier endet der erste Teil der Geschichte.

 

Im zweiten Teil verliebt sich der älteste Sohn Resli in Anne-Mareili, die Tochter des Dorngrütbauern. Man achte hier auf die Namen: dem Liebiwyl-Hof wird das Dorngrüt entgegengestellt.

Doch dem Dorngrütbauern ist das Glück der eigenen Tochter keinen Deut wert, im Gegenteil, er möchte sie an den alten Kellerjoggi, der bereits vier Frauen überlebt hat, verheiraten. Dahinter steckt Kalkül. Er geht davon aus, dass seine Tochter – entgegen aller negativen Vorzeichen – den alten Bauern überleben wird und dann das ganze Erbe in seinen Hof einfliessen lassen kann. Doch die Sache geht für ihn schlecht aus, im Film stürzt er beim Verfolgen seiner fliehenden Tochter zu Tode. Das Buch lässt die Umstände offen, wieso Anne-Mareili plötzlich in der Türe des Liebiwyl-Hofes steht. Jedenfalls steht dem Glück von Resli und Anne-Mareili nichts mehr im Weg.

 

Was ist die Moral der Geschichte? Denn darum geht es in diesem Roman. Ein Kampf zwischen den Verlockungen des Geldes und der rechten Gesinnung findet statt. Der Reichtum als solcher wird nicht in Frage gestellt, im Gegenteil. Der stattliche Hof in Liebiswyl spricht für die Leute, die ihn bewirtschaften. Das sind rechte und «gschaffige» Leut. Gerne wird der Wohlstand zur Schau gestellt. Die Bäuerin Anneli lässt extra das prächtigste Pferd einspannen, auch wenn die Fahrt damit kein Vergnügen wird, oder kramt absichtlich viel im Laden. Denn das spricht sich schnell herum und stärkt die Stellung der Bauersleute. Mit dem Reichtum alleine ist es aber nicht getan. In die Waagschale geworfen wird etwa, wie sauber und gepflegt die Leute auftreten und mehr noch, wie sie sich zu Bettlern und armen Leuten verhalten. So wissen alle weitherum: Vom Liebiswyl-Hof wird niemand weggewiesen, der Not leidet.

Im Gegensatz zum Dorngrüt, wo der verletzte Resli, der von Anne-Mareili aufgenommen worden ist, so schnell wie möglich davongeschickt wird. Was soll man sich um jeden dahergelaufenen Joggel kümmern? Ein Wunder, dass Anne-Mareili in diesem Umfeld eine aufrichtige Seele mit dem Herz am richtigen Fleck geworden ist. Ohne religiöse Haltung geht das nicht.

 

«Geld und Geist» ist aus moralischer Sicht einfach gestrickt. Wer dem Geld ohne rechte Gesinnung nacheifert und nicht davor zurückschreckt, moralische und menschliche Werte dafür zu opfern, wird bestraft. Am Ende gewinnt das Gute. Interessanter als der moralische Zeigefinger ist die psychologische Zeichnung der Figuren. Da wird die Schwarz-weiss-Malerei immer wieder mal aufgehoben und die Schwächen der Menschen werden liebevoll und humorvoll beschrieben. Das macht die Lektüre von Gotthelf aus: dass wir Leserinnen und Leser auch mal schmunzeln können über die kleinen Schwachstellen der Menschen und gleichzeitig eintauchen in dieses bäuerliche Leben, das uns irgendwie anheimelt.

Wie lautet das Fazit aus Gotthelfs Lektüre? Man sollte diesen Schweizer Schriftsteller lesen, die etwas langatmigen Passagen in Kauf nehmen und sich an den Psychogrammen der Protagonisten ebenso freuen wie an den eingestreuten alten Schweizer Begriffen.

 

Hätte Gotthelfs Roman im Programm des Conzett Verlags, der sich im weitesten Sinn mit Geldthemen befasst, einen Platz finden können? Vielleicht – heute würde dem Text eine Modernisierung gut anstehen. Sicher hätte schon damals – wie es heute tut – der durchschlagende Titel «Geld und Geist» Interesse geweckt.