«Geld: ein Versprechen?»

Krisen: Sinnkrise und Augustinus von Hippo (354–430)

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Heute ist er zum Allgemeingut geworden: Der Manager, der für seine Karriere seine Familie aufs Spiel gesetzt und verloren hat. Aber glauben Sie wirklich, das sei eine moderne Erscheinung? Ich erzähle Ihnen ein Beispiel aus dem 4. Jahrhundert n. Chr.

 

Augustinus wurde am 13. November 354 im numidischen Tagaste geboren. Seine Familie hatte die unterste Stufe der Oberschicht erklommen. Der Papa war ein reicher Landbesitzer, und als solcher konnte er für seinen Sohn die beste Bildung kaufen.

 

Bildung war schon damals der Schlüssel zum Erfolg. Ein Aufstieg im römischen Reich war nur möglich, wenn man an den renommiertesten Universitäten Rhetorik studiert hatte. Rhetorik umfasste damals viel mehr als heute. Es war nicht nur die Kunst, mitreißend zu reden. Rhetorik beinhaltete eine umfassende Allgemeinbildung. Ein Rhetor kannte die wichtigste Literatur der Vergangenheit auswendig. Er wusste in der Geschichte Bescheid und in der Geographie. Er hatte gelernt, wen man wie anspricht und wie man sich in den höchsten Kreisen bewegt. Ein gut ausgebildeter Rhetor beherrschte alles, was man brauchte, um in der römischen Verwaltung Karriere zu machen und so zu den Hebeln der Macht aufzusteigen.

 

Der junge Augustinus war intelligent. Er lernte schnell. Und war dabei trotzdem kein Kind von Traurigkeit. Er fand eine Freundin. Und weil das väterliche Geld für eine Familie reichte, machte er sie zu seiner Konkubine.

 

Das Konkubinat im römischen Reich

Ein Konkubinat war damals nichts Ehrenrühriges. Es war ein rechtlich genau definierter Status. Eine Art Ehe zweiter Klasse. Legionäre nahmen sich eine Konkubine, weil das Gesetz es verbot, während des Dienstes in der Legion eine Ehe zu schließen. Die Militärdiplome, die wir aus unseren Museen kennen, sind nichts anderes als die schriftliche Erlaubnis, endlich richtig zu heiraten. Auch hohe Beamte machten eine Frau gelegentlich zur Konkubine, nämlich dann, wenn ihnen eine vollgültige Ehe aus juristischen Gründen verwehrt war.

 

Augustinus dürfte mit seiner Konkubine glücklich gewesen sein. Sie hatten einen Sohn. Und während sie ihm beim Aufwachsen zusahen, machte der stolze Vater unaufhaltsam weiter Karriere. 384 wurde Augustinus nach Mailand berufen. Dort residierte der kaiserliche Hof. Und das stellte den ehrgeizigen Karrieristen vor die entscheidende Frage: Sollte er sich taufen lassen oder nicht?

Der herrschende Kaiser, Valentinian II., war nämlich ein fanatischer Christ ... wie inzwischen alle hohen Beamten. Während es an den Universitäten und unter den reichen Landeigentümern immer noch zahlreiche Heiden gab, musste man getauft sein, um in die obersten Ränge der Macht aufzusteigen.

 

Augustinus wusste das, konnte sich aber nicht entscheiden. Da kam seine Mutter nach Mailand und machte ihm die Hölle heiß. Ihr Sohn hatte das Potential, ihr Sohn sollte Karriere machen. Und dafür musste er halt tun, was man so tun muss. Sich taufen lassen. Natürlich. Ab zum Religionsunterricht. Das war vor der Taufe üblich. Und eine reiche Frau war einer Karriere nur förderlich. Dummerweise hatte Konstantin I. verboten, gleichzeitig eine Ehe und ein Konkubinat zu führen. So schickte Frau Mama die Konkubine weg und ersetzte sie durch eine standesgemäße Verlobte aus der Heimat. Die war reich, Christin und erst 10 Jahre alt.

Aus der Sinnkrise zum bedeutenden Kirchenvater

Mit ihren 10 Jahren war die Frau zu jung zum Heiraten, selbst für römische Verhältnisse. Augustinus musste also warten. Er ging brav zum Unterricht bei den führenden Theologen Mailands, nahm sich hin und wieder eine Bettgespielin, um die Leere in seinem Schlafzimmer auszufüllen und rutschte dabei immer tiefer und tiefer in die Sinnkrise.

 

Denn auf einmal realisierte Augustinus, was er getan hatte. Er war so glücklich gewesen mit seiner Konkubine. Sein Herz hing noch immer an ihr. Doch nun war sie aus seinem Leben verschwunden. Augustinus stand vor der Frage, ob die Karriere das wert gewesen war. Und plötzlich war ihm alles egal.

 

Augustinus stieg aus. Er wollte keine Karriere mehr machen. Was bedeutete ihm die Verwaltung eines Weltreichs? Er widmete sein Leben fortan einem höheren Zweck. Er ließ sich taufen und machte den Dienst an Christus zum einzigen Sinn seines Daseins. So wurde er zu einem der bedeutendsten Theologen der Kirchengeschichte. Die katholische Kirche verehrt ihn als Kirchenlehrer.