«Archaische Zahlungsmittel»

Krisen: Terrorkrise in Russland unter Alexander II. (1855–1881)

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Sie glauben, Terrorismus gäbe es erst heute? Von wegen. Im 19. Jahrhundert litt Russland nicht weniger unter Attentaten, als wir das heute tun. Und wenn man sich die damaligen Verhältnisse ansieht, wird man einiges wieder erkennen, was den Terrorismus auch heute befördert: Eine verzweifelte Situation, die mit den Mitteln der Demokratie nicht zu ändern ist, eine Heroisierung der Terroristen und eine Regierung, die versucht, alle Probleme mittels polizeilicher Maßnahmen und Unterdrückung zu lösen.

Das Russland von Zar Alexander II.

Also, werfen wir einen Blick auf das Russland von Zar Alexander II. Der hatte einiges in Bewegung gesetzt. Er wollte aus Russland eine moderne Nation machen, die im internationalen Wettbewerb mithalten konnte. Zu diesem Zweck initiierte er viele Reformen. Er erneuerte das Schulwesen, das Militär und die Rechtsprechung; er gab den bis dahin leibeigenen Bauern die Freiheit und ein bisschen Land dazu; und er hätte wahrscheinlich noch viel mehr gemacht, hätte er nicht auf den Adel Rücksicht nehmen müssen.

Viele einflussreiche Adlige waren nämlich gegen die Reformen. Sie wollten auf ihre alten Privilegien nicht verzichten, und so verschleppten und unterminierten sie die Befehle, die da aus St. Petersburg kamen. Russland war auch damals schon groß und der Zar weit, weit weg. Alle empörten sich darüber, dass viele Adlige immer noch genauso selbstherrlich waren wie zuvor. Aber bei wem hätte man sich darüber beschweren können?

Zum Eklat kam es wegen einer Kleinigkeit. Irgendwann Ende des Jahres 1877 weigerte sich ein junger Gefangener in einem Petersburger Gefängnis, die Mütze zum Gruß abzunehmen, weil der Gouverneur die Einrichtung besuchte. Der reagierte mit Härte. Er ließ dem Mann 100 Peitschenschläge verabreichen, und das obwohl der Zar ein Gesetz erlassen hatte, das die Züchtigung politischer Gefangener verbot.

Start einer Serie von Attentaten

Natürlich kam der Vorfall an die Öffentlichkeit. Viele Zeitungen schrieben darüber. Viele schimpften, und ein junges Mädchen namens Vera Sassulitsch ging hin, organisierte sich eine Pistole, schoss auf den Gouverneur und verletzte ihn schwer. Sie wurde als Attentäterin vor ein Geschworenengericht gestellt. Und das war eine perfekte Bühne. Auf einmal ging es nicht mehr um den Terrorakt, sondern um das Opfer und die Rechtmäßigkeit von dessen Verhalten. Die Bürger bejubelten die mutige Frau. Die Geschworenen sprachen sie frei und verurteilten damit stillschweigend eine Regierungsform, die solchen Terror nötig machte.

 

Dieser Vorfall brachte der Untergrundbewegung die Unterstützung vieler Sympathisanten. Viele wollten wie Vera Sassulitsch sein. Bald verging keine Woche, ohne dass die Zeitungen ein Attentat auf einen Beamten meldeten. Wer konnte, beendete seine Tätigkeit für die Regierung. Und wer neben einem Beamten wohnte, der zog weg. Korrektes Verhalten im Dienst war nutzlos. Die Terroristen machten keinen Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Mann. Sie nahmen auch keine Rücksicht, wer sonst zu Schaden kam. Was kümmerten sie ein paar Tote? Die musste man eben in Kauf nehmen! Sie fühlten sich den Vertretern des zaristischen Regimes moralisch so überlegen.

 

 

Tödliches Attentat auf Alexander II.

Es interessierte sie auch nicht, dass Alexander II. ein Reformer war. Er musste sterben. Man schoss auf ihn, man warf Bomben, man sprengte einen Flügel des Winterpalais in die Luft. Doch erst mit ihrem fünften Attentat hatten die Terroristen Erfolg. Am 1. März 1881 starb Alexander II., weil er nach einem ersten Attentatsversuch zur Unglücksstelle zurückgeeilt war, um den Verletzten zu helfen.

 

Doch damit hatten die Terroristen den Bogen überspannt. Die Meinung der Öffentlichkeit wandelte sich. Plötzlich sahen die fortschrittlichen Russen in den Attentätern keine Helden mehr, die mit anderen Mitteln für die gleichen Ideale kämpften wie sie selbst, sondern Mörder.

 

Alexander III. und seine Polizei hatten leichtes Spiel. Sie verhafteten die Extremisten, ließen sie hinrichten oder schickten sie ins Exil.

 

Gelöst war damit allerdings kein einziges Problem. Immer noch sehnten sich viele gebildete Russen nach einem gerechten Regierungssystem. Immer noch existierte keine demokratische Möglichkeit, diese Sehnsucht zu verwirklichen. Unter Alexander III. und seinem Nachfolger Nikolaus II. gab es keine Reformen. Dafür kam die Revolution.

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