«Faszination Gold»

Das duale Währungssystem von Bali

 zurück

Sparbeschlüsse sind heute an der Tagesordnung, die finanziellen Ressourcen von Staaten, aber auch vielen mittelständischen und kleinen Unternehmen sind knapp. Längst können nicht mehr alle Bedürfnisse einer Gesellschaft mit Mitteln offizieller Währungen beglichen werden. Komplementäre Geldsysteme – d.h. Währungen, die eine nationale ergänzen – können dieses Problem entschärfen. Wie fruchtbar die Koexistenz einer nationalen mit einer komplementären Währung sein kann, zeigt das Beispiel Bali.

 

Bali ist eine der vielen Inseln, die zu Indonesien gehören.

Seit über 1000 Jahren organisiert auf Bali die Bevölkerung ihr öffentliches Leben auf eine ganz besondere Weise. Es ist ein Netzwerk von sozialen, ökonomischen und kulturellen Einrichtungen, welches den gesamten zivilen Bereich der Gemeinschaft umfasst. Die wichtigste dieser Institutionen nennen die Balinesen Banjar, was «Nachbarschaft» oder «Gemeinschaft» bedeutet.

Im Banjar spielen zwei grundverschiedene Währungen eine zentrale Rolle: die Landeswährung Rupiah und eine lokale Zeitwährung. Dieses Nebeneinander von zwei Währungen, wird als duales Währungssystem bezeichnet.

Dem MoneyMuseum ist es ein Anliegen aufzuzeigen, wie diese beiden Währungen funktionieren und welche Auswirkungen sie auf die sozialen Beziehungen der Menschen haben.

Es kann uns im Westen Impulse geben und uns ermutigen, bei der Finanzierung und Umsetzung von sozialen Aufgaben − wie dem Pflegen von alten oder kranken Menschen, der Betreuung von Kindern oder dem Durchführen von kulturellen Projekten − neue Wege zu gehen.

Dieser Bericht stützt sich auf die Forschungsarbeit von Bernard Lietaer und Stephen DeMeulenare, welche das Banjar mit seinem dualen Währungssystem vor Ort untersucht haben.

Bernard Lietaer ist Professor an der Naropa-Universität in Bolder, USA, und Experte für Währungssysteme sowie Autor zahlreicher Bücher und Publikationen. «Das Geld der Zukunft» und «Mysterium Geld» sind seine bekanntesten Bücher.

Stephen DeMeulenare ist Projektleiter der Strohalm Foundation und deren Vertreter in Asien. Die Strohalm Foundation ist eine niederländische Stiftung, die sich weltweit für sozial gerechte und ökologisch nachhaltige Wirtschaftsbedingungen einsetzt.

Wie Bali den Gefahren des Massentourismus begegnet

Bali gehört zu den beliebtesten Reisezielen Indonesiens. Jährlich besuchen 4 Millionen Touristen das Inselparadies mit seinen 3,3 Millionen Einwohnern.

Bei einem solchen Ansturm von Massentourismus zerfällt in der Regel eine traditionelle Lebensweise. Mit fatalen Folgen: Während die einen durch den Verlust herkömmlicher Lebens- und Verdienstmöglichkeiten verarmen, werden einige im Geschäft mit dem neuen Wirtschaftszweig immer reicher. So schwindet der gesellschaftliche Zusammenhalt.

Auf Bali ist das nicht so.

Die vorwiegend hinduistische Bevölkerung lebt ihre Religion und traditionelle Kultur heute noch im Alltag. Sie hat Alt und Neu zu einer eigenen Lebensweise verschmolzen.

Dazu gehören tägliche Opfergaben für die Götter, verschiedene rituelle Anlässe und eine Vielzahl von Feierlichkeiten. An ihnen nehmen alle Bevölkerungsgruppen teil, egal welchen sozialen Schichten sie angehören. Die Balinesen tanzen und singen nicht nur für die Touristen, sondern nach wie vor für sich selbst und ihre Götter.

Diese kulturelle Vielfalt konnte Bali vor allem dank seines dualen Währungssystems bewahren. Die beiden Währungen, die in Gebrauch sind, unterstützen eine äusserst stabile Gesellschaftsform. Es ist eine Gesellschaftsform, in der männliche und weibliche Werte gleichwertig sind. «Männlich» und «weiblich» sind aber nicht in dem uns geläufigen Sinn zu verstehen. Wir bringen die beiden Begriffe normalerweise mit dem weiblichen oder männlichen Geschlecht in Verbindung. In der balinesischen Gesellschaft kommt ihnen jedoch eine viel umfassendere Bedeutung zu.

Sie fusst auf der Philosophie des Taoismus. Im alten China war der Taoismus neben dem Konfuzianismus die bedeutendste philosophische Strömung, welche den Alltag der Menschen grundlegend beeinflusst hat. Dieser Einfluss macht sich nicht nur in China, sondern im gesamten asiatischen Raum noch heute bemerkbar − auch auf Bali.

Der Einfluss des Taoismus

Im Taoismus werden alle Kräfte in sich gegenseitig ergänzenden Paaren wahrgenommen. Solche Paare bilden Erde − Himmel, Wasser − Feuer, einatmen − ausatmen, ziehen − stossen usw. Die Gegensätze werden entsprechend ihrer Eigenschaften dem Yin, dem passiv-weiblichen Prinzip, oder dem Yang, dem aktiv-männlichen Prinzip, zugeordnet. Taoisten sehen diese Kräfte als ergänzende Komponenten einer einzigen Einheit, obwohl sie offensichtlich verschieden sind.

Das Gleichgewicht zwischen diesen Kräften ist der Kern der taoistischen Weltsicht, da beide für einander notwendig sind. Wie bei einem Magnet oder einer Batterie müssen beide einen positiven und einen negativen Pol haben. Keiner kann ohne den andern existieren. In unserer westlichen Kultur sind wir es nicht gewohnt, auf solche Weise zu denken. Wir verfügen daher auch nicht über die entsprechenden sprachlichen Begriffe für Yin und Yang.

Was wäre also anders in einer Welt, in der das weibliche Prinzip ebenso geachtet würde wie das männliche?

Stellen Sie sich eine Welt vor, in welcher das Bewusstsein für Langzeitinteressen der Menschen und unseres Planeten die Kurzzeitinteressen von Geschäftswelt und Industrie ausbalancierten, in welcher bewusste Kooperation und gesunder Wettbewerb nebeneinander Platz haben und die Betreuung von Kindern sowie das Sorgen für alte Menschen ebenso geachtet werden wie Investment Banking.

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der es bedeutungsvolle Arbeit für alle gibt, jedoch gleichzeitig genügend Zeit für Familie, Gemeinschaft und persönliche Anliegen. Es wäre eine Welt, die Bewahren und Konsumieren ermöglicht, die nicht nur unsere materiellen, sondern auch unsere geistigen und seelischen Bedürfnisse befriedigt und welche die Vielfalt des Lebens achtet. Kurz, es wäre eine Welt im Gleichgewicht.

Bali macht es uns vor ...

Die zwei Währungsarten Balis

Während Jahrhunderten hat Bali von zwei Währungsarten gleichzeitig Gebrauch gemacht. Die erste ist die Rupiah, die indonesische Nationalwährung, die durch die Zentralbank herausgegeben und verwaltet wird. Die Balinesen haben nicht mehr Einfluss auf sie als die Amerikaner auf ihren Notenbankchef.

Die zweite Währung ist Nayahan Banjar, was "Arbeit für das Gemeinwohl" bedeutet. Die Recheneinheit dieser Währung ist ein Arbeitseinsatz von 3 Stunden. Dieser Einsatz wird am Morgen, Nachmittag oder am Abend geleistet. Zum Einsatz gerufen werden die Leute mit dem Kulkul, einem speziellen Gong aus Holz.

Auf diese Zeitwährung haben die Balinesen im Gegensatz zur Landeswährung direkten Einfluss.

Denn jede Familie ist Mitglied im Banjar, der wichtigsten zivilen Organisationseinheit Balis, und muss einen Vertreter an die regelmässig stattfindenden Versammlungen schicken. Die Führer der Banjars werden durch Mehrheitsbeschluss der Mitglieder gewählt und können auf die gleiche Weise auch wieder abgesetzt werden. Jedes Mitglied ist gleichberechtigt und besitzt eine Stimme: Wohlhabenderen oder ranghöheren Mitgliedern wird kein besonderer Status gewährt.

Durchschnittlich einmal pro Monat treffen sich die Mitglieder im Bale Banjar, dem Versammlungsort, um sich offen zu beraten und Beschlüsse zu fassen. An diesen Zusammenkünften schlagen die Mitglieder neue Aktivitäten vor oder berichten über die laufenden Projekte. Gleichzeitig entscheiden sie über Beiträge in Form von Zeit und Geld für jedes Projekt.

Es werden gemeinsam Feste organisiert, Tempel in Stand gehalten, wenn nötig sogar Schulen und Strassen gebaut. Jedes Banjar verwaltet so seine eigene Zeitwährung.

Warum ist nun dieses duale Währungssystem für die Erhaltung von Gemeinschaftssinn und traditionellen Werten so wichtig?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir nochmals zur taoistischen Weltsicht mit dem Gleichgewicht von Yin und Yang zurückkehren.

Die Merkmale beider Währungsarten aus taoistischer Sicht

Sämtliche Denk- und Handlungsweisen einzelner oder ganzer Kulturen lassen sich entsprechend ihrer Eigenschaften dem Yin, also dem passiv-weiblichen Prinzip, oder dem Yang, dem aktiv-männlichen Prinzip, zuordnen.

Wenn wir die Merkmale von Landeswährungen, die auf der ganzen Welt mehr oder weniger gleich funktionieren, nach dem Prinzip von Yin und Yang ordnen, erkennen wir, dass eine Landeswährung ausschliesslich Yang-Eigenschaften aufweist. Zentrale Autorität und Wettbewerb sind ihre herausragenden Merkmale.

Im Gegensatz dazu entspricht die Zeitwährung dem Yin: Sie wird auf einer demokratischen Basis geschaffen und bewirkt Kooperation. Gegenseitiges Vertrauen und Gemeinschaft verkörpern ihre herausragenden Eigenschaften.

Betrachten wir prägende Denk- und Handlungsweisen einer Kultur ebenfalls unter diesem Blickwinkel, dann stellen wir fest, dass unsere westliche Kultur yangbetont ist.

Wettbewerb, rationales Handeln, der Ansporn zu Höchstleistung sowie Tun- und Habenwollen gehören dazu.

Während in einer yinbetonten Kultur Kooperation, Intuition, Ausdauer und Sein im Mittelpunkt stehen.

Diese Eigenschaften von Yang und Yin werden im taoistischen Sinn auch als Begriffspaare verstanden, die zeigen, wie sich Yin und Yang ergänzen. Sie bilden ein Ganzes, das in sich im Gleichgewicht ist:

Wettbewerb wird durch Kooperation ausgeglichen, rationales durch intuitives Handeln. Höchstleitung in Wirtschaft und Technik wird durch Ausdauer bei sozialen und ökologischen Aufgaben ausbalanciert. Tun- und Habenwollen finden ihren Ausgleich im Sein.

Was hat das nun mit Geld zu tun?

Yang-Aspekte dominieren das westliche Wirtschaftssystem

Geld ermöglicht − abgesehen von echten zwischenmenschlichen Beziehungen − fast alles: Wenn wir Geld haben, können wir uns Essen, Kleidung, aber auch einen neuen Camcorder, die neuste Musik oder ein schnelles Auto kaufen. Geld verkörpert aber auch Ansehen und Macht. Dadurch hat es eine ungeheure Motivationskraft, egal in welchem kulturellen Umfeld wir uns bewegen. Dieser Tatsache sind wir uns in der Regel bewusst.

Wir sind uns jedoch kaum bewusst, dass die Art und Weise, wie eine Gesellschaft ihr Geld schöpft und verwaltet, einen tief greifenden Einfluss auf Werte und Beziehungen hat. Denn damit werden ganz bestimmte kollektive Verhaltensmuster ermutigt oder unterdrückt.

In unserem westlichen Wirtschaftssystem dominieren zum Beispiel Wettbewerb, Technologie und Höchstleistung – alles Yang-Aspekte. Es ist kein Zufall, dass Kooperation, Sozialkompetenz und Nachhaltigkeit zwar als Schlagworte existieren, im Alltag jedoch eine untergeordnete Rolle spielen.

Denn unser reines Yang-Geldsystem fördert hoch spezialisierte Wissenschaften, globalen Handel, zentrale Verwaltungsstrukturen − und eine immer ungleichere Verteilung finanzieller Ressourcen innerhalb der Gesellschaft.

Durch das gänzliche Fehlen einer Yin-Währung bleiben dabei die sozialen, zwischenmenschlichen Bereiche zunehmend auf der Strecke: Für die Pflege von alten oder kranken Menschen, für die Ausbildung von Jugendlichen, für Kunst oder kulturelle Projekte steht immer weniger Geld zur Verfügung. Und es muss in der Regel hart dafür gekämpft werden, dass Budgets in diesen Bereichen nicht gekürzt oder ganz gestrichen werden.

Das duale Währungssystem Balis, bei dem beide Währungsarten − also eine Yin- und eine Yang-Währung − genutzt werden, weist diesen Mangel nicht auf.

Ein solches Währungssystem schafft mehr Flexibilität als ein System mit nur einer Währung, wie wir es kennen.

Zeit und Geld sind für den sozialen Zusammenhalt gleich wichtig

Leute mit viel Geld haben in der Regel wenig Zeit und Leute mit wenig Geld mehr Zeit. Das duale Geldsystem Balis nutzt diesen Umstand: Das Banjar in ärmeren Gemeinden bevorzugt automatisch Projekte mit einem grösseren Zeitaufwand, während in reicheren Gemeinden die teureren Rupiah-Projekte den Vorrang haben. In beiden Fällen können lokale Ressourcen mobilisiert werden, um zu verwirklichen, was die Gemeinschaft als wichtig erachtet.

Und in allen Fällen ist immer eine Mischung von Rupiah-Geld und Zeitgeld involviert. Nur die proportionale Zusammensetzung variiert. Dabei sind die beiden Währungen gleichwertig. Gemäss der Aussage verschiedener Banjar-Führer spielt Zeit für den sozialen Zusammenhalt innerhalb des Banjars sogar die wichtigere Rolle als die Rupiah: Bei der gemeinsamen Arbeit lernen sich die Leute erst richtig kennen und es finden Kontakte statt, die in einer reinen Rupiah-Wirtschaft nicht stattfinden würden. Wer seinen Beitrag an die Gemeinschaft nur in Rupiah leistet, ist auf die Dauer nicht gern gesehen. So entsteht an Stelle einer immer grösseren Kluft zwischen Arm und Reich ein Ausgleich zwischen den sozialen Klassen.

Und so kommt es auch, dass religiöse und kulturelle Feste mit viel Liebe zum Detail und künstlerischem Aufwand vorbereitet werden und gefeiert werden.

Jede Gesellschaft benötigt einen Yang- und einen Yin-Wirtschaftskreislauf

Jede Gesellschaft benötigt einen Yang-Wirtschaftskreislauf und einen Yin-Wirtschaftskreislauf. Sonst geschieht das, was wir heute erleben: Wichtige Yin-Funktionen wie das Grossziehen und Unterrichten von Kindern oder die Betreuung von alten Menschen werden "unbezahlbar". Personal wird gestrichen und Leistungen nicht mehr im gewohnten Umfang erbracht. Natürliche Lebensgrundlagen werden zerstört.

Wo immer das Monopol einer Yang-Währung herrscht, werden die Yin-Funktionen weniger anerkannt und wertgeschätzt und entsprechend weniger finanzielle Mittel dafür bereitgestellt. Es kommt zu weniger Solidarität und weniger kreativen Gruppenaktivitäten als in Gesellschaften mit einem dualen Yin-Yang-Währungssystem. Deshalb ist der Zerfall der Gemeinschaft eine Folge des Monopols der Yang-Währung.

Wenn − wie auf Bali − hingegen gleichzeitig eine Yin- und eine Yang-Währung in Gebrauch sind, entstehen zwei sich ergänzende Wirtschaftskreisläufe. Der eine hält den kommerziellen Bereich in Schwung, der andere den sozialen, wobei jeder Kreislauf den anderen unterstützt und ergänzt.

Ein duales Währungssystem ist kein magischer Zauberstab, der automatisch Dritte-Welt-Armut und kulturellen Zerfall oder Gewalttätigkeit verhindern kann. Bali ist nicht das Paradies, in dem Milch und Honig fliessen, wie es in den Reisebroschüren dargestellt wird. Es gibt Konflikte auf Bali, Verbrechen geschehen und die Umweltverschmutzung nimmt ebenfalls zu. Aber die Häufigkeit und der Schweregrad solcher Vorkommnisse liegen auf einem Niveau, mit dem eindeutig besser umgegangen werden kann als an anderen Orten auf dieser Welt.

Ausblick – was können wir von Bali lernen?

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs. Was früher sicher schien, ist ungewiss geworden. Oder gar verschwunden. Auch der Geldbereich ist im Wandel. Mit der Globalisierung haben sich einige wenige grosse Yang-Währungsblöcke gebildet. Im Westen wie im Osten. Gleichzeitig tun sich aber neue Horizonte auf. So sind inzwischen weltweit Tausende von lokalen Yin-Währungen am Entstehen. Eine Entwicklung, die erst begonnen hat.

Von Bali können wir lernen, wie zwei verschiedene Geldformen nebeneinander funktionieren und was sie innerhalb einer Gesellschaft zu bewirken vermögen.

Zeit ist dort Geld – aber in einem ganz anderen Sinn und mit anderen Folgen, als wir das bei uns kennen.