«Geld: ein Versprechen?»

Die Reden des Südseehäuptlings

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Es geht  (unter anderem) um die Zeit, und die ist immer knapp. So knapp, dass jeder Einzelne am Handgelenk ein Messgerät trägt, um zu wissen, wie viel er davon heute noch hat. Der Südseehäuptling aus dem paradiesischen Samoa wundert sich, dass wir «die Zeit» nicht hinterfragen. Unsere Lektorin stellt in diesem Video das Kultbuch der 1970er vor. Das Buch verkauft sich immer noch gut ... ewige Wahrheiten bleiben aktuell.

Der Papalagi ist als gedrucktes Buch oder als E-Book im Oesch Verlag erhältlich.

 

Haben Sie sich schon mal überlegt, warum Sie Schuhe tragen? Oder warum Sie immer eine Geldbörse bei sich haben? Nein? Dann geht es Ihnen wie den meisten Europäern. Wir hinterfragen die Dinge unseres Alltags kaum. Aber einer hat es getan: der Südseehäuptling Tuiavii von Samoa.

Mein Name ist Ursula Kohler und ich bin Programmleiterin des Oesch Verlags, der das reizende Büchlein über den Papalagi herausgibt. Papalagi bedeutet so viel wie der Weisse oder der Fremde. Worum es in den Reden des Häuptlings geht, erzähle ich Ihnen in den nächsten paar Minuten.

Vielleicht waren Sie wie ich in den 70er-Jahren jung. Dann kennen Sie den Papalagi mit grosser Wahrscheinlichkeit. Das kleine Bändchen mit den Reden des Südseehäuptlings Tuiavii erlebte zu jener Zeit gerade ein Revival.

Die Europäer durch die Augen des Südseehäuptlings gesehen

Doch weshalb wurde das 1920 erstmals erschienene Büchlein plötzlich wieder gelesen und ist bis heute aktuell geblieben. Ganz einfach: Häuptling Tuiavii aus Samoa hält den Weissen, uns Europäern, einen Spiegel vor. Wir sehen darin einen Menschen, der sich sehr weit von einer natürlichen Lebensweise entfernt hat. Der kritische Blick auf unser Leben, das von Industrialisierung und Kapitalismus geprägt ist, wird in einer bildlichen und naiven Sprache ausgedrückt.

Leben Sie in einer Stadt? Dann sind Sie – nach unserem Häuptling – ein Spaltenmensch, der in steinernen Truhen lebt und sich mit Lendentüchern bedeckt.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit leiden Sie an gewissen Tagen unter Stress. Doch Tuiavii schüttelt nur den Kopf darüber, dass der Papalagi nie Zeit hat, obwohl doch von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang viel mehr Zeit da ist, als ein Mensch je gebrauchen kann.

Je schillernder der Südseehäuptling die Unsitten der Weissen beschreibt, desto mehr taucht im Gegenzug die Idylle der Südseeinsel Samoa auf. Es ist ein entspanntes, ein befreites Leben in der Natur, das wie ein Traum vor unserem inneren Auge aufsteigt.

Doch zurück nach Europa: Kritisch beleuchtet der Südseehäuptling das runde Metall und das schwere Papier, das der Papalagi Geld nennt. Zwischen ihren Lendentüchern und zusammengefalteten harten Häuten schleppen es die Weissen herum, bei seinem Anblick leuchten die Augen und Speichel tritt sogar auf ihre Lippen.

Erstaunt ist Tuiavii, dass man auch mit einem demütigen Lächeln und dem freundlichsten Blick nichts bezahlen kann, nein, im Gegenteil, sogar für die Geburt muss man bezahlen und nach dem Tod noch dafür, dass der Leib in die Erde gegeben und ein grosser Stein auf das Grab gerollt wird.

Aber nicht alle, die Geld haben, arbeiten auch viel. Denn zahlreiche Weisse häufen das Geld an, das andere für sie gemacht haben, bringen es an einen gut behüteten Ort, bringen immer mehr dahin, bis sie eines Tages keine Arbeiter mehr brauchen, denn nun arbeitet das Geld selbst für sie. Wie dies ohne wilde Zauberei möglich ist, ist dem Häuptling nicht klar.

Doch was willst du mit deinem vielen Gelde machen, fragt er, wenn du dich auf der Erde doch nicht viel mehr als einkleiden, deinen Hunger und Durst stillen kannst.

Ja, er weiss sich in klugen Worten auszudrücken, unser Südseehäuptling. Doch wer ist er? Das werden wir wohl nie erfahren. Sicher ist, dass der Autor Erich Scheurmann 1914 auf Samoa lebt, wo er vom Ausbruch des 1. Weltkrieges überrascht wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der 1878 in Hamburg geborene Schriftsteller an einer Weggabelung seines Lebens angelangt. Zusammen mit seiner Frau musste er den frühen Tod ihrer drei Kinder verkraften. Die Reise nach Samoa, mit einem Vorschuss seines Verlegers finanziert, soll Distanz zu dem Geschehen schaffen. Über die USA verlässt Erich Scheurmann während der Kriegsjahre die Insel und kann erst 1918 nach Deutschland zurückkehren. 1920 erscheint der Papalagi und wird innert Kürze zum Kultbuch der Jugend. Nach der silbernen Hochzeit mit seiner Frau kommt es zur Trennung und Scheurmann lernt Anfang 30er-Jahre ein 17-jähriges Mädchen kennen, das seine zweite Frau wird. Zusammen hat das Paar sechs Kinder. 1957 stirbt Erich Scheurmann. Die Neuausgabe seines Werks erscheint erst 20 Jahre später, im Jahr 1977.

Der Papalagi wurde weltweit von über 1,5 Millionen Leserinnen und Lesern gelesen. Er ist in zahlreiche europäische Sprachen sowie Chinesisch und Japanisch übersetzt worden. 2013 ist eine hebräische Ausgabe erschienen. Was könnte die Zeitlosigkeit dieses Werks besser belegen? Das ist in der Tat das erstaunlichste, dass der Text – obwohl bald 100-jährig – nie veraltet wirkt.

Was bleibt uns kurz zusammengefasst vom Papalagi?

  • Erstens: Er hält uns Europäern einen Spiegel unseres Lebens vor.
  • Zweitens: Die Botschaft ist in den 20er- und 70er-Jahren genauso schlicht und kraftvoll wie heute:
  • Drittens: Achte auf das Einfache.