«Archaische Zahlungsmittel»

Honoré de Balzac, Vater Goriot

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Publiziert von Diogenes, 2007

 

 „Geld ist Leben. Vermögen bedeutet alles.“ Das sind die verzweifelten Worte von Vater Goriot in einem der Schlüsselmomente des gleichnamigen Romans von Honoré de Balzac. Gerade hat der frühere Nudelfabrikant erfahren, dass seine beiden Töchter dem finanziellen Ruin nahe sind. Dabei hatte er sie reich verheiratet, sein eigenes Wohl immer hintan gestellt. Gedankt wird es ihm nicht. Verleugnen lassen sich Delphine und Anastasie, als er krank und verarmt um ihren Besuch bittet. So stirbt er einsam „wie ein Hund“. Er, der sich zuvor „wie ein Hund“ um ihre Zuneigung bemüht hatte.

 

Mit „Vater Goriot“ beleuchtet Honoré de Balzac beispielhaft den Aufstieg und Fall von einem, der mit Spekulation reich geworden ist und doch alles verliert. Zu spät begreift der alte Mann, dass alles und alle am Geld hängen, sich die wirklich wichtigen Dinge aber für Geld nicht kaufen lassen.

 

In nur wenigen Wochen geschrieben und 1834/35 in einer Pariser Zeitschrift veröffentlicht, bildet das Werk mit den „Szenen aus dem Privatleben“ („Scènes de la vie privée“) den Romanzylus „Die menschliche Komödie“ („La Comédie humaine“). Entgegen Dantes „Göttlicher Komödie“ geht es Balzac nicht um die Menschenseelen im Jenseits, sondern um menschliches Dasein im Diesseits. Zeitlich siedelt der Autor das Geschehen in der Folge der Französischen Republik an, in der Restauration bis 1830. Die Pariser Gesellschaft zeichnet er als durch und durch verdorben, korrupt und geldgierig.

 

Der Schauplatz für das Treffen archetypischer Personen ist die leicht schmierige Pension der Madame  Vauquer im Paris des Jahres 1819. Da gibt es den jungen Rastignac, der zur feinen Gesellschaft gehören will. Dort angekommen, stößt ihn deren Verkommenheit ab. Der Halunke Vautrin hat das alles bereits durchschaut und ist doch genauso kalt und berechnend.

Die Töchter Delphine und Anastasie streben nach guten Partien, die sie sich von ihrem Vater aufwändig einfädeln lassen. Einmal erreicht, schauen sie auf ihren Vater herab. Vater Goriot wiederum verdankt seinen Reichtum der Spekulation mit Getreide. Es ist also das Elend anderer, das ihn und seine Familie ernährt.

Der Macht des Geldes erliegen sie schließlich alle. Von Luxus und Wohlstand geblendet, spielen und manipulieren sie. Immer in der Hoffnung, zu den Gewinnern eines gnadenlosen Systems zu gehören.

 

Der Autor wusste, wovon er schrieb. Vor seinem Hauptwerk „Die menschliche Komödie“ hatte sich der 1799 in Tours geborene Honoré de Balzac an verschiedenen Werken und Formaten versucht. Ein gutes Auskommen sicherte ihm dieses literarische Schaffen nicht. So suchte Balzac schon früh die Nähe vermögender Damen, die ihm – Vater Goriot nicht unähnlich – finanziell unter die Arme griffen. Diesem erfolgreichen Prinzip sollte er lange treu bleiben, auch als er ab den 1830ern zu einem vielgelesenen Autor avancierte. Obwohl der arbeitswütige Honoré de Balzac 1845 das Kreuz der Ehrenlegion erhielt, bemängelten Kritiker seinen Stil als zu formlos.

 

Dem Verdienst Balzacs tut dies keinen Abbruch. Bis heute hält er dem Menschen den Spiegel vor. Seine nüchterne Beschreibung, welche Macht die Menschen dem Geld verleihen, war selten so aktuell wie heute.

 

Annika Backe