«Historische Karten»

Jane Austen, Verstand und Gefühl

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1984

 

Jane Austen (1775-1817) zählt zu den erfolgreichsten englischen Schriftstellerinnen aller Zeiten. Der Personenkult, der die Autorin umgibt, gleicht dem um William Shakespeare, mit dem sie auch auf Grund ihres schriftstellerischen Talents zuweilen verglichen wird. Dass sie als weibliche Autorin eine solche Verehrung erlebt ist vor dem Hintergrund der Zeit, in der sie lebte, nicht selbstverständlich. Frauen als Literaturschaffende bekommen erst im Laufe des 18. Jahrhunderts Zugang zum Markt und so erscheint „Verstand und Gefühl“ 1811 lediglich unter dem Zusatz „by a lady“. Doch Austens Romane verkaufen sich gut; so gut, dass später veröffentlichte Bücher mit dem Zusatz „by the author of Sense and Sensibility“ beworben werden.

Jane Austen zeigt schon früh in ihrem Leben literarische Begabung. Sie versucht sich schon in ihren Jugendjahren an parodistischen Theaterstücken und Novellen, beispielsweise an einer humoristischen Geschichte Englands, die ihre Schwester mit Herrscherportraits illustriert. „Verstand und Gefühl“ schreibt sie mit nicht mal 20 Jahren.

Zentrale Themen in all ihren Romanen sind Geld und Liebe. Die finanzielle Abhängigkeit der Frau vom Mann im 18. und frühen 19. Jahrhundert ist die Grundlage für diese Dynamik. Häufig ist der Verlust der finanziellen Absicherung durch den Tod eines männlichen Verwandten und die daraus resultierende relative Armut der Frauen das Anfangsmotiv ihrer Geschichten. So auch in ihrem erster Roman. „Verstand und Gefühl“ handelt von den Schwestern Elinor und Marianne Dashwood, die zunächst einen Großteil ihres Einkommens verlieren und dann einige romantische Irrungen und Wirrungen durchleben müssen, um das Ziel einer glücklichen Ehe und finanziellen Absicherung zu verwirklichen.

Auf den ersten Blick mögen Austens Romane trivial erscheinen. Immerhin geht es hauptsächlich um „die Nichtigkeiten des täglichen Daseins, die Gesellschaften, Picknicks und ländlichen Tanzvergnügen“, wie es Virginia Woolf treffend beschreibt. Doch Woolf ist eine große Bewunderin Austens und ihres literarischen Genies. So konstatiert sie, dass Austen bereits „mit fünfzehn wenig Illusionen über andere Menschen und keine über sich selbst [hat]. Was sie auch immer schreibt, ist geschliffen und geformt und in seine Beziehung gesetzt – nicht zum Pfarrhaus, sondern zum Universum.“

Mit einem tiefem Weltwissen geboren, mit einer selten scharfen, präzisen Beobachtungsgabe für die menschliche Natur, mit außergewöhnlich nuancierten Charakterzeichnung gehört Austen für Woolf zu den „konsequentesten Satirikern in der gesamten Literatur: …Nie hat ein Romancier größeren Gebrauch von einem makellosen Sinn für menschliche Werte gemacht. Ein unbeirrbares Herz, ein unfehlbar guter Geschmack, eine nahezu herbe Moral – vor diesem Spiegel stellt Jane Austen jene Abweichungen von Güte, Wahrheit und Aufrichtigkeit zur Schau, die zum Bezauberndsten der englischen Literatur gehören.“ 

 

Teresa Teklić