«Sprechende Münzen»

Martin Luther, Die Tischreden, 1567

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Martin Luther, Die Tischreden

Publiziert von Peter Schmidt (Frankfurt), 1567

 

Wenn jemand den katholischen Heiligen echte Konkurrenz gemacht hat, dann war das Martin Luther, der große Reformator. Noch zu Lebzeiten fertigte die Werkstatt des berühmten Malers Lucas Cranach rund 500 Bilder von ihm an. Heute ist Martin Luther wohl die Gestalt der deutschen Geschichte, die am häufigsten abgebildet wurde. Natürlich betete ihn keiner seiner Nachfolger im protestantischen Glauben an, aber auch die Katholiken behaupteten ja, sie würden ihre Heiligen nicht anbeten, sondern lediglich verehren.

 

Luther wurde zur großen Identifikationsgestalt der deutschen Reformation, auch wenn andere Reformatoren den protestantischen Glauben nicht minder geprägt haben. Philip Melanchthon zum Beispiel verfasste nicht nur die erste systematische Zusammenfassung des neuen Glaubens, sondern auch die Confessio Augustana, das Glaubensbekenntnis, das eine breite Mehrheit der deutschen Reformierten akzeptieren konnte. Seine Schriften wurden entscheidend dafür, was ein Protestant zu glauben hatte.

 

Diese beherrschende Rolle gefiel nicht allen Theologen. Eine Gruppe von ihnen, die sich als „Gnesiolutheraner“ bezeichneten, also als die echten Lutheraner, verteidigten ihre Lehrmeinungen als die wahre Lehre Luthers. Zu ihnen gehörte der Theologe Johannes Aurifaber (1519-1575). Er begann, die unveröffentlichten Schriften Luthers zu sammeln, darunter vieles, das der große Reformator nie für eine Veröffentlichung vorgesehen hatte. Aurifaber publizierte rund 20 Jahre nach dessen Tod zahlreiche Predigten, Briefe und – mit über 20 Auflagen das erfolgreichste seiner Werke – die Tischreden.

 

Sie basieren auf mehr oder minder zufälligen Mitschriften all dessen, was Gäste am Tisch Martin Luthers notierten. 1531 begann der Zwickauer Pfarrer Konrad Cordatus mit seinen Notizen. Sein Beispiel ahmten bald andere nach. So kursierten eine ganze Reihe von unautorisierten Mitschriften, teils wörtlich, teils zusammenfassend, ehe sie Aurifaber – durch seine eigenen Ergänzungen „verständlich“ gemacht – publizierte.

 

Man mag heute durchaus zweifeln, wie authentisch die so zusammengekommenen Gespräche sind. Vergessen wir nicht, jeder Besucher hatte für seine Mitschrift einen eigenen Schwerpunkt, hielt wahrscheinlich genau die Worte Luthers fest, die das untermauerten, was er sowieso glauben wollte. Und diese Mitschriften gingen ein zweites Mal durch die Redaktion Aurifabers, wichtiger Vertreter der Gnesiolutheraner, der seine eigenen Ansichten darüber hatte, was Luther sagen wollte.

 

Nichtsdestotrotz prägte Aurifaber unser Bild von Luther nachhaltig. Erst 1883 wurde die erste historisch-kritische Ausgabe seiner Tischreden publiziert. Darin erscheint der Autor als umtriebiger Literat mit einer eigenen Agenda, der sich kaum um Quellen kümmerte. Kein guter Ausgangspunkt dafür, die Tischreden allzu wörtlich zu nehmen.

 

Nichtsdestotrotz malte Aurifaber ein Bild vom großen Reformator, wie ihn seine Anhänger nur zu gerne erlebt hätten: Einfach, bodenständig, als Hausvater am Familientisch sitzend, den Gästen verständlich seine Auffassung des Christentums erläuternd, und zwar so, dass jeder ihn verstehen konnte.

 

Ursula Kampmann