«Geld in der Römischen Republik»

Mythos der um 400.000 Pfund verkauften Freiheit – Schottland, die gescheiterte Panama-Expedition und der Act of Union

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Ich kann mich noch gut erinnern. Es war verdammt knapp, als Schottland mit 55,18 % für sein Verbleiben im Vereinigten Königreich von Großbritannien stimmte. Natürlich waren dafür vor allem wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend. Und das ist eigentlich nur logisch, denn die Wirtschaft stand auch im Mittelpunkt, als Schottland 1707 Teil des Vereinigten Königreichs wurde. Und das kam so.

 

Die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war eine Zeit, in der sich die Weltwirtschaft radikal wandelte. Waren früher einzelne Entdecker über den Atlantik gefahren, brachten jetzt internationale Handelsgesellschaften lukrative Rendite. Fürsten, Könige und reiche Bürger investierten in den Handel, in Manufakturen und Bergwerke. Straßen und Kanäle wurden gebaut. Die Wirtschaft boomte.

Und in Schottland konnte man nur neidvoll nach London oder Amsterdam blicken. Im eigenen Land gab es weder Infrastruktur noch Investitionen von Seiten des Königs. Der kümmerte sich ausschließlich um das reichere England, das er mit Schottland seit 1603 in Personalunion beherrschte. Und so half er auch nicht, als Schottland in den 1690er Jahren von einer schrecklichen Hungersnot heimgesucht wurde. Bis zu 25 % der Bevölkerung sollen in ländlichen Gebieten damals umgekommen sein.

 

Die Wirtschaft lag also darnieder, und es brauchte irgendeine Initiative, um den Schotten wieder neuen Mut zu geben und sie am Wohlstand der übrigen Welt teilhaben zu lassen. Besonders kreativ wurden die Politiker nicht. Sie taten, was andere schon lange vorher getan hatten. Unter anderem gründeten sie nach dem Vorbild der East India Companies ihre eigene Handelskompanie, die Company of Scotland.

 

Schon bei der Kapitaleinwerbung gab es die ersten Schwierigkeiten. Man hatte nämlich eigentlich geplant, Geld auf dem internationalen Markt einzusammeln. Doch die britische East India Company ging vor Gericht. Man habe in Schottland kein königliches Privileg, was natürlich stimmte, und deshalb dürfe man auf dem ausländischen Markt kein Kapital aufnehmen. Die Gerichte gaben der East India Company recht, was in Schottland zu einer Welle des Patriotismus führte. Alle wollten jetzt den eingebildeten Briten Konkurrenz machen. In nur wenigen Wochen waren 400.000 Pfund beisammen. Alle investierten: Adlige, Bürger, Handwerker. Worüber niemand nachdachte: Diese 400.000 Pfund entsprachen etwa einem Fünftel des gesamten, in Schottland verfügbaren Kapitals. Die schottische Gesellschaft setzte sozusagen alles auf eine Karte. Und die Karte musste stechen.

 

Man brauchte also ein umwerfendes, außergewöhnliches Projekt mit großem Potential. Und hier kommt ein Visionär namens William Paterson ins Spiel. Der hatte einen Plan entwickelt, wo sich eine schottische Kolonie zum Dreh- und Angelpunkt des Gewürzhandels entwickeln könnte.

 

Nun muss man vorausschicken, dass William Paterson kein unbekannter Spinner war. Von ihm stammte zum Beispiel das Konzept zur Bank of England. Er war ein Gründungsmitglied dieser ehrwürdigen Institution. Sein Plan bezog sich auf den Isthmus von Panama, damals noch Isthmus von Darién genannt. Er war dort gewesen und wusste, dass diese Meerenge an ihrer schmalsten Stelle gerade mal 55 Kilometer breit war. Wenn man diese 55 Kilometer mit einer Handelsstraße überwinden könnte, wäre hier natürlich die optimale Verbindung zwischen den Gewürzinseln auf der einen und Europa auf der anderen Seite gewesen.

 

Das klang gut. Die Schotten ließen sich überzeugen und entsandten 1698 eine Expedition, um ein neues Caledonia am Golf von Darién zu gründen.

 

Machen wir es kurz. Man hatte es sich anders vorgestellt. Die Pflanzen wuchsen nicht so, wie sie sollten. Die Einheimischen zeigten keine große Lust, die mitgeführten Waren einzutauschen. Und Krankheiten wie Malaria und Gelbfieber rafften Hunderte von Siedlern dahin.

 

Hilfe erhielt man keine, im Gegenteil. William III., König von England und Schottland, verbot den nahe gelegenen Handelsposten, die schottischen Konkurrenten irgendwie zu unterstützen. Dafür hatte er politische Gründe. Die neue Siedlung lag auf spanischem Boden an der Route, die die spanische Silberflotte passierte. William wollte keinen Ärger mit Spanien. Schließlich hatte man sich gerade gegen den französischen König Ludwig XIV. verbündet.

 

Und so wurde das Projekt ein Desaster. Von den 2.500 Siedlern kehrten nur wenige Hundert zurück. Aber das war noch nicht das Schlimmste. Praktisch jede Familie in Schottland hatte beträchtliche Summen in dieses Projekt investiert. Die waren nun weg. Verantwortlich machte man die Briten, die tatsächlich großen Anteil am Scheitern der Kolonie hatten. Und während die einen ihren Hass auf die Engländer pflegten, überlegten die anderen wie sie am Reichtum der Engländer teilhaben könnten.

 

Vor allem der Adel und das reiche Bürgertum sah in einer Union mit England die Möglichkeit, die eigenen Verluste zu kompensieren. Queen Anne, die 1702 auf den Thron gekommen war, hätte nämlich allzu gerne die Union zwischen Schottland und England vollzogen. Dafür hatte sie ihre Gründe. Trotz siebzehn Schwangerschaften war sie kinderlos und schwer krank. Ihr Erbe, Georg Ludwig von Braunschweig und Lüneburg, würde ihr sicher auf den englischen Thron folgen. Aber die Schotten konnten die Situation vielleicht nutzen, um einen eigenen Herrscher zu nominieren.

 

Um das zu verhindern, setzte Anne englisches Geld ein. Sie bestach die wichtigsten Politiker des schottischen Parlaments. Der hoch verschuldete Duke von Queensberry zum Beispiel, der federführend für die Annahme des Acts of Union werden sollte, erhielt 12.325 Pfund aus der Staatskasse. Dafür warb er bei seinen Standesgenossen für die Union mit England, durch die Schottland endlich seinen Anteil an der Weltwirtschaft erhalten würde.

 

Und nicht nur das. Nachdem das schottische Parlament mit 106 zu 69 Stimmen den Act of Union angenommen hatte, erhielt es 398.085 Pfund und 10 Schilling. 58,6 % des Betrags sollten dafür verwendet werden, die wichtigsten Aktionäre und Gläubiger der Company of Scotland zu befriedigen.

 

Kein Wunder, dass all die kleinen Leute, die bei diesem Deal leer ausgingen, ihren Hass gegen England nicht unterdrücken konnten. Und Robert Burns dichtete fast 100 Jahre später sein Lied von der Schurkenbande in einer stolzen Nation. Er fixierte damit den nationalen Mythos, dass Schottland seine Freiheit nicht im Kampf verloren, sondern für Geld verkauft habe.