«Publikationen zur Geldgeschichte»

Silber aus der neuen Welt – wie mit dem Peso im 16. Jahrhundert die erste Weltwährung entstand

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Das Video erzählt Ihnen, welchen Einfluss das Silber der Neuen Welt auf Europa gehabt hat, und warum dieses Silber schuld daran ist, dass England zu einer Nation von Teetrinkern werden konnte.

 

 

Hallo. Mein Name ist Ursula Kampmann, und ich bin Numismatikerin. Heute möchte ich Ihnen erzählen, welchen Einfluss das Silber der Neuen Welt auf Europa gehabt hat, und warum dieses Silber schuld daran ist, dass England zu einer Nation von Teetrinkern werden konnte.

 

Dafür müssen wir zurückgehen in das erste Drittel des 16. Jahrhunderts, als Hernán Cortés das Aztekenreich vernichtete und Franzisco Pizarro die Inka-Herrschaft ablöste. Der König von Spanien verfügte damit über zwei riesige neue Gebiete: Das Vizekönigreich Neuspanien und das Vizekönigreich von Peru. Natürlich brachten die Konquistadoren gewaltige Mengen an geplündertem Gold und Silber mit. Aber wie das mit Plünderungen halt so geht. Irgendwann gab es nichts mehr zu plündern. Wenn die Spanier weiterhin Gewinn aus ihren Kolonien ziehen wollten, mussten sie selbst Bergbau betreiben. Sie taten es ... mit einer gewaltigen Menge Glück.

 

1545 wurden im Hochland des heutigen Bolivien die Minen von Potosí entdeckt, die einen Reichtum an Silber bargen, von dem man bisher nur träumen konnte. Ein Jahr später fand man bei Zacatecas, rund 800 Kilometer nordwestlich von Mexiko City ähnlich ergiebige Bergwerke. Und ausgerechnet zu dieser Zeit entwickelten findige Bergleute eine neue Methode zur Silbergewinnung. Durch den Einsatz von Quecksilber sanken die Produktionskosten drastisch, die Ausbeute stieg. Spanien verfügte glücklicherweise über genügend Quecksilber, so dass Philipp II. und seine Nachfolger auf einen Überfluss an Silber zurückgreifen konnten, wie es ihn vorher noch nie in Europa gegeben hatte.

 

Man kann nur schätzen, wie viel Silber in die alte Welt gebracht wurde. Zu Beginn des vergangen Jahrhunderts wertete der Wirtschaftshistoriker Earl J. Hamilton die Akten der spanischen Steuerbehörden aus, um genaue Zahlen zu bekommen. Er zeigt, dass die Silbermenge in den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts drastisch stieg, bis sie um 1600 mit 2.700 Tonnen Silber ihren Höhepunkt erreichte. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts begann die Einfuhr wieder zu sinken. Insgesamt sollen laut Hamilton 16.887 Tonnen Silber aus den Kolonien nach Spanien eingeführt worden sein.

 

Allerdings sind diese Zahlen in den vergangenen Jahren immer wieder angezweifelt worden. Denn sie ignorieren die menschliche Natur. Der Mensch hat sich schon immer gerne vor dem Zoll gedrückt. Tatsächlich schmuggelten alle, die aus den Kolonien kamen. Spanier und Ausländer, Kaufleute, Kapitäne und einfache Matrosen, ja selbst Geistliche waren vor dieser Versuchung nicht gefeit. So hinterließ der 1622 verstorbene Pater Juan Pérez Espinosa, der eben von seiner Missionsreise in die Kolonien zurückkam, bei seinem Tod 414.700 Silberreales, dazu 62 Goldbarren und zahlreiche weitere Gegenstände aus Gold, alles unversteuert aus der neuen Welt eingeführt.

 

Man darf also davon ausgehen, dass zu den 16.887 von Hamilton gezählten Tonnen noch einmal die gleiche Menge an Schmuggelware dazukommt. Nichtsdestotrotz entspricht die Gesamtmenge von eingeführtem und geschmuggeltem Silber ungefähr dem, was heute weltweit in anderthalb Jahren gefördert wird. Man wundert sich also, wie diese kleine Menge an Silber die Welt derart verändern konnte.

 

Nichtsdestotrotz hat sie es getan. Sie machte aus dem unbedeutenden Spanien am Rande Europas das mächtigste Land der Welt. Mit dem amerikanischen Silber finanzierte der spanische Könige seine Kriege, die dem Katholizismus die Vormacht sichern sollte. Wirtschaftlich war diese Ausgabenpolitik sicher nicht sinnvoll. Trotz der gewaltigen Menge an Silber, die jedes Jahr aus der neuen Welt zuströmte, musste Philipp II. während seiner Regierung dreimal den Staatsbankrott erklären: 1557, 1575 und 1596.

 

Der Grund dafür war die Tatsache, dass Philipp mehr ausgab als einnahm und ständig Kredite brauchte, um pünktlich den Sold seiner Truppen zahlen zu können. Für eine Verbesserung der einheimischen Infrastruktur tat er nichts. Alle Waffen und Rüstungsgüter bezog der König aus dem Ausland, dort wo auch die einheimische Nobilität ihre Luxuswaren kaufte. Spanien selbst blieb arm. Und der venezianische Botschafter Vendramin beschrieb die Situation Ende des 16. Jahrhunderts folgendermaßen: „Spanien bezieht fast alle Dinge für den täglichen Gebrauch, die durch menschlichen Fleiß und Mühe herzustellen sind, aus anderen Ländern. Deshalb sprechen die Spanier nicht zu Unrecht davon, dass das Gold, das aus den Kolonien zu ihnen kommt, für Spanien die gleiche Wirkung hat wie Regen auf dem Dach: Das Wasser rinnt herunter und bringt dem Dach keinen Vorteil.“

 

Spanien war also nur der Kanal, durch den das Silber in die unternehmungslustigen Handelsnationen Europas strömte. Es bekam hier lediglich seine Gestalt. Man prägte daraus Münzen, die offiziell als Real de a ocho, also achtfacher Real, bezeichnet wurden, oder kurz als Peso.

 

Diese Münzen waren nichts besonderes. Sie waren weder schön, noch besonders zuverlässig. Sie schwankten hinsichtlich Gewicht und Feingehalt. Aber sie hatten einen gewaltigen Vorteil: Sie waren überall in großen Mengen vorhanden. Ob in Nord-, Süd- oder Osteuropa, der Peso kam überall hin. 1551 tauchen die ersten Stücke in Mailand auf, 1554 in England, 1570 in Algerien und 1579 in Estland. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war der real de a ocho in Russland offiziell akzeptiertes Zahlungsmittel und das war erst der Anfang.

 

Seine Allgegenwart machte den Peso nämlich zur idealen Handelsmünze. Man bezahlte mit ihm im Orient, in Indien und vor allem in China. Dort funktionierte er als kleiner Silberbarren, der von den offiziellen Silberaufkäufern geprüft und mit kleinen Prüfmarken versehen wurde, ehe er als Tauschobjekt eingesetzt werden konnte. Und damit kommen wir zurück zu dieser Tasse Tee hier auf meinem Tisch. Jahrhundertelang hatten die europäischen Händler ein veritables Problem, wenn es um China ging. China wollte die europäischen Waren nicht. Sie entsprachen nicht dem chinesischen Geschmack. Das einzige, was man im Tausch akzeptierte, war Silber, und über das verfügte Europa nicht in einem ausreichenden Maße, so dass sich kein regelmäßiger Austausch zwischen Orient und Okzident entwickeln konnte.

 

Die Minen von Potosí und Zacatecas veränderten das. Nun besaß Europa Silber, das Silber, das Spanien aus seinen Kolonien bezog und für seine Kriege ausgab. Damit konnte sich ein echter Welthandel entwickeln. Begehrte Güter kamen dorthin, wo das Geld war. Und so wurde England als wichtigster Handelspartner von China zu einer Nation von Tee-Trinkern. Dieser Welthandel basierte auf dem Real de a ocho, bis England Ende des 18. Jahrhunderts Spanien als die entscheidende Weltmacht ablöste und seine Währung, das britische Pfund zur Weltwährung wurde.