«Geld: ein Versprechen?»

Theo Wehner: über Fehlverhalten

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In der Auseinandersetzung Geld:kritisch der Flower Foundation spielen eine ganze Reihe von psychologischen Themen eine Rolle: Was sind die Motive, um Geld zu verdienen; was sind die Motive, um Falschgeld zu drucken; was sind die Motive, um Taschengeld zu bekommen oder auszugeben. Das Tätigsein, die Arbeitswelt spielt eine große Rolle. Ich will hier über ein Thema berichten aus der Arbeits- und Organisationspsychologie, welches für alle Lebensbereiche interessant ist, nämlich das fehlerhafte Handeln.

Das «erare humanum est», das «Irren ist menschlich» ist ein alter Spruch und hebt uns vor der Tierwelt hervor; nur Menschen können in diesem Sinne irren. Es ist eine Auszeichnung des Menschen.

Wenn wir im Alltag Fehler machen, wird der meist nicht mit Lob versehen. Wir sind selbst eher geneigt Fehler zu vertuschen, den Fehler kleinzureden, bei Fehlern Schuldige zu suchen, uns aus der Verantwortung herauszunehmen. Fehler sind in unserer Arbeits- und Lebenswelt tabuisiert, sind also nicht so positiv belegt, wie ich das durch den Eingangssatz nahelegen wollte.

Ich selbst habe mich über 30 Jahre mit der Fehlerfreundlichkeit beschäftigt. Ich habe versucht, Arbeit so zu gestalten dass sie Fehler-freundlich sein kann, d.h. dass Abweichungen nicht in die Katastrophe führen, sondern dass Abweichungen  oder Zielverfehlungen, wie die beste Definition für Fehler lautet, Lernmöglichkeiten sind.

Ein anderes Sprichwort, das in diesem Zusammenhang immer wieder genannt wird, lautet: «aus Fehlern lernt man» – «aus Schaden wird man klug» -  ich würde das viel zugespitzter sagen: «aus was sonst, denn aus Fehlern lernt man». Die Abweichung generiert einen starken Druck daraus zu lernen: warum hab ich hier rechts mit links verwechselt, warum habe ich diese Buchung falsch verstanden und falsch ausgeführt? Dies hat hohen Aufforderungscharakter für das Lernen.

Wer von Fehlern spricht, der spricht von Zielverfehlungen und vom Handeln des Menschen. Wenn man sich das Handeln genauer anschaut, dann stellt man fest, dass wir Menschen nicht mehr Instinkt- und Reflex-gesteuert sind. Wir haben auf der einen Seite Wünsche und Bedürfnisse und im gleichen Maße wie uns die Wünsche und Bedürfnisse bewusst werden, wird uns auch vor Augen ein Ziel erscheinen. Wir antizipieren Ziele und versuchen, diese durch unsere Pläne, durch unsere Aktion zu erreichen. Nun ist ein antizipiertes Ziel und das tatsächlich realisierte Ziel häufig gekennzeichnet durch eine kleine Lücke.

Diese Lücke kann gering oder gross sein. Es kann sein, dass ich mich um 15:00 Uhr mit Freunden verabredet hatte und komme um 15:10 Uhr; da werden die, so es ja Freunde sind, auch warten; wenn ich um 15:00 Uhr am Bahnhof sein wollte um den Zug 15:05 Uhr zu erreichen und mich dabei verspäte, dann werde ich diesen Zug nicht mehr erreichen. Die Korrekturmöglichkeiten hängen vom Fahrplan ab.

Die Abweichung zwischen dem erwarteten und den tatsächlich eingetreten Ziel bestimmt die Schwere des Fehlers, die Fallhöhe des Fehlers und damit auch die Korrekturmöglichkeiten.

Wenn wir uns fragen, was lernt man denn eigentlich aus Fehlern, warum und wie wird dieses Lernen eingeleitet, dann stellen wir fest: aus Fehlern lernt man, die Antizipationsweite zu erhöhen. Wenn ich Fehler gemacht habe, dann lerne ich weiter zu antizipieren als ich das vorher getan hatte. Der Fehler ist immer ein guter Lerngegenstand, er verbessert auch meine Kompetenz auf vielen anderen Gebieten.

Ich würde gerne in die Kunst überleiten, viele Künstler haben sich mit Fehler auseinandergesetzt. Mauricio Kabel, ein Komponist, hat absichtlich falsche Töne komponiert, im Ballett würde man heute z.B. stolpern oder gar Stürze mit einkalkulieren, in die Choreografie mit aufnehmen, in der Lyrik hat mich Ernst Jandl immer fasziniert mit einem Vierzeiler in einem 1966 erschienenen Büchlein «laut und Luise» und der lautet so:

Lichung

Manche meinen

Lechts und Rinks

kann man nicht

velwechsern.

Werch ein Illtum.

Jandl ist sich bewusst, dass wir sofort verstehen um was es geht, aber er will uns in die Tiefe der Sprache einführen, er will uns die Ästhetik der Sprache zeigen, indem er die Laute verkehrt.