«Leit-Währungen - Leitfaden der Geschichte»

Unterwegs zum wert-losen Geld

 zurück

Gleichgültig, ob man in der Schweiz, in den USA oder in China zur Kasse gebeten wird, das System ist das gleiche: Akzeptiert werden vom Material her wertlose Münzen und Geldscheine, die ausschliesslich im jeweiligen Land Gültigkeit besitzen. Damit hat sich ein Geldsystem durchgesetzt, in dem der Staat Anspruch auf das Währungsmonopol erhebt. Und doch war der Weg dahin in West und Ost ein grundlegend anderer, wie dieser Streifzug zeigt.

 

Eine Ausstellung zur Entwicklung des Geldes in Ost und West

Die Skyline von New York City, die Skyline von Shanghai – sehen sie sich nicht zum Verwechseln ähnlich? Das hat beim aktuellen Stand der Dinge durchaus seine Berechtigung. Die westliche Geldtradition und die des Ostens (in unserem Fall jene von China) haben sich heute weitgehend angeglichen. Noch vor zweihundert Jahren unterschieden sie sich grundlegend. Davon wird in dieser Ausstellung erzählt.

Im Westen lag dem Geldsymbol seit jeher ein Gegenwert zugrunde, in Gold, in Silber, in Kupfer. Im Osten kam man weitgehend ohne diese Rückversicherung aus: Geld war wert-los. Und heute? Welche der beiden Auffassungen sich durchgesetzt hat, zeigt die Ausstellung «Unterwegs zum wert-losen Geld».

Über die soeben zu Ende gegangene Geldtradition im Westen habe ich für Sie mehrere Publikationen produziert, ebenso das Video «Geschichte des Geldes» und mehrere unterhaltsame Hörspiele. Zu beziehen oder zu besichtigen im MoneyMuseum.

Aber machen wir zuerst einen Rundgang im MoneyMuseum. Behalten Sie dabei im Hinterkopf: Unser westliches cash geht zurück auf die Bezeichnung für eine chinesische Kupfermünze. Ihr Name: käsch.

Das neue Tauschsystem von Krösus

Können Sie sich vorstellen, wie Sie sagen: «Mein Haus hat mich vierhundert Rinder gekostet»? Oder «Für diese Armbanduhr musste ich zwei Kühe hingeben»? Im Persischen Reich vor zweieinhalbtausend Jahren war das aber ungefähr so. Das Rind war die Vergleichseinheit, um den Reichtum eines Menschen oder einer Stadt zu messen.

Als der lydische König Krösus Gold- und Silbermünzen in verschiedenen Gewichten prägen liess, rückte erstmals ein Gemeinwesen vom Prinzip «Ware gegen Ware» oder «Arbeit gegen Ware» ab. Der Gegenwert für ein Jahr Solddienst oder für einen Krug Wein liess sich jetzt bequem in der Tasche mittragen. Seit Krösus bis ins 20. Jahrhundert wurde diese Erfindung immer weiter entwickelt.

Dank dem Geldwesen konnte ein Einzelner oder ein Gemeinwesen viel leichter ein Vermögen anhäufen und damit Macht gewinnen. Man lieh Geld aus und strich dafür Zinsen ein, man hielt riesige Reiche mit einem einheitlichen Zahlungsmittel zusammen, so wie dies die Römer mit ihrem Denar taten, Karl der Grosse mit dem Silberpfennig oder die Briten mit ihrem Pfund Sterling.

Kaufleute von Florenz oder Marseille bezahlten ganze Schiffsladungen Gewürze oder Tuchballen mit einer Handvoll Goldmünzen, und die angesehensten Künstler stritten sich darum, für die Münzen ihrer Herrscher prächtige Motive auszuarbeiten: Adler, Delphine, Freiheitsgöttinnen. Alles undenkbar mit einer Kuh als Währungseinheit …

Aber so wie im Wort «pekuniär» der Begriff «pecus» (für«Vieh») weiterlebt, blieb das westliche Geldwesen am Prinzip «Ware gegen Ware» kleben. Das Gold und Silber der Münzen, selbst das Kupfer hatten ja einen Eigenwert als Ausgangsmaterial für Schmuck oder Geräte. Und selbst nach Einführung des Notengelds legte der ausgebende Staat die entsprechende Goldmenge als Deckung «zur Seite».

Erst seit wenigen Jahrzehnten ist der Westen ganz vom Goldstandard abgerückt. Der Euro ist die erste Währung, die bereits wert-los geboren wurde.

Das Geld hat seinen Warenwert verloren, ist virtuell geworden, die Münze wird zum Jeton. Und damit geht ihre über zweieinhalbtausendjährige Geschichte wohl zu Ende … Möglich, dass uns die Zukunft verschiedenartige Währungen bringen wird: globale, nationale und regionale Währungen und Währungssysteme.

Wert-volle Währungen für den internationalen Handel und für Anlagen, wert-lose für den täglichen Gebrauch. Der Westen muss aber mit wert-losem Geld erst leben lernen. Damit das klappt, braucht es etwas, was in China mehrtausendjährige Vergangenheit hat: gegenseitiges Vertrauen

Das erste Währungssystem der Welt entstand im griechischen Kulturraum. Bis um 550 vor Christus tauschte man wie überall sonst auch Ware gegen Ware – ein Rind gegen einen Kessel, vier Rinder gegen eine Frau …

Dann erfand der lydische Herrscher Krösus ein neues Tauschsystem: Münze gegen Ware. Der Stater (aus Gold oder Silber) bildete den Standard, dazu kursierten kleinere Einheiten mit abgestuftem Wert, alle mit dem Wappen des Königs, Löwe und Stier. Eine Revolution!

Dieses Prinzip haben die Athener hundert Jahre später perfektioniert. Ihre Münzen trugen das Bild der Göttin Athena auf der Vorder- und die berühmte Eule auf der Rückseite. Alle Verbündeten hatten sich ihrem Geldsystem bei Strafe anzupassen: Die Tetradrachme wurde die erste Leitwährung der Geschichte.

Alexander der Grosse erweiterte diesen Grundgedanken nochmals entscheidend. Um 330 vor Christus galten in seinem gesamten Welt-Reich überall der Goldstater und die Silbertetradrachme – gleiche Metalle, gleiche Gewichte und gleiche Münzbilder, ob in Babylon oder in Alexandria.

Alexanders System hält sich zwei Jahrhunderte lang, dasjenige der Römer sogar ein halbes Jahrtausend. Auch hier gilt für das ganze riesige Reich eine einzige Zahlungseinheit: der Denar aus Silber. Der Denar ist zehn Asse aus Bronze wert (deshalb das X auf der Vorderseite – lateinisch «deni» für «zehn»).

Vom Denar lässt sich Karl der Grosse inspirieren. Seit der Zeit um 800, also seit dem Hochmittelalter gilt der Pfennig. Ein Pfund Silber ergibt 240 Pfennige – so die Definition dieser neuen und einheitlichen Reichswährung.

400 Jahre später zeigt sich, dass die Silberwährung zu umständlich wird, um grosse Handelsposten zu bezahlen. Der Stadtrat von Florenz führt im Jahre 1252  den Floren ein – die hübsche Goldmünze mit der Lilie, dem Wappen der Stadt.  Sie wird überall in Europa nachgeahmt, so wie ihr Gegenstück der venezianische Dukat.

Auch innerhalb der Silberwährung gibt es jetzt handlicheres Geld. Etwa zur gleichen Zeit zahlt man in Frankreich mit dem «dicken Pfennig» oder Groschen – einer Silbermünze, die zwölf Pfennig wert ist. Auch diese Idee hat Signalwirkung und wird europaweit imitiert.

Die chinesische Kupfermünze «Käsch»

Eine stattliche Silbermünze im Gegenwert eines Goldguldens oder -dukaten – das ist der Taler, die erfolgreichste Münze der Neuzeit. Der Taler wird um 1500 im habsburgischen Herrschaftsgebiet und in Sachsen lanciert, wo ertragreiche Silberminen entdeckt werden. Später werden der Taler der Kaiserin Maria Theresia und der spanische Peso zu international anerkannten Leitwährungen.

Erst im 19. Jahrhundert werden zwei neue Leitwährungen geschaffen: Das Pfund Sterling ist die Währung im britischen Weltreich. Sein Glanzstück: der goldene Sovereign, ursprünglich soviel wert wie ein Pfund Silbermünzen.

Sein schärfster Rivale auf dem Kontinent ist der französische Franc, ein Produkt der grossen Revolution. Durch die napoleonischen Feldzüge wird er zur Referenzwährung auf dem europäischen Kontinent.

Die globale Leitwährung des vergangenen Jahrhunderts ist der amerikanische Dollar. Es gibt ihn als Gold- wie als Silbermünze, so wie schon den Stater des Krösus. Auch wenn man seit 1900 praktisch nur noch mit Papiergeld bezahlt.

Und unser Jahrhundert? Steht es im Zeichen des Euro, den 15 europäische Staaten seit 1999 gemeinsam als Währung haben?

Ein europäischer Kaufmann zu Marco Polos Zeiten sagte sich vielleicht, wenn er auf China zu sprechen kam: ‚Was fange ich an mit ein paar Pfund gelöcherten Kupferscheibchen oder ein paar Schnecken, die jedermann mühelos fälschen oder am Strand auflesen kann? Mit einem Golddukaten oder einem Silbertaler habe ich doch einen sicheren Wert in den Fingern, unabhängig vom Fürsten oder Bischof, der ihn prägen liess.’ Aber diese Denkweise bezieht die Mentalität der Chinesen nicht mit ein. Die wurzelt im Konfuzianismus und auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit. Marktmünzen wie Kauri oder Käsch sind ein Symbol für Geld. Sie sind ein Versprechen auf eine Leistung in der Zukunft. Deshalb brauchen sie auch keine Rückversicherung durch ein aufgeprägtes Herrscherprofil oder durch das Ausgangsmaterial wie Silber oder gar Gold, die einen Eigenwert haben. Die Käschscheibchen blieben sich äusserlich über Jahrhunderte hinweg gleich: ohne Aktualisierung durch Jahrzahlen, ohne Rückbezug auf eine bestimmte kaiserliche Familie oder Regierung. Denn so oder so muss das Leistungsversprechen eingehalten werden, wenn derjenige, der es abgibt, sein Gesicht nicht verlieren will.

Unser Kaufmann aus der Zeit Marco Polos könnte noch argumentieren: ‚Aber wenn es richtig zur Sache ging, dann wurden grosse Beträge eben doch in Silberbarren gefordert und bezahlt.’ Dabei vergisst er, dass dieses Silbergeld zuerst im Aussenhandel zum Einsatz kam – im Verkehr mit Leuten, die so wie er handfeste Sicherheiten gewohnt waren.

Vergessen wir nicht, dass das Prinzip der Gegenseitigkeit China zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt gemacgt hat. Zwischen 1200 und 1800 konnte sich kein westliches Reichmit dem Reich der Mitte messen. Die um 1500 errichtete Chinesische Mauer zeugt davon. Mit dem Export von Tee und Seide aus China im 19. Jahrhundert und dem daraus folgenden Zustrom von westlichem Silbergeld geriet das chinesische Geld-System ins Ungleichgewicht. Und mit dem ersten Drachendollar von 1889 war die Anpassung da

Was wir heute miterleben, ist eine Renaissance des chinesischen Geldsystems. Für Währungen wie den Dollar oder den Euro gibt es keine Golddeckung mehr.

Währungen, die auf dem Prinzip der Gegenseitigkeit fussen, gewinnen an Bedeutung. Wir sagten es schon: nicht umsonst tönen cash und käsch gleich.

Weshalb ausgerechnet eine Schnecke als erstes Zahlungsmittel der Geschichte? Als vor rund viertausend Jahren die ersten Kaurischnecken von den chinesischen Küstengebieten in das Tal des Gelben Flusses gelangten, staunten die Bewohner über die schimmernden, steinharten Dinger. Wer eins in die Finger bekam, trug es stolz als Schmuck.

Als der Nachschub immer grösser wurde, verloren die Kauris ihren Prestigewert. Aber sie waren doch exklusiv genug, um als Tauschmittel zu dienen. Um etwa 1500 vor Christus wurde die Kaurischnecke zum anerkannten  Zahlungsmittel Chinas – und blieb es während dreitausend Jahren. Sie setzte sich in ganz Asien und Afrika als Währung durch. Und wenn die  Meeresschnecken knapp wurden, formte man Kauris aus Ton, Porzellan oder Knochen …

Als die Chinesen – etwa 1500 vor Christus – Bronzegeräte herzustellen begannen, wurde ein Spaten oder ein Messer zur festen Werteinheit bei Tauschgeschäften. Aus diesen Geräten entwickelte sich die ersten Bronzemünzen der Geschichte: Das Tauschobjekt wurde immer kleiner und handlicher und schliesslich war es nur noch ein Symbol des Werkzeuges.

Messermünzen entwickelten sich bezeichnenderweise in den Küstengebieten, wo Fischfang und Jagd dominierten, die Spatenmünzen im Landesinnern, wo der Landbau vorherrschte.

Etwa zur Zeit, als Krösus die ersten Gold- und Silbermünzen prägen liess, hatten sich in China diese Gerätemünzen durchgesetzt. Je älter sie sind, desto deutlicher sieht man ihnen das Vorbild an. Die ersten Spatenmünzen haben sogar noch einen hohlen Stilansatz, als müsse hier ein Griff  befestigt werden.

Wenn Sie sagen «Ich zahle Cash», dann gebrauchen Sie das Kurzwort für die erfolgreichste Währung aller Zeiten: die kleine chinesische Kupfermünze, den Käsch, mit dem praktischen quadratischen Loch im Zentrum. «Praktisch» darum, weil die Lochmünze sich auf eine Schnur aufreihen und mittragen lässt. Und «erfolgreich», weil sie um 200 vor Christus als Reichswährung geschaffen wurde und sich während zwei Jahrtausenden halten konnte.

Auch für den Ch’ien, wie der chinesische Ausdruck lautet, gab es Vorformen: durchlöcherte runde Scheiben aus Stein, aus Jade oder aus Bronze. Aber erst nach der Vereinigung der chinesischen Herzogtümer zum Kaiserreich setzte sich der einheitliche Käsch gegen das gebräuchliche Messer- und Spatengeld durch.

Die Chinesen haben nicht nur das Papier erfunden, sondern auch das Papiergeld. Denn wer mit Käschmünzen einen grösseren Kauf tätigte, brach unter dem Gewicht des Kupfers fast zusammen – eine unbequeme Sache. Das erste Notengeld kam ums Jahr 900 auf den Markt. Allerdings mit katastrophalen Folgen: Die Behörden druckten viel zu viele Scheine; es kam zur ersten grossen Papiergeldinflation.

Um sich vor solchen Überraschungen zu sichern, bevorzugten die chinesischen Kaufleute mehr und mehr Silberbarren. Der Staat hatte mit dieser Parallelwährung nichts zu tun. Das private Zahlungsmittel «Silberbarren» kursierte in den abenteuerlichsten Formen – als Silberschuhe, Kesselpauken oder Sattelgeld. Und das bis in die 1930er Jahre.

Vergessen wir nicht: Um 1800 ist China immer noch die grösste Wirtschaftsmacht der Welt, und das mit einem Geldsystem aus jetonähnlichen Käschmünzen samt Parallelwährung Silberbarren. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts dringt das westliche Silbergeld nach China. Vor allem zur Bezahlung des in England heiss begehrten chinesischen Tees und der chinesischen Seide werden Millionen englischer Silbercrowns nach China exportiert. Vorerst behandeln die Chinesen diesen Import wie ihre Silberbarren: die Münzen werden geprüft, gestempelt und von der Bevölkerung nach Gewicht gehandelt. Erst 1889 schafft die chineisische Regierung eine eigene Münzstätte und bringt den Drachendollar in Umlauf. Er heisst Yüan und hat hundert Cents. Jeder Cent entspricht hundert Käschmünzen.

«Cash» oder cash?

Welche Art von Geld hat sich nun durchgesetzt? Geld ohne Materialwert wie die chinesische Käschmünze oder werthaltiges Geld aus Edelmetall, wie es der Tradition des Westens entspricht? Oberflächlich betrachtet hat sich die westliche Tradition durchgesetzt: Shanghai sieht heute aus wie New York, der Yuan gleicht dem Euro und dem Dollar. Bei genauerem Hinsehen aber zeigt sich ein anderes Bild. Die westliche Geldtradition selber ist zu einem vorläufigen Abschluss gekommen. Wir benutzen heute weder Geld aus Edelmetall noch die Käschmünze. Vielmehr verschmelzen die Geldtraditionen von West und Ost zusehends.

Neben der Globalisierung mit ihrer Konzentration auf einige wenige Währungsblöcke erstarkt die Tendenz der Regionalisierung. Weltweit entstehen Tausende von Lokalwährungen, von denen sich einige zu Regionalwährungen zusammenschliessen. Dies mit dem Ziel, den Geldfluss einer spezifischen Region zukommen zu lassen. So gibt es neben Nationalwährungen mit ihrem Staatsmonopol heute eine Vielzahl von Geldmitteln − wir bezahlen ja schon mit Flugmeilen, WIR-Checks und Konsum-Coupons. Dank Internet entsteht ein Handel zwischen diesen Geldformen.

Aber vor allem ist das heutige Geld auch im Westen zum ersten Mal seit 2500 Jahren ein Tauschmittel ohne Materialwert, in diesem Sinne also wertlos − und dieses Phänomen entspricht doch einer langen östlichen Tradition. Die Tradition des wertlosen Geldes – im Sinne des Tauschmittels ohne eigenen, selbständigen Wert − basiert im Osten auf der Tradition von gegenseitigem Vertrauen. Geld als gegenseitiges Versprechen ohne Deckung durch einen konkreten Materialwert − das allerdings ist neu für den Westen. Die Werthaltigkeit des Tauschmittels war ja lange Zeit das beste Argument gegen allfälliges Misstrauen zwischen Handelspartnern.

Vom Osten können wir also lernen, wie regionale Währungen erfolgreich funktionieren und wie verschiedene Geldformen nebeneinander zu existieren vermögen.

Nicht umsonst tönen «cash» und «Käsch» gleich …