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Banknoten als Visitenkarte der Schweiz
Von Carol Schwyzer, © MoneyMuseum 2009
Geld geht jeden Tag durch unsere Hände, die verschiedenen Noten erkennen wir dabei an Grösse, Farbe und Zahl. Die Bilder auf der Note und deren Aussagekraft nehmen wir aber kaum wahr. Dabei sind Banknoten mehr als blosse Währungswerte: Sie spiegeln Identität, Kultur, Geschichte und Selbstverständnis eines Landes. Auf den US-Dollar-Scheinen z. B. lesen wir «In God we trust», vom britischen Pfund lächelt uns die Queen entgegen, die indischen Rupiennoten zeigen uns den Asketen Mahatma Gandhi. Und auf den aktuellen Schweizer Banknoten sind berühmte Kunstschaffende aus den verschiedenen Regionen des Landes samt ihrer Werke verewigt.
Die Auffassungen darüber, was die Besonderheit eines Landes ausmacht und wie es sich seinen Bürgern und der Welt präsentieren will, wandelt sich allerdings im Laufe der Zeit, wie die Entwicklung der Schweizer Banknoten von 1911 bis heute zeigt.
| Bäuerliche und mythische Schweiz: Holzfäller
Im April 1908 beauftragte die Schweizerische Nationalbank den damals berühmtesten Schweizer Maler Ferdinand Hodler mit dem künstlerischen Entwurf für die neuen 50- und 100-Franken-Noten. Thematisch sollten sich die Illustrationen auf die Landarbeit beziehen. Auf den 50-Franken-Schein setzte Hodler das Motiv des Holzfällers. Er zeigt den Mann in dem Moment, wo er mit der Axt zum Schlag ausholt. Sehr genau bringt der Maler die geballte Kraft und die intensive Anspannung des Augenblicks zum Ausdruck. Der Holzfäller wirkt stark, dynamisch und voll konzentriert auf seine Arbeit. Die tiefere Symbolik: Durch das Roden des Waldes nutzt der Mensch die Natur für seine Zwecke, gewinnt neues Ackerland. Was damals noch als kulturelle Leistung gelten mochte, wäre heute, im Zeitalter von Ökologie und Nachhaltigkeit, als Motiv für einen Geldschein unvorstellbar. Hodler war von der Wirkung seiner Figur auf den Geldscheinen übrigens enttäuscht, da der verkleinerte Massstab auch die Ausdruckskraft der Figur schmälerte. Deshalb stellte er 1910 eine überlebensgrosse Version des Werks aus, die grossen Erfolg hatte. Hodlers 50-Franken-Noten war – als Teil der zweiten Banknotenserie der Schweizerischen Nationalbank – ein für Banknoten ausserordentlich langes Leben beschert: erstmals 1911 bis 1914 ausgegeben, wurden sie erst in den Jahren 1956/57 ersetzt. |
| Bäuerliche und mythische Schweiz: Winkelried
Die 40-Franken-Note, mit Winkelried im Medaillon, ein Entwurf des Grafikers S. Balzer, wurde ebenfalls innerhalb der zweiten Emission gedruckt, gelangte aber als Reservenote nie in Umlauf. Seit den Anfängen hielt die Schweizerische Nationalbank ständig eine komplette Notenserie in Reserve, dies für den Fall, dass plötzlich eine grosse Anzahl von Fälschungen im Zahlungsverkehr auftreten sollte. Dann hätte man die aktuelle Notenserie sofort zurückziehen und durch die Reservenoten ersetzen können. Der mythische Schweizer Held Arnold von Winkelried hält auf dieser Banknote ein Bündel Lanzen im Arm. Der Legende nach soll er am 9. Juli 1386 in der Schlacht bei Sempach die Lanzen der habsburgischen Ritter gepackt und, sich selbst durchbohrend, den Eidgenossen eine Bresche geöffnet haben. Umstritten sind seine letzten Worte, die entweder «Sorget für mein Weib und Kind!» oder «Der Freiheit eine Gasse!» gelautet haben sollen. Winkelried steht für eine tapfere, wehrhafte Schweiz, die für ihre Unabhängigkeit Opfer bringt. Ein Thema, das in der Umlaufzeit der zweiten Banknotenserie, mit den zwei Weltkriegen, hochaktuell war. |
| Moderne, visionäre Schweiz: Turbine
Der berühmte Maler Hans Erni erhielt 1938 zusammen mit Victor Surbek den Auftrag zur Gestaltung einer neuen Banknotenserie, der vierten Emission. Erni entwarf für die Schweizerische Nationalbank Tausender-, Fünfhunderter- und Fünfzigernoten, die aber nie in Umlauf kamen, sondern als Reservebanknoten aufbewahrt wurden. Auf der 1000-Franken-Note steht eine sehr modern anmutende Turbine inmitten von schneebedeckten Bergen. Das Bewusstsein der Herkunft aus einer festen archaischen Alpenwelt scheint sich hier mit der Vision einer modernen Schweiz zu verbinden, die neue Technologien für die Zukunft entwickelt und zum Wohl des Landes nutzt. Bemerkenswert ist, dass der Künstler sozusagen noch am Vorabend eines Weltkrieges vorwärtsblickt, in die Zeit, in der sich Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige der Schweiz mit internationaler Ausstrahlung entwickeln wird. |
| Moderne, visionäre Schweiz: Chemie
Auf der 500-Franken-Note zeigt Hans Erni einen Mann, der im Chemielabor experimentiert. Im Hintergrund ragen Fabriktürme aus einer Industrielandschaft. Die Wahl des Motivs zeigt die Schweiz als industrielle Landschaft und den Schweizer als experimentierfreudigen, erfindungsreichen Chemiker. Diese Vision hat sich realisiert, denn die Schweiz gehört mit Novartis und Hoffmann-La Roche zu den grössten Pharmaproduzenten der Welt. Davon, dass Erfindergeist und Forschung hierzulande gedeihen, zeugt auch die Tatsache, dass sich unter den Nobelpreisträgern für Chemie etliche Eidgenossen befinden. |
| Allegorisches Zwischenspiel: Apfelernte
Grossen Mut zur Innovation zeigte die Schweizerische Nationalbank, indem sie nach dem Zweiten Weltkrieg für die fünfte Banknotenserie die ganz neuartigen Motive des Grafikers Pierre Gauchat auswählte. Auf seinen Noten sind weder Helden, noch Bauern und Landschaften zu sehen. Seine Allegorien stellen vielmehr allgemeingültige menschliche Werte wie Fruchtbarkeit, Mitmenschlichkeit, ja sogar den Tod, dar. Auf einer tieferen Ebene kann das Bild der Apfelernte auch als Symbol für die verschiedenen Funktionen von Geld gelesen werden: Geld kann dem sozialen Netz dienen, es kann nähren wie Muttermilch, es kann durch Arbeit dazu gebracht werden, Früchte zu tragen, die geerntet werden können, und es kann in einem Korb aufbewahrt werden. Besonderes Merkmal dieser kühnen, einzigartigen Notenserie war auch ihre enorme, «leintuchartige» Grossflächigkeit. |
| Persönlichkeiten: Gelehrte
In der sechsten Banknotenserie ersetzte die Nationalbank die tiefe Symbolik auf dem Geld durch kluge Köpfe. Bedeutende Schweizer Bürger, vorab Gelehrte und Wissenschaftler, blicken nun von den Geldscheinen. Als individuelle Persönlichkeiten dominieren sie die Vorderseite und repräsentieren so ihr Herkunftsland. Auf der Rückseite sind Motive zu sehen, welche eng mit der dargestellten Person und ihrem Werk verbunden sind. So erscheint auf der 50-Franken-Note das ernste Porträt des Universalgelehrten Konrad Gessner (*1516, †1565), mit scharfem Blick. Der gebürtige Zürcher wirkte als Arzt und Professor für Griechisch, Physik und Naturgeschichte in Lausanne und Zürich. Mit seinen Enzyklopädien und Wörterbüchern schuf er neue Grundlagen für eine wissenschaftliche Vorgehensweise in den Fächern Botanik, Zoologie und Philologie. Als er 1565 an der Pest starb, war er ein weltweit geachteter Gelehrter. |
| Persönlichkeiten: Künstler
In der aktuellen Schweizer Banknotenserie, der achten Emission, entworfen durch den Grafiker Jörg Zintzmeyer, definiert sich das Land weiter durch berühmte Landeskinder mit internationaler Ausstrahlung. Bei der Auswahl der Motive fällt auf, dass der Fokus sich vom wissenschaftlich Genauen auf das künstlerisch Kreative verlagert hat. Ja, in dieser Serie hat es sogar eine Frau als Repräsentantin ihres Landes auf den Geldschein geschafft. Von der 50-Franken-Note schaut uns die sensible Sophie Taeuber-Arp (*1889, †1943) an. Sie war Malerin, Bildhauerin, Textilkünstlerin, Tänzerin und wirkte mit im berühmten Cabaret Voltaire, der Geburtstätte des Dadaismus. Als Vertreterin der konkreten, rhythmisch-geometrischen Kunst hatte sie massgeblichen Anteil an der Erneuerung von Malerei und Bildhauerei in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die internationale Anerkennung als eine der exemplarischen und prägendsten Gestalten der klassisch-modernen Kunst erlangte sie erst posthum. Ob die Künstlerin selbst stolz darauf gewesen wäre, einen Schweizer Geldschein zu zieren und so als Medium schweizerischer Selbstdarstellung zu dienen, ist fraglich. Denn weder war Sophie Taeuber-Arp zeitlebens mit Geld gesegnet, noch identifizierte sie sich mit den Werten und Idealen des Bürgertums. Immerhin dokumentiert ihr Konterfei auf der Banknote die stärker gewordene Stellung der Frau und die Wertschätzung des Weiblichen in einem Land, das erst 1971 das allgemeine Frauenstimmrecht eingeführt hatte. |
| Weltoffene Schweiz: Blutkreislauf
2005 schrieb die Schweizerische Nationalbank wieder einmal einen Wettbewerb zur Gestaltung neuer Banknoten aus, diesmal zum Thema «Weltoffene Schweiz». Jede Note sollte eine Idee oder eine Haltung der Schweiz ausdrücken: Dialog, Menschlichkeit, Fortschritt, Kreativität, Organisation. Farbiger, moderner, abstrakter und durchwegs ohne Köpfe präsentierten sich die Resultate. Wie die heutige Generation die Schweiz sieht und was ihr wichtig ist, das zeigen die folgenden drei Beispiele: «Für die Zwanzigernote habe ich auf der Vorderseite ein Kunstwerk von Peter Fischli genommen, ‹das Brot›. Auf der Rückseite zeige ich einen Menschen mit seinem Blutkreislaufsystem. Damit will ich darstellen, dass der Mensch Mittelpunkt von allem künstlerischen Schaffen ist», sagt Manuel Krebs. Die Entwürfe des Künstlers haben gemäss der Jury die fünf Bewertungskriterien am besten erfüllt. Eines davon lautete: Passen die Bilder zur Schweiz? Ja, wenn hier der Mensch im Mittelpunkt steht und Künstler wie das weltbekannte Duo Fischli-Weiss als Botschafter des Landes diese Haltung in die Welt tragen. |
| Weltoffene Schweiz: Bühne
«Das Hauptbild stellt eine Bühne dar mit beweglichen Elementen wie Stellwänden und Scheinwerfern. Das Ganze ist lichtdurchströmt. Man spürt die Stimmung von Aufbauen und Proben. Eine Aufführung entsteht, Zuschauer können Kunst geniessen», kommentiert Martin Woodtli seinen Entwurf. Als Bild für die Schweiz dient hier eine Bühne im Aufbau, ein Experimentiertheater, etwas Neues, das im Entstehen ist. Ein moderner und eigenwilliger Ansatz, der den Betrachtern und Benutzern des Geldes Freiraum für eigene Fantasien lässt. |
| Weltoffene Schweiz: Skifahrer
Ab 2010 wird die Schweiz erstmals Banknoten in Umlauf bringen, für deren Aussehen eine Frau allein verantwortlich zeichnet: Den Auftrag zur Gestaltung der neunten Banknotenserie erhielt nämlich die Designerin Manuela Pfrunder, die Zweitplatzierte des Wettbewerbs von 2005. Obwohl das Design ihrer Noten von einigen Jurymitgliedern als wenig innovativ und, bei aller Schönheit, als etwas langweilig bezeichnet wurde, gewann ihr Konzept. Denn ihre Entwürfe eignen sich besonders gut für eine Realisierung, stellt doch die Umsetzung der neuen Sicherheitsmerkmale besondere Ansprüche, der sich Grafik und Ästhetik teilweise unterordnen müssen. Auf dem Entwurf für den 10-Franken-Schein wirbeln Schneekanonen weisse Flocken in die Luft, während Skifahrer in forscher Fahrt über die Pisten sausen. Diese Note präsentiert die Skination Schweiz, in der Skifahren sowohl als Spitzensport wie als Freizeitvergnügen oder Touristenmagnet einen grossen Stellenwert einnimmt. Die Entwürfe für die neuen Geldscheine befinden sich übrigens noch in der Überarbeitungsphase. Erst bei der Ausgabe wird sich zeigen, wie genau die Schweiz sich auf ihrem Geld präsentieren wird. Im Herbst 2010 soll die 50-Franken-Note als erste der neuen Serie ins Portemonnaie gelangen. |
