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Geld im Reich der aufgehenden Sonne II: Japans Weg zum Yen
Von Aila de la Rive, © MoneyMuseum 2005
Bis weit ins 16. Jahrhundert hinein bezahlte man in Japan chinesisch: Die japanische Regierung goss Münzen nach chinesischem Vorbild, zudem zirkulierten massenweise aus China importierte Käschmünzen (Ch'ien). Doch mit Beginn der Neuzeit (die in Japan um 1600 einsetzte), trat im Reich der aufgehenden Sonne eine radikale Kehrtwende ein. Unter der Regierung der Tokugawa-Schogune (Edo-Periode, 1603-1867) schottete sich das Inselreich fast vollständig von der Aussenwelt ab. In dieser Zeit entwickelte sich eine eigenständige japanische Kultur – und ein eigenes Münzsystem, dessen herausragendstes Merkmal der gleichzeitige Umlauf einer Gold- und einer Silberwährung war.
| Die ersten japanischen Goldmünzen
Während des gesamten 16. Jahrhunderts herrschte in Japan Bürgerkrieg (Zeit der streitenden Reiche, ca. 1470-1603). Damals begannen verschiedene Fürsten und Warlords mit der Ausgabe von Gold- und Silbermünzen. Die Kriegsführung verschlang Unsummen, und in vielen Gegenden Japans existierten reiche Gold- und Silbervorkommen – was lag da für die lokalen Kriegsherren und kleinen Feudalfürsten näher, als eigenes Geld herzustellen? Bald liefen im ganzen Land private Gold- und Silbermünzen um. Die bekanntesten Goldmünzen waren jene des Takeda-Klans, Koshukin genannt. Sie wurden nach ihrem Gewicht gehandelt: Fürst Takeda etablierte für seine Goldprägung ein Wertsystem, das auf einem Ryo (ca. 15 Gramm Gold) basierte. Die grösste Koshukin hatte einen Wert von einem Ryo, die kleinste wog 1/256 Ryo. Jede Münze trug ihr Gewicht und damit ihren Wert aufgeprägt. Dieses System für die Stückelung von Gold wurde von den Tokugawa-Schogunen übernommen, als diese zu Beginn des 17. Jahrhunderts die japanische Münzprägung vereinheitlichten. |
| Japanische Regionalgelder
Im Verlauf des späten 16. Jahrhunderts gelangten immer mehr Prägungen der Feudalherren in Umlauf. Zu dieser Zeit hatte der Tenno (Kaiser) längst seine Macht verloren; das Reich der aufgehenden Sonne war in eine Vielzahl kleiner und kleinster Feudalstaaten zerbrochen. Wer von den vielen Fürsten und Kriegsherren etwas auf sich hielt – und es sich leisten konnte –, prägte eigene Münzen. Doch da die Herren alle untereinander zerstritten waren, war an eine einheitliche Münzprägung natürlich nicht zu denken: Zu Beginn des 17. Jahrhunderts lief in Japan auf engstem Raum eine Vielzahl verschiedener Münzen von unterschiedlicher Qualität um. |
| Die Gold- und Silbermünzen des Toyotomi Hideyoshi
Nach langen Jahren des Bürgerkriegs kehrte gegen Ende des 16. Jahrhunderts wieder Friede im Land der aufgehenden Sonne ein: Im Jahr 1590 gelang es General Toyotomi Hideyoshi, die letzten Aufständischen zu unterwerfen und das Land zu einen. Während seines Aufstiegs zur Macht brachte Hideyoshi einen grossen Teil der japanischen Gold- und Silberminen unter seine Kontrolle und prägte aus dem Ertrag eigene Münzen (1573-1592). Die Münzen Hideyoshis waren allesamt von relativ hohem Wert und daher im alltäglichen Geldumlauf nicht zu finden. Vielmehr dienten sie als repräsentative Geschenke und als Bezahlung bei grossen Handelstransaktionen wie dem Import von Seide und Porzellan aus China. Die berühmteste von Hideyoshis Münzen war der Tensho Hishi Oban, der als grösste Goldmünze der Welt gilt – er mass 17 mal 10 Zentimeter und hatte ein Gewicht von 165 Gramm! Das war der exakte Gegenwert eines Beutels Goldstaub; das Gewicht (10 Ryo = 165 Gramm Gold) wurde mit Tusche auf den Münzen notiert. |
| Die Reichsmünzen der Edo-Periode
Auf Toyotomi Hideyoshi folgte Tokugawa Ieyasu (*1543, †1616), der die Gold- und Silbermünzen seines Vorgängers als Basis für sein eigenes, reichsumfassendes Münzsystem übernahm. 1603 wurde Tokugawa Ieyasu vom Kaiser zum Schogun (Regenten) ernannt. Es begann damit die Zeit der Tokugawa-Schogune, die Edo-Periode (1603-1867) – benannt nach Edo, der Hauptstadt des Tokugawa-Klans: dem heutigen Tokio. Schon vor seiner offiziellen Machtübernahme hatte Tokugawa Ieyasu mit der Vereinheitlichung des Münzsystems begonnen (1601). Als Gewichtseinheit legte er dem japanischen Geld einen Ryo zugrunde, was ca. 15 Gramm Gold entsprach. Die in diesem Gewicht ausgegebenen Goldmünzen heissen Koban. Anders als der Oban war der Koban eine Münze des allgemeinen Geldumlaufs. Auf ihr wurde die Wertbezeichnung eingestempelt, ebenso die Signatur des Münzmeisters und das Kiri-mon, das kaiserliche Wappen. Zusätzlich waren alle Kobane mit kleinen Gegenstempeln versehen: Das bedeutete, dass sie von privater Seite – etwa von Geldwechslern oder Händlern – auf Gewicht und Feingehalt geprüft worden waren. Kam ein Stück erneut in die Hände desjenigen, der es schon einmal untersucht und mit seinem Zeichen versehen hatte, so war eine erneute Prüfung nicht mehr notwendig. |
| Gold-, Silber- und Kupfermünzen
An hochwertigen Goldmünzen gab es in Japan also den Oban und den Koban. Daneben setzten die Tokugawa-Schogune auch kleinere Gold-, Silber- und Kupfermünzen in Umlauf. Gold- und Kupfermünzen gab es in bestimmten Nominalen: Eine Kupfermünze galt ein Mon, und 4000 Mon ergaben einen Ryo: Also entsprachen 4000 Kupfermünzen einem Koban. Anders dagegen die Silbermünzen. Die wurden nach Gewicht bewertet – wie Silber in Südostasien seit jeher nach seinem Gewicht gehandelt wird. Die Grundeinheit für Silber ist ein Momme, was etwa 3,75 Gramm entsprach. So lief Silber in den verschiedensten Formen um: als gegossener Barren, aber auch als geprägte Münze – und wenn gerade keine passende Werteinheit zur Hand war, zwackte man das benötigte Stück einfach von einer Silbermünze ab. So waren denn seit dem 17. Jahrhundert in Japan zwei verschiedene Währungssysteme in Gebrauch. Die Goldwährung setzte sich vor allem im Osten Japans durch: Neben den Goldmünzen Koban und Ichibukin galten hier als Kleingeld die Kupfermünzen. Im Westen dagegen herrschte die Silberwährung; ausser den Silberbarren waren grosse Silbermünzen (Keicho Chogin) und kleine Silbermünzchen (Keicho Mameitagin) in Umlauf. |
| Der Preis des Geldes
Der Preis des Geldes musste in Japan also täglich neu ausgehandelt werden: Die Kurse für Gold und Silber schwankten, und mit ihnen schwankte die Kaufkraft der entsprechenden Münzen. Um den Geldwechsel zu erleichtern, entstanden im ganzen Land sogenannte Ryogaesho (Wechselstuben). Das japanische Geldwesen entwickelte noch eine andere Besonderheit, die westlichem Geldverständnis fremd erscheint: Um grosse Zahlungen zu leisten, ging man nämlich dazu über, verpackte Münzen zu benutzen. Tsutsumi Kingin wurden diese Päckchen genannt, die jeweils eine bestimmte Anzahl Silber- oder Goldmünzen enthielten. Die Münzen wurden in traditionelles japanisches Papier gepackt und das Päckchen versiegelt; danach notierte der Siegler den Wert des Inhalts und setzte zusätzlich noch seine Unterschrift auf das Paket. Keinem Japaner und keiner Japanerin wäre es eingefallen, diese Geldpäckchen auf ihren tatsächlichen Inhalt hin zu überprüfen – Unterschrift und Siegel bestätigten dessen Wert ausreichend. |
