Bildertouren ⟩ Geld im Reich der aufgehenden Sonne III: Der Yen

Geld im Reich der aufgehenden Sonne III: Der Yen

Von Aila de la Rive, © MoneyMuseum 2005

So absolut sich Japan zuvor isoliert hatte, so uneingeschränkt erfolgte im 19. Jahrhundert der Eintritt in die internationale Gemeinschaft. Im In- wie Ausland wurden die Stimmen immer lauter, die aus wirtschaftlichen Gründen eine Öffnung des Landes forderten. Amerikanische Kriegsschiffe und japanische Revolten fegten die Schogunatsregierung schliesslich von der Macht.

Das Jahr 1868 markierte den Wendepunkt: Mit der sogenannten Meiji-Ära (1868-1912) trat das Reich der aufgehenden Sonne in die Moderne ein. Es erfolgte eine rasante Umgestaltung des Staates nach westlichem Vorbild. Die alte Feudalordnung wurde abgeschafft, das Ausreiseverbot aufgehoben und der gregorianische Kalender eingeführt. Das Heer wurde nach preussischem Vorbild neu organisiert, ebenso gab es nun eine allgemeine Schulpflicht. Und die unterschiedlichen japanischen Währungen wurden durch den neuen Yen ersetzt.

Die Erfindung des Yen

Der Tenno (Kaiser) war in Japan seit Jahrhunderten eine reine Repräsentationsfigur – er wurde als Gottheit auf Erden respektiert, hatte aber keinerlei ökonomische oder politische Macht. Die Regierungsgewalt lag allein in den Händen der Schogune. Das änderte sich 1868, als die alten Herrschaftsrechte auf den 16-jährigen Tenno Mutsuhito (*1852, †1912) übertragen wurden. Weil die Devise seiner Regierungszeit «Meiji» (erleuchtete Regierung) lautete, ging dieser Machtwechsel als Meiji-Restauration in die Geschichte ein.

Die Meiji-Restauration verwandelte Japan von einem halbmittelalterlichen Feudalstaat in einen als modern empfundenen Nationalstaat westlicher Prägung. Der junge Tenno galt zwar als Oberhaupt des Staates, hatte aber de facto kaum mehr politische Macht als unter den Schogunen.

Die keineswegs selbstverständliche Bereitschaft, von anderen (früher China und Korea) zu lernen, ist in Japan sehr alt. In der Meiji-Zeit veränderte sich Japan bewusst nach dem Modell der modernen Nationalstaaten der ersten (USA, Grossbritannien, Frankreich) und zweiten Generation (Deutschland). Zur Entwicklung des Landes wurde ein neues Steuersystem eingeführt. Diese erste nationale Steuer war von nun an ausschliesslich in Geld zu bezahlen, und das erforderte wiederum die Einführung einer einheitlichen Währung.

1870 begann eine nach europäischem Vorbild organisierte Zentralbank mit der Ausgabe neuer Silbermünzen. Die Bank of Japan wurde 1877 gegründet und diente auch der Regulierung der neu entstehenden privaten Banken. Gegen 1900 war ein funktionierendes privates und staatliches Banken- und Finanzsystem etabliert.

Der erste Yen richtete sich nach dem mexikanischen Dollar (Peso) – der damaligen Welthandelsmünze Nummer eins. Die Öffnung im Reich der aufgehenden Sonne erfolgte ja in erster Linie mit Blick auf den Aussenhandel. Entsprechend galt: 1 Yen = 1 Dollar.

Gold oder Silber?

Im Jahr 4 der Meiji-Ära – nach westlicher Zeitrechnung 1871 – setzte die Meiji-Regierung ein neues Währungsgesetz in Kraft. Danach galt der Yen fortan als einziges Zahlungsmittel. «Yen» bedeutet übrigens «rund» im Gegensatz zu den ovalen Münzen der Edo-Zeit. Unterteilt wurde der Yen nach dem Dezimalsystem in 100 Sen = 1000 Rin. Allerdings sollte es eine ganze Weile dauern, ehe die zahlreichen Gelder der Schogunatszeit aus dem Verkehr gezogen werden konnten.

Zunächst galt für die neue Yen-Währung sowohl der Silber- als auch der Goldstandard. In den meisten asiatischen Ländern – den Haupthandelspartnern Japans – rechnete man allerdings in Silber; und silbern war auch die Haupthandelsmünze der Zeit: der mexikanische Dollar. Andererseits gingen die USA (1873) und jene europäischen Länder, die es sich leisten konnten, im Lauf des 19. Jahrhunderts zum Goldstandard über (Grossbritannien 1816, Deutschland 1871, Frankreich 1876).

So wurde 1871 erstmals ein goldener Yen geprägt. Er war für den nationalen Gebrauch gedacht, während der Silber-Yen im Aussenhandel eingesetzt werden sollte.

Der japanische Greenback

Als die Meiji-Regierung 1868 an die Macht gelangte, lief im Reich der aufgehenden Sonne eine Vielzahl verschiedener Währungen um: Die Gold-, Silber- und Kupfermünzen der Schogune mischten sich mit chinesischen Kupfermünzen; daneben zirkulierten westliche Silbermünzen und Gelder von lokalen Feudalherren.

Um diese verschiedenen Gelder möglichst rasch aus dem Verkehr ziehen und durch eine nationale Währung ersetzen zu können, liess die neue japanische Regierung grosse Mengen an Papiergeld drucken. Die Noten sollten nach westlichem Vorbild gestaltet sein, weshalb man sie in Deutschland und in den USA drucken liess. Das frühe japanische Papiergeld sah denn auch den amerikanischen Greenbacks sehr ähnlich.

Die Grundlage für die Finanzierung der neuen kapitalistischen Industrieunternehmen – auch der Grosskonzerne (Zaibatsu) – war damit gelegt. Die Zaibatsu spielten bei der Industrialisierung Japans eine entscheidende Rolle. Sie mobilisierten materielle und geistige Ressourcen – Kapital, Arbeit, Rohmaterialien und Technologie – in einem Masse, wie es kleinere Unternehmen nicht vermocht hätten. Andererseits schufen und verstärkten die Zaibatsu eine extrem ungleiche Verteilung von Reichtum und Einkommen. Aber das war in den USA oder Grossbritannien damals auch nicht anders.

Japans Weg zum Goldstandard

In der zweiten Hälfte der 1890er-Jahre flossen grosse Mengen an Geld nach Japan. Es handelte sich um Reparationszahlungen, zu denen China nach dem Ersten Chinesisch-Japanischen Krieg (1894-1895) verurteilt worden war. Mit diesem chinesischen Silber kaufte der japanische Finanzminister in den folgenden Jahren Gold – viel Gold.

Bereits im Jahr 30 der Meiji-Regierung (1897) hatte das Reich der aufgehenden Sonne so viel davon erworben, dass es zum Goldstandard übergehen konnte. Ein neuer Yen wurde mit 0,75 Gramm Gold bewertet – und war damit noch die Hälfte des ersten Gold-Yens wert. Der Wert des Silber-Yens hingegen blieb unangetastet. Durch diese Massnahme passte der japanische Finanzminister das Verhältnis zwischen Gold und Silber dem international üblichen Kurs an.

Um die Jahrhundertwende hatte sich Japan von einem technologisch rückständigen Land in einen modernen Industriestaat gewandelt. Mit unglaublichem Tempo waren Strassen, Eisenbahnen und Fabriken gebaut worden. Die Bevölkerung war von 33 auf 50 Millionen angewachsen. Das Kastenwesen war aufgehoben – und damit eröffneten sich der Gesellschaft gänzlich neue Möglichkeiten. Den Samurai beispielsweise hatte ihr Status bis 1868 nicht erlaubt, sich in der Wirtschaft zu engagieren. Nun gründeten viele dieser ehemaligen Krieger eigene Unternehmen, die schnell expandierten. Es entstanden so die ersten grossen Industriekonglomerate, die Zaibatsu. Japan führte auf diese Weise innerhalb weniger Jahrzehnte die Industrialisierung durch, für die Europa mehr als 100 Jahre gebraucht hatte.

Japanischer Geist und westliches Genie

«Japanischer Geist und westliches Genie» lautet das Motto; das neue Japan orientiert sich am Westen. Insbesondere das preussische Modell scheint der japanischen Mentalität zu entsprechen: Aus Deutschland stammen die japanische Staatsstruktur, das Bildungssystem, der Drill der Armee und die Vorlage für ein bürgerliches Gesetzbuch; die deutsche Sprache nimmt im Reich der aufgehenden Sonne bis nach dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) einen ähnlichen Rang ein wie heute das Englische.

Wirtschaft und Bankwesen orientieren sich in erster Linie an den Systemen der USA und Grossbritanniens: Auf dem Markt herrscht ein mehr oder weniger freier Wettbewerb, Angebot und Nachfrage bestimmen die Produktion, die Bürokratie hält sich in Grenzen. Es gibt Hunderte von Banken, die als private Unternehmen oder genossenschaftlich organisiert sind.

Vom Westen übernimmt Japan auch das kapitalistische Wirtschaftssystem – ein System, das dauernde Expansion erfordert. Und so geht die japanische Expansion bald über die engen nationalen Grenzen hinaus: Während dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) vergrössert Japan seine Kriegs- und Handelsmarine und wird zu einer der führenden Seemächte der Welt. Auch aus ökonomischer Sicht ist dieser Krieg für Japan äusserst vorteilhaft – das Land springt in die Lücke, die durch die kriegführenden Länder entsteht. Produktion und Export steigen an. Japan wird eine Gläubigernation und häuft beachtliche Währungsreserven an Gold und US-Dollars an.

Trotz kriegsbedingtem Wirtschaftswachstum werden während dem Krieg in Japan die Münzen knapp – Silber- und Goldmünzen verschwinden in den Verstecken der Bevölkerung. Um Kleingeld für die alltäglichen Geschäfte zur Verfügung zu stellen, druckt die japanische Regierung Banknoten zu 10, 20 und 50 Sen (1Yen = 100 Sen).

Militarismus und Expansion

Im Ersten Weltkrieg stellte sich Japan auf die Seite der Alliierten gegen das Deutsche Reich. Während des Krieges erfolgten von deutscher Seite aus mehrere Versuche, den Abschluss eines Sonderfriedens zu erreichen; doch stiessen diese Anfragen bei der englandfreundlichen japanischen Staatsführung auf taube Ohren. Das traditionell deutschfreundliche japanische Militär hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht genügend Einfluss, um massgeblich einzugreifen.

Doch in den 1930er-Jahren erlebte Japan eine weitgehende Militarisierung von Regierung und Gesellschaft. Während dieser Zeit verdoppelten sich die Exporte – die gesamte Wirtschaft wuchs zwischen 1930 und 1936 um 50 Prozent! Der gleichzeitig aufkommende Dirigismus liess das Wirtschaftswachstum zu einem grossen Teil dem Militär zufliessen. 1937 nahm der Militärhaushalt drei Viertel aller Staatsausgaben in Anspruch. Die Produktion von nicht lebensnotwendigen Konsumgütern war weitgehend eingestellt.

In diesen Jahren etablierte das japanische Militär eine fast vollständige Kontrolle über die Regierung. Leitbild war nun wieder Deutschland. 1936 schloss die japanische Regierung mit Hitlerdeutschland den sogenannten Antikominternpakt – das Abkommen sollte die Verbundenheit der beiden Länder demonstrieren, welche sich durch ihre aggressive Aussenpolitik international zunehmend isolierten.

In den folgenden Jahren besetzten japanische Truppen weite Teile Chinas. Für diese Gebiete gab die japanische Regierung Geld aus, das dort bis zum Ende des Krieges 1945 in Umlauf blieb.

Japan Incorporated: Der Wirtschaftsdirigismus

Zusammen mit dem verbündeten Deutschland gehörte Japan zu den Verlierern des Zweiten Weltkriegs. Nach dem Krieg war die Wirtschaft ruiniert, viele Städte zerbombt, die Handelsmarine versenkt. Kolonien und Einflusssphären waren verloren, fast alle japanischen Guthaben im Ausland enteignet. Und die Bevölkerung stand unter dem Trauma des Abwurfs zweier amerikanischer Atombomben.

Gleichzeitig wurde das Land der aufgehenden Sonne von amerikanischen Truppen besetzt – erstmals in seiner Geschichte stand Japan somit unter einem Besatzungsregime. Der bisherige Regierungs- und Verwaltungsapparat wurde ebenso wie die Polizei nach der «Säuberung» um mehr als 200'000 Personen in den Dienst der Besatzer gestellt. Die japanische Führungsspitze hingegen blieb, im Gegensatz zur deutschen, in Amt und Würden. In den folgenden Jahren bauten die ehemaligen Kriegstreiber das japanische Modell der «totalen Wirtschaft» weiter aus: ein stark reguliertes, durch Kartelle kontrolliertes System. Die Folge war eine ungewöhnlich enge Verbindung von Staat und privater Wirtschaft – das sogenannte Japan Incorporated.

Wachstum

Der Beginn des Koreakriegs im Jahr 1950 liess Japans Wirtschaft wieder boomen. Japanische Firmen lieferten Jeeps, Ausrüstungsgegenstände und Ersatzteile für die UNO-Truppen. Millionen Dollars flossen im Reich der aufgehenden Sonne – und wurden gezielt für die Förderung der Industrie eingesetzt. In der staatlich gesteuerten japanischen Wirtschaft spielte die Regierung eine ausschlaggebende Rolle bei der Zuteilung von Ressourcen, den Zielvorgaben für die Industrialisierung und der Regulierung der Märkte.

Bereits in den frühen 50er-Jahren hatte Japan seinen kriegsbedingten Produktionsrückgang aufgeholt. In den folgenden Jahrzehnten wuchs das Bruttosozialprodukt im Durchschnitt jährlich um 10 Prozent.

Japan als Wirtschaftsmacht

Bis in die späten 1960er-Jahren war Japan eine Schuldnernation: Durch den Import moderner Maschinen, Anlagen und Technologien befand sich seine Handelsbilanz in einem chronischen Defizit. Gleichzeitig wurde mit diesen Anschaffungen ein gewaltiges Industriepotential geschaffen – und zu Beginn der 70er-Jahre zahlten sich die Investitionen endlich aus. Japan begann, Überschüsse zu erzielen, und japanische Firmen investierten im Ausland. Der Aufstieg zur zweitgrössten Wirtschaftsmacht der Welt begann.

Bis heute spielt der japanische Yen im internationalen Währungssystem aber nicht die Rolle, die er aufgrund der Wirtschafts- und Finanzkraft Japans eigentlich spielen müsste; er dient nirgendwo als Währungsreserve und ist im internationalen Handel bedeutungslos. Offenbar hat die internationale Anlegergemeinschaft wenig Vertrauen in die japanische Finanzpolitik – was nicht erstaunt, denn die japanische Wirtschaftspolitik hat in den vergangenen 150 Jahren ihre Vorbilder stets im Ausland gesucht: in der Frühzeit in China und Korea, seit der Öffnung 1867 in Deutschland, England und Amerika. Japan erscheint als Spiegel der Welt – doch wer traut schon seinem Spiegelbild?

Der Schein allerdings trügt – denn in den letzten Jahrzehnten ist immer mehr auch die innovative Kraft Japans deutlich geworden. Gerade in der boomenden IT-Branche ist genau jene Art von Kreativität gefragt, die man in Japan meisterhaft beherrscht: Bestehendes aufzunehmen, zu begreifen und eigenwillig weiterzuentwickeln. Heute blickt Japan wieder verstärkt nach China – allerdings nicht mehr, um vom grossen Nachbarn zu lernen, sondern für wirtschaftliche Kooperation. Japan ist Chinas grösster Exportmarkt und China Japans grösste Importquelle. Bald wird China der wichtigste Handelspartner des Landes sein; in Schanghai gibt es bereits ein «Little Tokio». Zusammen werden die beiden Länder – Japan und China – den grössten Wirtschaftsblock der Welt anführen. Sofern sie es denn verstehen, die aus historischen Gründen immer wieder zwischen ihnen aufflammenden Konflikte im Zaum zu halten.