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Hartmann, Nicolai: Zur Grundlegung der Ontologie, 4. Aufl., Berlin 1965
Nicolai Hartmanns Werk Zur Grundlegung der Ontologie (4. Auflage, Berlin 1965, Walter de Gruyter) ist ein grundlegender Beitrag zur systematischen Philosophie des 20. Jahrhunderts. Hartmann, der zu den bedeutendsten Vertretern der deutschsprachigen Metaphysik zählt, legt hier den theoretischen Rahmen für eine Erneuerung der Ontologie vor – der Lehre vom Sein als solchem. In Abgrenzung zur rein erkenntnistheoretischen Philosophie des Neukantianismus fordert Hartmann eine Rückbesinnung auf das „Sein“ selbst, nicht nur auf das Wissen vom Sein.
Im Zentrum steht der Versuch, eine Schichtung der Wirklichkeit philosophisch zu begründen. Hartmann unterscheidet vier Seinsbereiche: das anorganische Sein, das organische Leben, das seelische Bewusstsein und das geistige Sein. Diese Ebenen sind hierarchisch geordnet, bauen aber nicht mechanistisch aufeinander auf, sondern zeigen emergente Eigenschaften: Höheres kann ohne das Niedrigere nicht existieren, ist aber nicht auf es reduzierbar. Diese Schichtung führt Hartmann zu einer mehrdimensionalen Ontologie, in der Kategorien nicht universal, sondern bereichsspezifisch sind.
Ein zentrales Anliegen ist die Klärung ontologischer Kategorien wie Möglichkeit, Wirklichkeit, Notwendigkeit, Substanz, Kausalität oder Struktur. Hartmann analysiert sie nicht formal-logisch, sondern phänomenologisch und realistisch – er geht davon aus, dass Kategorien reale Bestimmungen des Seienden sind und nicht bloß gedankliche Konstruktionen. Damit vertritt er eine erkenntniskritisch reflektierte, aber dennoch objektivitätsorientierte Philosophie.
Besondere Beachtung verdient Hartmanns Unterscheidung zwischen Realität und Idealität. Während die Realität das empirisch Erfahrbare umfasst, existieren ideale Objekte – etwa mathematische Strukturen oder ethische Werte – unabhängig von raumzeitlicher Wirklichkeit, sind aber dennoch in die Seinsordnung eingebettet. In dieser Perspektive wird auch die Ethik, die Hartmann in anderen Schriften entwickelt hat, ontologisch fundiert.
Zur Grundlegung der Ontologie richtet sich gegen jede Vereinfachung oder Verflachung des philosophischen Denkens. Hartmann warnt vor einer „Vergeistigung“ der Welt durch rein formale Kategorienlehre ebenso wie vor einem Reduktionismus, der alle Phänomene naturwissenschaftlich erklären will. Stattdessen fordert er eine differenzierte Betrachtung der Wirklichkeit, die sowohl die Verschiedenartigkeit der Seinsbereiche als auch deren innere Zusammenhänge berücksichtigt.
Das Werk ist in klarer, aber dicht gebauter Sprache verfasst und verlangt vom Leser ein hohes Maß an Konzentration. Doch es bietet im Gegenzug einen tiefgreifenden und systematischen Zugang zu einem der ältesten und zugleich aktuellsten Themen der Philosophie: der Frage nach dem, was ist. Hartmanns Ontologie verbindet metaphysische Tiefe mit moderner Differenzierung – und bleibt damit ein bleibender Anstoß zum Weiterdenken.