Brodbeck Philosophie Bibliothek beschrieben
Husserl, Edmund: Philosophie als strenge Wissenschaft, Frankfurt a.M. 1965 (Vittorio Klostermann)
Edmund Husserls Schrift Philosophie als strenge Wissenschaft, 1965 neu aufgelegt beim Verlag Vittorio Klostermann in Frankfurt am Main, ist ein programmatischer Text von 1911, der sich mit der Krise der Philosophie zu Beginn des 20. Jahrhunderts auseinandersetzt und einen radikalen Neuanfang fordert. Husserl richtet sich darin gegen den Relativismus, Historismus und Psychologismus seiner Zeit und plädiert für eine Philosophie, die sich an der Exaktheit der Mathematik und Naturwissenschaft orientiert, ohne sich ihr unterzuordnen.
Die Schrift erschien ursprünglich als Aufsatz in der Zeitschrift Logos und stellt in kompakter Form Husserls methodische Grundhaltung dar. Er argumentiert, dass die Philosophie sich nicht auf Meinungen, Weltanschauungen oder spekulative Systeme stützen darf, sondern eine strenge Wissenschaft sein muss – das heißt: in sich geschlossen, systematisch begründet und auf Evidenz gegründet. Dies setzt eine grundlegende methodische Klärung voraus, die Husserl mit der von ihm entwickelten Phänomenologie zu leisten versucht.
Kernpunkt seiner Argumentation ist die phänomenologische „Epoché“ – der methodische Zweifel an allen Vorannahmen. Um zum Wesentlichen vorzudringen, fordert Husserl ein Zurücktreten von allen naturalistischen und psychologischen Deutungen der Welt. Er will die Erscheinungen so beschreiben, wie sie sich dem Bewusstsein unmittelbar zeigen, frei von jeder Theorie. Diese Besinnung auf das „Bewusstsein von etwas“ – also die Intentionalität – ist für ihn der Zugang zu einem festen Fundament der Erkenntnis.
In der Kritik am Naturalismus erkennt Husserl eine Verengung des wissenschaftlichen Weltbilds: Die Reduktion der Welt auf messbare, objektive Tatsachen lässt das subjektive Erleben und die Bedeutungserfahrungen des Menschen außen vor. Doch gerade das Bewusstsein, das erlebt, deutet, wertet, ist die eigentliche Quelle der Sinngebung – und damit der eigentliche Untersuchungsgegenstand der Philosophie.
Gleichzeitig grenzt sich Husserl von relativistischen Kulturphilosophien und bloßem Weltanschauungsdenken ab. Er warnt davor, Philosophie mit bloßer Meinungsvielfalt gleichzusetzen. Nur wenn Philosophie ihren Anspruch auf strenge Wissenschaftlichkeit erneuert, kann sie den Orientierungsverlust der Moderne überwinden und zu einer „apodiktischen“ Erkenntnisform werden – einer Erkenntnisform, die nicht nur hypothetisch, sondern evidenzbasiert und notwendig gültig ist.
Philosophie als strenge Wissenschaft ist ein Manifest philosophischer Selbstbehauptung. Es markiert den Übergang vom frühen Husserl, der sich noch stark mit logischen und erkenntnistheoretischen Fragen befasst, zum späteren Husserl, der die Phänomenologie zur universalen Grundlagendisziplin ausbaut. Die Schrift wurde zum Ausgangspunkt vieler philosophischer Strömungen des 20. Jahrhunderts – von Heidegger über die französische Phänomenologie bis zur Hermeneutik.
In ihrer prägnanten Form und entschlossenen Sprache ist die Schrift auch heute noch eine Herausforderung: Sie verlangt, das Denken radikal zu hinterfragen und auf das zurückzuführen, was wirklich evident ist. Für Husserl ist Philosophie nicht ein Luxus oder eine akademische Spezialdisziplin, sondern die ernsthafte Suche nach Sinn, Wahrheit und Klarheit – getragen von der Überzeugung, dass diese Suche möglich und notwendig ist.