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Thomas von Aquin: Über das Sein und das Wesen, übers. v. Rudolf Allers, Darmstadt 1976 (WBG)

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von Aquin, Thomas
Brodbeck Library
Dieses Buch kann in der Bibliothek des MoneyMuseums gelesen werden.

Thomas von Aquins Schrift Über das Sein und das Wesen (De ente et essentia), in der deutschen Übersetzung von Rudolf Allers, erschienen 1976 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft (WBG) in Darmstadt, gehört zu den grundlegenden philosophischen Abhandlungen des Mittelalters. Sie wurde vermutlich um 1252 verfasst, also zu Beginn von Thomas’ Lehrtätigkeit in Paris, und stellt eine konzentrierte Einführung in zentrale Begriffe seiner Metaphysik dar: esse (Sein) und essentia (Wesen oder Wesenheit).

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In der Schrift geht es darum, wie Sein und Wesen in den Dingen zusammenhängen und worin sie sich unterscheiden. Thomas unterscheidet zwischen dem, was ein Ding ist (essentia), und der Tatsache, dass es existiert (esse). In Gott fallen beide zusammen: Sein und Wesen sind identisch. In allen geschaffenen Dingen hingegen sind sie voneinander verschieden – ihr Wesen legt nur fest, was sie sind, nicht dass sie sind. Die Existenz ist diesen Wesen erst durch eine schöpferische Handlung Gottes hinzugefügt.

Diese Unterscheidung ist fundamental für die thomanische Metaphysik. Sie erlaubt es Thomas, gegen die aristotelisch motivierte Identifikation von Wesen und Sein zu argumentieren, ohne den aristotelischen Rahmen zu verlassen. Zugleich eröffnet sie die Möglichkeit, Geschöpfe als kontingente Seiende zu begreifen – sie haben ihr Sein nicht aus sich selbst, sondern empfangen es. Damit stellt Thomas die Seinsfrage in eine theologisch fundierte Ordnung: Alles Seiende verweist letztlich auf das Sein selbst, das in Gott vollendet und ohne Ursache ist.

In seiner Argumentation verbindet Thomas aristotelische Kategorienlehre mit der neuplatonischen Idee von Emanation und der christlichen Schöpfungstheologie. Er geht systematisch vor: Zuerst behandelt er die Begriffe von Gattung, Art, Unterschied und Substanz, dann die Frage nach dem Verhältnis von Materie und Form, schließlich das Verhältnis von Wesen und Sein. Jeder Abschnitt folgt einem streng rationalen Aufbau, mit klaren Definitionen und Folgerungen – ein Stil, der typisch für die Scholastik ist.

Rudolf Allers’ Übersetzung macht den lateinischen Text auch für moderne Leser zugänglich, ohne seine sprachliche Präzision zu verlieren. Die Ausgabe der WBG ist zudem mit einer Einführung und Anmerkungen versehen, die den philosophischen Hintergrund und die Bedeutung der Argumente erläutern.

Über das Sein und das Wesen ist eine dichte, aber kurze Schrift, die gleichsam den Schlüssel zum gesamten Denken des Thomas von Aquin bietet. Wer sie versteht, erhält Zugang zu seiner gesamten Metaphysik, aber auch zu seiner Theologie, Ethik und Anthropologie. Die Schrift bleibt ein Meisterstück scholastischer Argumentation und ein bleibender Beitrag zur Frage nach dem, was es heißt, zu sein. In einer Zeit, in der die Seinsfrage oft hinter pragmatischen oder funktionalen Überlegungen verschwindet, erinnert Thomas daran, dass jedes Denken eine Grundlage braucht – und dass diese Grundlage das Sein selbst ist.