Brodbeck Philosophie Bibliothek beschrieben
Kungfutse: Schulgespräche Gia Yü, übers. v. Richard Wilhelm, Düsseldorf-Köln 1981
Schulgespräche Gia Yü (Jia Yu), übersetzt von Richard Wilhelm und 1981 im Verlag Eugen Diederichs in Düsseldorf-Köln neu aufgelegt, ist eine bedeutende Sammlung ergänzender Lehren, Dialoge und Anekdoten, die dem chinesischen Philosophen Kungfutse (Konfuzius, 551–479 v.?Chr.) zugeschrieben werden. Sie gilt als komplementäres Werk zu den bekannteren Lunyu (Analekten), die die authentischeren Aussprüche des Meisters enthalten. Die Gia Yü (wörtlich: „Hausgespräche“) bieten ein breiteres, erzählerischeres Bild von Konfuzius’ Lehren und seinem Umgang mit Schülern, Fürsten und Zeitgenossen.
Richard Wilhelm, einer der wichtigsten Vermittler chinesischen Denkens im deutschen Sprachraum, hat mit dieser Übersetzung ein Werk zugänglich gemacht, das lange im Schatten der Analekten stand, aber wichtige Einblicke in die politische, moralische und pädagogische Praxis des Konfuzianismus liefert. Die Gespräche und Erzählungen kreisen um Themen wie sittliches Verhalten, Bildung, Loyalität, die rechte Ordnung im Staat sowie die Tugend der Menschlichkeit (ren), die bei Konfuzius als höchste moralische Kategorie gilt.
In der Gia Yü tritt Konfuzius nicht nur als weiser Lehrer auf, sondern auch als Mensch mit Schwächen, Humor und strategischem Denken. Die Texte zeigen, wie er sich in schwierigen politischen Situationen verhält, wie er auf Herausforderungen antwortet und wie er seine Schüler auf ein Leben in Verantwortung vorbereitet. Dabei wird deutlich, dass Bildung im konfuzianischen Sinne nicht bloß Wissensvermittlung ist, sondern Charakterbildung: Ziel ist die Hervorbringung des Edlen (junzi), eines Menschen, der sich durch Selbstkultivierung, Gerechtigkeitssinn und Bescheidenheit auszeichnet.
Wilhelms Übersetzung, erstmals 1920 erschienen und 1981 neu aufgelegt, bleibt bis heute stilistisch elegant und inhaltlich zuverlässig. Sie vermeidet exotisierende oder romantisierende Klischees und bemüht sich um eine sachlich-kulturelle Vermittlung. Seine Einführung und Anmerkungen helfen westlichen Lesern, die konfuzianische Ethik, ihre sozialen Grundlagen und historischen Kontexte besser zu verstehen.
Die Schulgespräche Gia Yü sind daher nicht nur ein literarisch ansprechendes, sondern auch ein philosophisch tiefgründiges Werk. Sie ermöglichen einen Zugang zu einer Denktradition, die über zwei Jahrtausende das politische und gesellschaftliche Leben Ostasiens geprägt hat. Gerade in einer Zeit, in der Fragen nach Gemeinsinn, Bildung und Führungsethik neu gestellt werden, können Konfuzius’ Lehren als Anstoß zur Reflexion dienen – nicht im Sinne dogmatischer Antworten, sondern als Einladung zu moralischer Orientierung.