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von Kapital und Kapitalzins – Einordnung und Bedeutung
Eugen von Böhm-Bawerk (1851–1914) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Sein Hauptwerk „Kapital und Kapitalzins“, erstmals zwischen 1884 und 1889 erschienen, liegt in der vierten Auflage von 1921 in drei Bänden vor (Jena, Gustav Fischer). Dieses Werk prägte die moderne Kapitaltheorie entscheidend und steht im Zentrum der Debatten um Zins, Kapital und Wert in der ökonomischen Wissenschaft.
Böhm-Bawerks „Kapital und Kapitalzins“ ist in drei Bände gegliedert:
• Erster Band: Geschichte und Kritik der Kapitalzins-Theorien
• Böhm-Bawerk analysiert und kritisiert systematisch die bis dahin existierenden Theorien über die Entstehung des Zinses, darunter die Fruchtbarkeitstheorie, die Abstinenztheorie, die Produktivitätstheorie und die Ausbeutungstheorie (insbesondere von Karl Marx).
• Er zeigt auf, dass keine dieser Theorien den Zins ausreichend erklären kann und legt damit den Grundstein für seine eigene Theorie.
• Zweiter Band: Positive Theorie des Kapitals
• In diesem Band entwickelt Böhm-Bawerk seine eigene Kapital- und Zinstheorie. Zentral ist die Unterscheidung zwischen „Kapital“ als Produktionsmittel und „Kapitalzins“ als Ertrag aus der Kapitalverwendung.
• Er führt das Konzept der „Produktionsumwege“ ein: Die Produktion mit Kapital ist zeitaufwändiger, aber auch produktiver als unmittelbare Produktion. Der Zins entsteht, weil Menschen gegenwärtige Güter höher bewerten als zukünftige (Zeitpräferenz).
• Damit verbindet Böhm-Bawerk subjektive Wertlehre mit der Kapitaltheorie.
• Dritter Band: Weitere Ausführungen zur positiven Theorie des Kapitals
• Hier vertieft und verteidigt er seine Theorie gegen Einwände und behandelt spezielle Fragen wie die Rolle des technischen Fortschritts und die Verteilung des Einkommens.
• Zeitpräferenz und Zins: Böhm-Bawerk argumentiert, dass der Zins aus der Zeitpräferenz resultiert: Menschen bevorzugen gegenwärtigen Konsum gegenüber künftigem Konsum. Der Zins ist somit ein Ausgleich für den Verzicht auf sofortige Bedürfnisbefriedigung.
• Kapital als Produktionsumweg: Die Einführung von Kapital ermöglicht längere und indirektere Produktionsprozesse, die zu höherem Output führen. Der Zins ist die Prämie für das Warten auf das Ergebnis dieser produktiveren, aber zeitintensiveren Prozesse.
• Kritik an der Ausbeutungstheorie: Böhm-Bawerk widerlegt die marxistische Theorie, nach der der Zins (bzw. Profit) auf Ausbeutung der Arbeiter beruht. Er sieht den Zins als Ergebnis ökonomischer Gesetzmässigkeiten, nicht als Bedeutung für die Ökonomie.
Böhm-Bawerks Werk ist ein Meilenstein der Kapitaltheorie. Es beeinflusste nicht nur die Österreichische Schule (Mises, Hayek), sondern auch die internationale ökonomische Diskussion. Seine präzise Analyse der Zeitpräferenz und seine methodische Strenge machten „Kapital und Kapitalzins“ zu einem Standardwerk, das bis heute in der Wirtschaftswissenschaft rezipiert und diskutiert wird.
„Kapital und Kapitalzins“ von Eugen von Böhm-Bawerk ist ein grundlegendes Werk der ökonomischen Theoriegeschichte. Es bietet eine umfassende Kritik früherer Zinstheorien und entwickelt eine eigenständige, bis heute einflussreiche Erklärung für die Entstehung von Kapital und Zins. Die vierte Auflage von 1921 dokumentiert die anhaltende Relevanz und den hohen Stellenwert dieses Werks im Kanon der Nationalökonomie.