Wichtige Werke
Verschwörung gegen Amerika
Philip Roths Roman "Verschwörung gegen Amerika" ist ein faszinierendes Werk der kontrafaktischen Geschichtsschreibung. Es entwirft eine alternative Vergangenheit, in der der Luftfahrtpionier Charles Lindbergh 1940 die US-Präsidentschaftswahlen gegen Franklin D. Roosevelt gewinnt und die Vereinigten Staaten auf einen isolationistischen, antisemitischen Kurs führt. Roth verbindet in seinem Buch persönliche Erinnerungen mit politischen Spekulationen und entwirft ein beängstigendes Szenario einer Diktatur in den USA.
Lindbergh war in den 1930er Jahren ein Superstar, bewundert für seine bahnbrechenden Flüge, aber auch politisch umstritten. Seine enge Verbindung zu Nazi-Deutschland, symbolisiert durch einen Orden, den ihm Hermann Göring verlieh, sowie seine Ablehnung einer amerikanischen Kriegsteilnahme gegen Hitler, machten ihn zur kontroversen Figur. Die Republikaner erwogen angeblich, ihn als Kandidaten aufzustellen. Hier setzt Roths Erzählung an und zeigt, wie ein solcher Wahlausgang das Schicksal Amerikas und insbesondere seiner jüdischen Bevölkerung beeinflusst hätte.
Roth lässt viele persönliche Kindheitserinnerungen in den Roman einfließen, löst aber in einem Anhang die Vermischung von Fakten und Fiktion sorgfältig auf. Er schildert den Alltag einer jüdischen Familie in Newark, die zunehmend Bedrohung und Diskriminierung ausgesetzt ist. Die albtraumhaften Vorstellungen des kindlichen Ich-Erzählers, etwa die von Hakenkreuzen überdruckte Briefmarkensammlung, illustrieren, wie die politische Realität ins Private eindringt. Roth verknüpft meisterhaft die individuelle Erfahrung mit der großen historischen Entwicklung.
Besonders bemerkenswert ist, wie Roths Szenario Rückschlüsse auf aktuelle politische Entwicklungen zulässt. Sein historischer Lindbergh nutzt den Slogan "America First", den auch Donald Trump in seinem Wahlkampf 2016 wiederaufleben ließ. Roth schrieb seinen Roman lange bevor dieser Spruch erneut populär wurde, doch sein feines Gespür für gesellschaftliche Strömungen zeigt, wie sehr Literatur oft Entwicklungen vorausgreift. So liest sich "Verschwörung gegen Amerika" nicht nur als historische Spekulation, sondern auch als eindringliche Warnung vor dem Wiedererstarken nationalistischer und autoritärer Tendenzen.
Das Buch stellt die zentrale Frage: Wie schnell können Demokratien kippen? Wie würde eine Gesellschaft reagieren, wenn ihre Werte von innen heraus erodiert werden? Die fiktionale Diktatur Lindberghs zeigt Mechanismen auf, die in der realen Welt immer wieder zu beobachten sind: die Manipulation der öffentlichen Meinung, die schleichende Aushöhlung demokratischer Institutionen und die schrittweise Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen.
Für mich ist dieses Werk aber aus einem anderen Grund eines meiner wichtigsten Bücher. Nicht nur Lindberghs (historischer!) Slogan „America First!“ weckt Assoziationen an das tagespolitische Geschehen in den USA. Mich fasziniert Roths feines Gespür für das, was „in der Luft lag“, als er das Buch schrieb. Damit war Roth allen Politologen und Experten um Jahre voraus! Er führt vor Augen, wohin eine so radikale Ideologie führen kann – egal wie der politische Kopf dahinter heißen mag oder das Land. Wie sein Lindbergh das demokratische Amerika in eine Diktatur verwandelt, könnte sich tatsächlich abspielen. Ist es nicht erschreckend, dass aktuelle politische Analysen Roths mittlerweile 14 Jahre zurückliegendes Gedankenspiel gewissermaßen bestätigen? „Verschwörung gegen Amerika“ mahnt uns, mehr und früher auf die Intuition der Literaten und die Kraft der Literatur zu hören als auf die späten Mahnrufe der Experten.