Wichtige Werke
Im Takt des Geldes
Eske Bockelmanns Werk Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens (2004) stellt einen radikalen Bruch mit gängigen Vorstellungen über die Entstehung, das Wesen und die Wirkung des Geldes dar. Bockelmann argumentiert, dass Geld nicht, wie oft angenommen, eine universale, zeitlose Institution sei, sondern ein spezifisch europäisches, neuzeitliches Phänomen, das tiefgreifende Veränderungen im Denken, Handeln und in der gesellschaftlichen Organisation bewirkt hat. Im Folgenden werden die zentralen Argumentationslinien und die Bedeutung des Buches in präziser Form dargestellt. Hardcover 2004 im Klampen Verlag, e-book 2013 beim Conzett Verlag
Bockelmann widerspricht der verbreiteten Annahme, Geld sei eine natürliche Weiterentwicklung des Tauschhandels und habe mit der Einführung von Münzen begonnen. Vielmehr zeigt er, dass weder in der Antike noch im europäischen Mittelalter ein einheitlicher Begriff oder gar ein Bewusstsein von Geld existierte. Münzen und andere Tauschmittel wurden zwar verwendet, aber sie galten nicht als „Geld“ im heutigen Sinne. Erst als in den europäischen Städten des späten Mittelalters die Versorgung der Menschen nicht mehr primär über persönliche Abhängigkeiten und Naturalabgaben, sondern über Kauf und Verkauf erfolgte, entstand das gesellschaftliche Bedürfnis nach einem universellen, abstrakten Tauschmittel – dem Geld.
Das Neue am Geld, so Bockelmann, ist nicht seine Funktion als Tauschmittel an sich, sondern seine Reduktion auf reines, abstraktes Tauschmittel. Geld ist kein Ding mit eigenem Gebrauchswert mehr, sondern existiert nur noch als „reines Quantum“, als abstrakte Zahl, die beliebig gegen jede Ware eingetauscht werden kann. Damit wird Geld zum Maßstab aller Werte und setzt die Vorstellung von Wert und Äquivalenz überhaupt erst durch. Wert erscheint als eine dem Ding innewohnende Eigenschaft, doch in Wahrheit entsteht die Wertvorstellung erst durch die Existenz des Geldes als universelles Äquivalent.
Geld ist für Bockelmann kein neutrales Instrument, sondern eine gesellschaftliche Einrichtung, die Menschen und Gesellschaften einem neuen Zwang unterwirft. In einer geldvermittelten Gesellschaft muss jeder zu Geld kommen, um leben zu können. Dies führt zum Zwang, aus Geld mehr Geld zu machen – der Ursprung des Kapitalismus. Wer nicht erfolgreich Geld vermehrt, scheitert ökonomisch. Geld erzwingt so eine ständige Expansion, einen unbegrenzten Zugriff auf die Welt, der sich historisch in der europäischen Expansion und Kolonialisierung manifestiert hat.
Mit dem Geld entstehen nicht nur der moderne Kapitalismus, sondern auch der moderne Staat, der als abstrakte, von Personen unabhängige Macht die Geltung des Geldes garantiert und durchsetzt. Bockelmann geht weiter und zeigt, dass selbst das moderne, abstrakt-quantitative Denken – etwa in den Naturwissenschaften – im Takt des Geldes entstanden ist: Die Fähigkeit, die Welt in abstrakte Zahlen, Werte und Gleichungen zu fassen, ist eine Folge der Durchsetzung des Geldes als universellem Maßstab.
Bockelmanns Analyse mündet in eine fundamentale Kritik der Gegenwart: Die globale Umweltzerstörung, soziale Krisen und die scheinbare Alternativlosigkeit des kapitalistischen Wirtschaftens sind direkte Folgen der Geldlogik. Da Geld als reines Quantum keinen natürlichen Schranken unterliegt, erzwingt es einen unbegrenzten Zugriff auf die Welt. Die Frage, ob eine Welt ohne Geld möglich ist, beantwortet Bockelmann mit dem Hinweis auf die lange Menschheitsgeschichte ohne Geld – und stellt damit die Möglichkeit einer anderen Zukunft in den Raum.
Im Zentrum von Eske Bockelmanns Werk Im Takt des Geldes steht die These, dass mit dem Aufkommen des modernen Geldes ein spezifisch neuzeitlicher Taktrhythmus in das gesellschaftliche Leben und das Denken der Menschen Einzug gehalten hat. Der Begriff „Takt“ ist dabei nicht nur musikalisch oder mechanisch zu verstehen, sondern beschreibt eine neue, abstrakt-quantitative Zeitstruktur, die durch das Geld in die Welt kommt und das moderne Leben grundlegend prägt.
Der Takt des Geldes ist ein Zwangstakt: In einer geldvermittelten Gesellschaft muss jeder kontinuierlich zu Geld kommen, um zu existieren. Das Geld muss ständig „umgesetzt“ werden, es verlangt nach ständiger Vermehrung – aus Geld muss mehr Geld werden. Dieser Zwang erzeugt einen gleichförmigen, pausenlosen Rhythmus: Produktion, Handel, Konsum und Arbeit werden in einen immer gleichen, abstrakt messbaren Takt gezwungen. Das Leben wird „getaktet“ – im Sinne einer gleichförmigen, messbaren Abfolge von Handlungen, die alle auf das Ziel der Geldvermehrung ausgerichtet sind.
Vor der Durchsetzung des Geldes war das Leben durch soziale, religiöse oder natürliche Rhythmen strukturiert: Feste, Ernten, religiöse Zeremonien oder persönliche Bindungen gaben den Takt vor. Mit dem Geld entsteht eine neue, abstrakte Zeit: Die Zeit wird in gleichförmige, zählbare Einheiten zerlegt – wie beim Takt in der Musik, der die Zeit in identische Abschnitte teilt. Diese Taktstruktur ist nicht zufällig, sondern notwendig, weil das Geld als reines Quantum nur in solchen gleichförmigen, zählbaren Schritten existieren kann. Die Welt wird im Takt des Geldes neu organisiert: Arbeit wird in Stunden gemessen, Produktion in Stückzahlen, Handel in Umsätzen, das Leben in Einkommen und Ausgaben.
Bockelmann argumentiert, dass dieser Taktrhythmus nicht nur das wirtschaftliche und soziale Leben, sondern auch das moderne Denken und die Wissenschaften prägt. Die Fähigkeit, die Welt in abstrakte, messbare Einheiten zu zerlegen, ist eine Folge des Geldes: Mathematik, Naturwissenschaften und Technik entwickeln sich im Takt des Geldes, weil sie die Welt nach denselben Prinzipien der Quantifizierung und Taktung erfassen. Das moderne Denken ist damit selbst ein Produkt des Taktes, den das Geld setzt.
Der „Takt des Geldes“ ist bei Bockelmann die Signatur der neuzeitlichen, kapitalistischen Gesellschaft: Ein abstrakter, universeller Rhythmus, der alle Lebensbereiche durchdringt und gleichschaltet. Er ist die unsichtbare Macht, die das Handeln, das Denken und die Zeitwahrnehmung der Menschen bestimmt. Wer die Herrschaft des Geldes verstehen will, muss daher auch den Taktrhythmus begreifen, den es in die Welt bringt – und der weit über das Ökonomische hinaus das gesamte moderne Leben strukturiert.