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Fortunatus 1509 – Vom Glückssäckel zur Geldgesellschaft

1509
Fortunatus, Fortunatus
Wichtige Werke
Dieses Buch kann in der Bibliothek des MoneyMuseums gelesen werden.

Das Volksbuch Fortunatus, erstmals 1509 in Augsburg gedruckt, gehört zu den bedeutendsten Texten des frühen 16. Jahrhunderts. Gemeinsam mit Till Eulenspiegel und Reineke Fuchs bildet es ein Fundament deutscher Erzählkultur, doch in seinem Kern erzählt es mehr als nur Abenteuer und Moral – es markiert den Beginn des modernen, geldgetriebenen Denkens. Der Protagonist Fortunatus wählt im entscheidenden Moment nicht Weisheit oder langes Leben, sondern Reichtum. Diese Wahl steht sinnbildlich für den epochalen Übergang Europas vom Mittelalter in die Neuzeit – von einer ständisch-religiösen Ordnung hin zu einer ökonomisch-individualistischen Welt.

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Die Begegnung mit Fortuna, der „junckfraw des glücks“, ist ein symbolischer Akt: Sie bietet dem Menschen die Macht, sein Schicksal selbst zu bestimmen. Fortunatus entscheidet sich für das Glückssäckel, das nie leer wird und sich magisch jeder Landeswährung anpasst – eine Art goldene Kreditkarte der Frühen Neuzeit. Damit wird Geld zu einem universellen Medium, das Zeit, Raum und Grenzen überwindet. Fortunatus’ zweites Geschenk, das Zauberhütchen, das ihn an jeden Ort der Welt befördern kann, ergänzt das Bild: Kapital und Mobilität werden zur neuen Form von Freiheit. Zusammen bilden Glückssäckel und Zauberhütchen das Sinnbild der Moderne – der globalen Vernetzung, des ständigen Fortschritts, der unbegrenzten Möglichkeiten.

Doch die Erzählung ist keine Lobpreisung des Geldes. Sie entfaltet früh die Ambivalenz ökonomischer Macht. Fortunatus nutzt seinen Reichtum zunächst klug: Er kehrt heim, errichtet einen Palast auf Zypern und sichert seiner Familie Ansehen. Doch seine beiden Söhne, Ampedo und Andolosia, erben zwar den Zauberbeutel, nicht aber die Weisheit des Vaters. In ihrer Mischung aus Feigheit und Übermut verlieren sie alles – Reichtum, Ehre und Leben. Damit entlarvt der Autor die zerstörerische Seite des Reichtums: Besitz ohne Maß und Einsicht führt zum moralischen und existenziellen Ruin.

Diese Struktur wirkt bis in unsere Gegenwart fort. Der Tagesspiegel-Artikel von 2009, erschienen zum 500-jährigen Jubiläum, liest das Werk als Parabel auf die Finanzkrisen der Moderne: Das „Glückssäckel“ steht für das Vertrauen in die endlose Liquidität der Märkte, in das immer verfügbare Geld, das magisch aus sich selbst zu schöpfen scheint. Doch wie in der Krise 2008 steckt man irgendwann die Hand in den Beutel – und er ist leer. Die Zauberkraft, auf der das System ruht, erweist sich als Illusion. Damit wird Fortunatus zur frühen Reflexion einer bis heute ungelösten Frage: Kann Geld Glück und Sicherheit tatsächlich garantieren, oder zerstört es auf lange Sicht die Grundlagen, die es zu schaffen vorgibt?

Bemerkenswert ist auch die Erzählform: Fortunatus steht am Übergang von der Vers- zur Prosadichtung. Diese formale Neuerung ist nicht bloss literarisch, sondern auch mentalitätsgeschichtlich bedeutsam. Prosa erlaubt eine lineare, rationale Weltbeschreibung – ähnlich dem Rechenbuch der Kaufleute, das Zahlen und Geschichten in eine Ordnung bringt. So verbindet das Buch Literatur und Ökonomie, Erzählung und Buchführung. Der Held ist nicht mehr ein Ritter oder Heiliger, sondern ein Reisender, Händler, Weltbürger. Damit spiegelt Fortunatus eine neue Haltung: den homo oeconomicus als archetypische Figur der Moderne.

Dass der Autor anonym blieb, verstärkt die Universalität des Themas. Fortunatus ist nicht die Geschichte eines Einzelnen, sondern eine Parabel über Europa selbst. Sie zeigt, wie der Mensch – befreit von göttlicher Ordnung – sein Glück in die eigene Hand nimmt, aber zugleich in die Abhängigkeit eines neuen Prinzips gerät: des Geldes. Fortuna schenkt Macht, doch ihre Gabe ist doppeldeutig – Segen und Fluch zugleich.

In diesem Sinn ist Fortunatus ein Schlüsseltext der Moderne. Er erzählt von der Verführungskraft des Geldes, von der Illusion unerschöpflicher Ressourcen und von der moralischen Verantwortung des Besitzes. Seine Fragen sind heute aktueller denn je: Wie gehen wir mit unseren Glückssäckeln um – mit Kapital, Technologie, Mobilität? Und was bleibt, wenn der Beutel leer ist?