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Wichtige Werke

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Der amerikanische Traum - Mythos oder Realität (JD Vance - Hillibilly-Elegie)

2016
Vance, J D.
Wichtige Werke
Dieses Buch kann in der Bibliothek des MoneyMuseums gelesen werden.

J.D. Vances Buch Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise ist weit mehr als eine persönliche Autobiografie. Es ist ein Spiegelbild der amerikanischen Gesellschaft, insbesondere der weissen Arbeiterklasse im sogenannten Rust Belt, und wurde nach seiner Veröffentlichung 2016 rasch zum Bestseller und gesellschaftlichen Diskussionsstoff. Das Werk bietet einen seltenen, ehrlichen Einblick in eine Welt, die vielen Europäern und auch vielen Amerikanern fremd ist: das Leben der sogenannten „Hillbillys“ – ein Begriff, der in den USA abwertend für Bewohner ländlicher, strukturschwacher Gebiete wie den Appalachen verwendet wird.

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Vance schildert seinen eigenen Weg vom Kind einer zerrütteten Arbeiterfamilie in Ohio zum erfolgreichen Absolventen der Eliteuniversität Yale und späteren Hedgefonds-Manager. Seine Familie stammt ursprünglich aus Kentucky, einer Region mit tiefen sozialen und wirtschaftlichen Problemen. Die Lebenswelt, die Vance beschreibt, ist geprägt von Armut, Gewalt, Drogenabhängigkeit und Perspektivlosigkeit. Seine Grosseltern, die als „echte Hillbillys“ gelten, versuchten durch harte Arbeit der Armut zu entkommen, scheiterten jedoch letztlich an den strukturellen Barrieren und den eigenen Dämonen wie Alkoholismus und Misshandlung.

Vance spart nicht mit Kritik an seiner Herkunftsfamilie, aber auch nicht mit Mitgefühl. Er schildert eindringlich, wie tief verwurzelte Werte wie Loyalität, Stolz und Misstrauen gegenüber dem Staat das Leben und die Chancen der Menschen prägen. Gleichzeitig zeigt er, wie schwer es ist, sich aus diesen Verhältnissen zu befreien – und dass individueller Aufstieg oft mit Entfremdung von der eigenen Herkunft einhergeht.

Das Buch wurde vielfach als Versuch gelesen, den Wahlerfolg von Donald Trump zu erklären, da es die Frustration und den sozialen Abstieg vieler weisser Arbeiter thematisiert. Vance selbst verzichtet allerdings auf eine explizite politische Analyse und bleibt in seiner Darstellung meist auf der persönlichen Ebene. Gerade das macht das Buch so wirkungsvoll: Es liefert keine einfachen Antworten, sondern zeigt die Komplexität der sozialen Probleme auf.

Kritiker werfen Vance vor, strukturelle Ursachen wie ein marodes Gesundheitssystem oder fehlende Bildungsmöglichkeiten zu wenig zu thematisieren. Stattdessen betone er zu stark das Prinzip der Selbstverantwortung – jeder sei seines eigenen Glückes Schmied. Damit, so die Kritik, werde die gesellschaftliche Dimension der Krise ausgeblendet und die Verantwortung auf das Individuum abgewälzt.

Hillbilly-Elegie ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Mythos des amerikanischen Traums. Vance beschreibt, wie dieser Traum für viele seiner Herkunftsklasse unerreichbar bleibt. Die Hoffnung auf sozialen Aufstieg wird immer wieder durch Rückschläge, familiäre Konflikte und gesellschaftliche Stigmatisierung zerstört. Der Autor zeigt, wie schwer es ist, die eigene Herkunft zu überwinden, und wie sehr die Vergangenheit das Leben auch nach dem sozialen Aufstieg prägt.

Sein eigenes Beispiel dient dabei als Beweis, dass Aufstieg möglich ist – aber eben nur unter grossen persönlichen Opfern und mit viel Glück. Vance betont, wie wichtig die Unterstützung durch seine Grossmutter war, die ihm Halt und Orientierung gab. Ohne diese individuelle Hilfe, so suggeriert er, wäre sein Weg kaum möglich gewesen.

Ein zentrales Thema des Buches ist die Frage nach der eigenen Identität. Vance beschreibt eindrücklich, wie er sich an der Eliteuniversität Yale als Aussenseiter fühlte, unsicher im Umgang mit den Codes der Oberschicht und ständig in Angst, als „Hillbilly“ entlarvt zu werden. Die kulturelle Kluft zwischen Herkunft und neuem Lebensumfeld bleibt auch nach dem sozialen Aufstieg bestehen und führt zu einer dauerhaften Entfremdung.

Hillbilly-Elegie wurde von der Presse und Leserschaft kontrovers aufgenommen. Viele lobten die schonungslose Ehrlichkeit und den tiefen Einblick in eine oft übersehene Gesellschaftsschicht. Andere kritisierten die fehlende gesellschaftliche Analyse und die Nähe zur republikanischen Ideologie, insbesondere angesichts von Vances späterer politischer Karriere als Vizepräsident unter Donald Trump.

Der Erfolg des Buches und die anschliessende Netflix-Verfilmung machten Vance zu einer prominenten Stimme im Diskurs über die amerikanische Gesellschaft. Sein Werk regt zur Auseinandersetzung mit Fragen von sozialer Gerechtigkeit, Chancengleichheit und kultureller Identität an – Themen, die auch über die USA hinaus von Bedeutung sind.