Kurse
Die Money Profiler
Unser Podcast fragt nicht, wie man Geld macht, sondern was Geld macht – und warum es unsere Welt beherrscht. Wir decken auf, woher die Macht des Geldes kommt, wie es Wirtschaft und Gesellschaft formt und warum bisherige Theorien es oft falsch verstehen. Für alle, die mit Geld leben müssen, aber nicht aufhören wollen, darüber nachzudenken. Podcast Serie mit Eske Bockelmann und Daniel Butscher.
von Eske Bockelmann, Daniel Butscher
Ein Profiler analysiert Muster, Verhaltensweisen und Strukturen, um ein tiefes Verständnis für ein Thema oder eine Person zu gewinnen.
Ein Money-Profiler überträgt dieses Prinzip auf das Geld: Er untersucht seine verborgenen Mechanismen, seine Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft und deckt auf, wie Geld unser Denken und Handeln beeinflusst. Bockelmann und Butscher nehmen in ihren Podcasts genau diese Rolle ein – sie entschlüsseln Geld in all seinen Facetten und machen es für alle verständlich. Dafür nehmen sie sich Zeit: Fast eine Stunde pro Folge, um wirklich in die Tiefe zu gehen. Ideal, um das eigene Wissen zu vertiefen!
Der Zwang, Geld zu machen, prägt unser Leben und die Welt. Doch was, wenn wir nicht fragen, wie man Geld macht, sondern was Geld macht? Unsere Podcasts verfolgen eine radikale Spur: Nicht der Weg zum Geld ist entscheidend, sondern der Weg vom Geld. Dafür klären wir, was Geld wirklich ist, woher seine Macht kommt und warum sie so unanfechtbar scheint.
Wir bieten eine revolutionäre Geldtheorie, die Wirtschaft neu denkt – von Produktion bis Finanzmarkt, von Zinspolitik bis Kryptowährungen. Unser Podcast ist für alle, die mit Geld leben müssen – aber nicht aufhören wollen, darüber nachzudenken.
Was ist Geld eigentlich – und was macht es mit uns? In dieser Hör- und Textreihe laden wir Sie ein, gemeinsam grundlegenden Fragen nachzugehen: Wie entsteht Wert? Was bedeutet Kapital? Wie werden Geld und Waren geschaffen? Jede Staffel umfasst fünf Episoden zu einem zentralen Thema – insgesamt 25 Impulse, die zum Weiterdenken anregen und neue Perspektiven eröffnen.
Money Profiler Kurzgeschichten
in Vorbereitung:
Im folgenden finden Sie kurze Einführungen in die Money Profiler Präsentationen.
Episode 1: Was ist Geld? Reines Tauschmittel
Willkommen bei den Money-Profilern! Mein Name ist Daniel Butscher, und ich bin Eske Bockelmann. Wir sind dem Geld auf der Spur – aber nicht, weil wir es besitzen wollen, sondern weil wir herausfinden möchten, was es wirklich ist. Geld regiert die Welt, doch wissen wir eigentlich, was uns da regiert? Und regiert es uns gut? Wir meinen: nicht unbedingt. Deshalb ermitteln wir in Sachen Geld, wollen seine Identität aufdecken und herausfinden, wie es unsere Gesellschaft beeinflusst. Wer uns dabei begleiten will, ist herzlich eingeladen.
Unser Podcast dreht sich nicht darum, wie man Geld macht, sondern darum, was Geld macht und was es ausmacht. Geld ist keine bloße Sache, sondern eine gesellschaftliche Tatsache. Es durchdringt unsere gesamte Gesellschaft – von der Wirtschaft bis in unser persönlichstes Leben. Es beeinflusst Kriege, Reichtum und Armut, Freiheit und Herrschaft, sogar die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen. All dem wollen wir auf den Grund gehen.
Wir beginnen mit einer scheinbar einfachen Frage: Was ist Geld? Viele würden sagen: Geld, das sind Scheine, Münzen, Kontozahlen. Aber was haben diese verschiedenen Formen gemeinsam? Auf Konten existiert Geld nur als Zahl – eine Zahl, die nichts zählt, keine Kartoffeln, kein Gold, kein physisches Gut. Und doch hat sie die Macht, alles zu kaufen. Geld ist also ein reines Quantum, ein quantifiziertes Nichts mit ungeheurer Wirkung.
Ein zentraler Punkt ist die Geldschöpfung. Heute entsteht Geld durch Kreditvergabe: Banken schreiben Summen als Guthaben gut und erwarten deren Rückzahlung. Dabei geschieht etwas Erstaunliches: Jede Kreditsumme erscheint gleichzeitig als Plus beim Kreditnehmer und als Minus bei der Bank. Es entsteht aus dem Nichts und wird durch eine reine Schuldbeziehung geschaffen. Wird ein Kredit zurückgezahlt, verschwindet das Geld wieder – es wird vernichtet. Das bedeutet: Unser gesamtes Geldsystem basiert auf Schulden, die immer weiter vergeben werden müssen, damit die Geldmenge bestehen bleibt.
Dieser Mechanismus hat tiefgreifende Folgen. Es gibt keine feste Deckung, keine Substanz hinter dem Geld – nur das Vertrauen darauf, dass Schulden in Zukunft beglichen werden. Dadurch ist unser Finanzsystem nicht nur ein Mittel des Tauschs, sondern eine Spekulation auf die Zukunft. Und genau hier setzt unsere Analyse an: Wie konnte Geld diese Form annehmen? Was bedeutet das für Wirtschaft und Gesellschaft? Welche historischen Entwicklungen führten zu dieser Struktur?
In der nächsten Folge reisen wir nach Afrika, um uns ein frühes Beispiel von Geld anzusehen: die Kaurischnecken, die als eine der ersten Währungen galten. Wir fragen: Waren sie tatsächlich Geld oder doch nur eine Vorform? Und was unterscheidet sie von unserem heutigen Finanzsystem?
Wir danken unseren Freunden vom MoneyLab für ihre Unterstützung und der Sunflower Foundation Zürich für ihre langjährige Begleitung. Bleibt dran – wir haben noch viel zu ermitteln!
Episode 2: Im Reich der Dahome
In der zweiten Episode von "Wir sind die die Money Profiler" begeben sich Eske Bockelmann und Daniel Butscher auf eine historische Spurensuche, um zu untersuchen, ob Geld wirklich immer existiert hat oder ob es sich erst im Laufe der Geschichte entwickelt hat. Die zentrale Frage lautet: Gab es Gesellschaften, die ohne Geld funktionierten?
Zu Beginn wird festgestellt, dass Geld heute eine reine Zahl ist, die nichts Materielles besitzt, aber über alles verfügen kann. Diese Erkenntnis aus der ersten Episode soll nun historisch überprüft werden. Dazu tauchen die Moderatoren in die Welt der Dahomey ein, eines afrikanischen Königreichs, das bis ins 19. Jahrhundert bestand. Hier gibt es zwar Tauschmittel, aber keine Geldwirtschaft, wie wir sie heute kennen.
Die Versorgung der Dahomey erfolgt über persönliche Verpflichtungen und ein System der Redistribution. Familien und Dorfgemeinschaften bewirtschaften ihr Land gemeinsam und teilen die Erträge. Der König steht an der Spitze dieses Systems und sammelt Güter, um sie dann weiterzuverteilen. Alles wird zentral erfasst und verwaltet – von Geburten und Todesfällen bis hin zu landwirtschaftlichen Erträgen und dem Bedarf an Handwerkern.
Ein wichtiger Bestandteil der Wirtschaft in Dahomey sind die sogenannten Kauri-Schnecken, die oft fälschlicherweise als Geld bezeichnet werden. Sie werden als Statussymbole verwendet, dienen als Ehrenbezeugung und haben in bestimmten Situationen auch eine Tauschfunktion. Doch sie sind kein allgemeines Zahlungsmittel, da sie nicht universell einsetzbar sind. Zudem werden sie gezielt von der Obrigkeit ausgegeben, um eine bestimmte Gruppe – Menschen ohne direkte Versorgung – mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Kauris sind daher eher mit Gutscheinen oder einem begrenzten Tauschmittel vergleichbar als mit Geld im modernen Sinne.
Auch Sklaven dienen als Tauschmittel in Dahomey, insbesondere im Handel mit europäischen Kolonialmächten, die diese gegen Kauris eintauschen. Doch der eigentliche Nutzen von Sklaven liegt in ihrer Arbeitskraft und ihrem symbolischen Wert für die Herrschaft des Königs. Erst wenn ein Überschuss an Sklaven besteht, werden sie in den Handel eingebracht.
Anhand dieses Beispiels zeigt sich, dass es Gesellschaften gab, die nicht vom Tauschhandel, sondern von Redistribution lebten. Die Vorstellung, dass Geld aus einem früheren Zustand des Tauschens entstanden sei, ist daher historisch fragwürdig. Die weit verbreitete Annahme, dass Geld ein Fortschritt gegenüber einer angeblichen "Tauschwirtschaft" sei, basiert auf der falschen Annahme, dass es diese Tauschwirtschaft jemals gegeben habe.
Die Episode schließt mit dem Hinweis, dass die Geldwirtschaft nicht "natürlich" entstanden ist, sondern durch externe Einflüsse – insbesondere durch Gewalt und Kolonialisierung – erzwungen wurde. In der nächsten Folge soll untersucht werden, wie sich in Europa im Mittelalter eine Gesellschaft entwickelte, die tatsächlich vom Tausch abhängig wurde und so die Grundlage für das heutige Geldsystem schuf.
Episode 3: Freie Städte
In dieser dritten Folge reisen wir ins Jahr 1367 nach Augsburg. Dort sucht ein junger Mann namens Hans Fugger sein Glück und steigt durch Fleiß, Geschäftssinn und geschickte Heiraten zu Wohlstand auf. Seine Familie wird später die reichste der Welt – die Fugger. Gleichzeitig kommen viele arme Menschen in die Stadt, denn sie bietet ihnen Freiheit. Doch diese Freiheit bedeutet auch den Verlust der Versorgung durch Feudalherren. Die Städte werden zu Zentren des Handels, und für die Bewohner wird Kaufen und Verkaufen zur einzigen Überlebensmöglichkeit.
Warum führt uns die Geschichte der freien Städte zur Entstehung des Geldes? Weil sie zeigt, dass Geld nicht einfach ein Ding ist, sondern eine gesellschaftliche Tatsache. In feudalen Gesellschaften gab es persönliche Abhängigkeiten und Versorgungssysteme. Doch in den Städten des Mittelalters entstehen erstmals Gemeinschaften, die sich ausschließlich über den Markt versorgen. Kauf und Verkauf werden lebensnotwendig, und damit entsteht die Notwendigkeit eines allgemein akzeptierten Tauschmittels – Geld.
Städte wie Augsburg garantieren ihren Bewohnern Schutz und Handelsfreiheit. Dies führt dazu, dass Kauf und Verkauf über die Stadt hinaus an Bedeutung gewinnen und eine neue Wirtschaftsordnung entsteht. Die feudale Abhängigkeit wird durch eine neue Art von Abhängigkeit ersetzt: die Abhängigkeit vom Markt. Das Leben wird nicht mehr durch persönliche Beziehungen geregelt, sondern durch unpersönliche Tauschvorgänge. Die Notwendigkeit, Geld zu haben, um überleben zu können, macht es zu einer zentralen Kraft der Gesellschaft.
In diesem Umfeld werden Münzen nicht nur als Metallstücke genutzt, sondern übernehmen eine neue Funktion: Sie werden zu Trägern eines kontinuierlichen Tauschmittels. Damit beginnt der Übergang zu Geld als einer gesellschaftlichen Struktur, die nicht mehr auf persönlichen Verpflichtungen basiert, sondern auf abstrakten Wertbeziehungen. Diese Dynamik führt zur weiteren Verbreitung des Handels, zur Entstehung von Banken und schließlich zur Entwicklung des modernen Geldsystems.
Unser Fazit: Geld ist nicht einfach ein Gegenstand, sondern eine gesellschaftliche Tatsache, die aus der Notwendigkeit des Tauschs entstanden ist. Es ist das Mittel, durch das eine Gesellschaft, die sich über Kauf und Verkauf organisiert, überhaupt erst funktionieren kann. In der nächsten Folge werden wir untersuchen, wie sich diese Wirtschaftsform auf die sozialen Beziehungen der Menschen auswirkt und welche neuen Abhängigkeitsverhältnisse dadurch entstanden sind.
Episode 4: Vereinzelung der Einzelnen
In der vierten Episode der "Money Profiler" setzen Eske Bockelmann und Daniel Butscher ihre Untersuchung zur Natur des Geldes fort. Nachdem in den vorherigen Folgen dargelegt wurde, wie Geld als reines Tauschmittel entstand, widmen sie sich nun den sozialen Auswirkungen der Geldwirtschaft, insbesondere der "Vereinzelung der Einzelnen" und dem Wandel von Gemeinschaft zu Gesellschaft.
Zunächst rekapitulieren die Moderatoren ihre bisherigen Erkenntnisse: Geld ist keine Substanz, sondern eine reine Menge an Kaufkraft, die nur existiert, weil eine Gesellschaft von Kauf und Verkauf lebt. In Folge 3 wurde dann untersucht, wie in Europa durch das massive Bevölkerungswachstum und die Gründung freier Städte erstmals eine Gesellschaft entstand, die sich über Kauf und Verkauf versorgen musste – ein historisches Novum.
In dieser Folge nehmen sie nun die sozialen Konsequenzen dieser Entwicklung in den Blick. Sie stellen die fundamentale Unterscheidung zwischen Gemeinschaft und Gesellschaft heraus. Während in vormodernen Gemeinschaften persönliche Verpflichtungen für die Versorgung sorgten, leben die Menschen in einer Geldwirtschaft in einer Gesellschaft, in der sie nicht mehr durch persönliche Bindungen, sondern durch das anonyme Prinzip des Warentauschs miteinander verbunden sind. Dies führt zu einer doppelten Freiheit: Die Menschen sind frei von Herrschaftsverhältnissen, aber auch frei von jeder garantierten Versorgung – sie müssen sich selbst versorgen und sind auf den Markt angewiesen.
Diese neue gesellschaftliche Ordnung bringt eine radikale Vereinzelung mit sich. Jeder muss sich als einzelnes Wirtschaftssubjekt behaupten, seine Arbeitskraft oder Waren verkaufen, um an Geld zu kommen. Gleichzeitig ist jeder vollständig von anderen abhängig – denn ohne das Geld anderer kann niemand überleben. Diese paradoxe Struktur, in der alle voneinander getrennt sind und zugleich aufeinander angewiesen, bildet die Grundlage der modernen Gesellschaft.
Eine weitere entscheidende Folge ist die Konkurrenz: Käufer und Verkäufer haben gegensätzliche Interessen, ebenso wie Anbieter untereinander. Unternehmen stehen in Konkurrenz zueinander, Arbeitssuchende konkurrieren um Stellen. Geld vermittelt also nicht nur Verbindung, sondern erzeugt auch einen ständigen Kampf um Ressourcen und Einkommen. Dabei ist Geld nicht nur Mittel des Austauschs, sondern eine gesellschaftliche Tatsache, die soziale Beziehungen strukturiert und Menschen zu bestimmten Verhaltensweisen zwingt.
Die Episode endet mit einem Ausblick auf die nächste Folge, in der untersucht wird, wie sich diese Geldgesellschaft auf das Denken auswirkt. Besonders im Fokus steht dabei die Philosophie von René Descartes, die als paradigmatisch für das moderne Denken gilt, das durch die Vereinzelung des Subjekts und die Notwendigkeit rationaler Berechnung geprägt ist.
Mit dieser vierten Folge vertiefen die "Money Profiler" ihre Analyse der Geldwirtschaft und zeigen auf, dass Geld nicht nur ein ökonomisches Phänomen ist, sondern tiefgreifende soziale und psychologische Auswirkungen hat. Die Trennung der Menschen voneinander, die Notwendigkeit, über Kauf und Verkauf zu überleben, und der ständige Konkurrenzdruck sind direkte Folgen der geldvermittelten Gesellschaft.
Episode 5: Subjekt/Objekt
In Episode 5 des Podcasts „Die Money Profiler“ setzen Daniel Butscher und Eske Bockelmann einen vorläufigen Schlusspunkt der ersten fünfteiligen Reihe zur Geldbestimmung – diesmal mit dem Fokus auf das Denken. Nach den vorherigen Folgen über Erscheinung, historische Entwicklung und gesellschaftliche Folgen des Geldes geht es nun darum, wie Geld unser Denken prägt.
Zentral ist die Idee: Geld ist eine reine Zahl, ein Unding, das selbst nichts ist, aber alles kaufen kann. Diese Abstraktion des Geldes, das sich von allem Inhaltlichen entkoppelt, – so die These – hat unser Denken tiefgreifend verändert. Eske Bockelmann zeigt, dass mit dem Aufkommen des Geldes nicht nur eine neue ökonomische Praxis entstand, sondern auch eine neue Denkform: eine Trennung zwischen dem „Einen“ (dem Geld/dem Denken) und dem „Vielen“ (den Waren/der Welt), in der das Eine das Viele bestimmt, aber nicht selbst bestimmt ist.
Am Beispiel von René Descartes illustrieren die Hosts diesen Übergang. Descartes, geboren 1596, ist ein Schlüsselfigur der neuzeitlichen Philosophie. Er trennt die Welt in zwei Einheiten: res cogitans (das denkende Subjekt) und res extensa (die ausgedehnte, körperliche Welt). Diese Trennung ist für Descartes fundamental: Denken und Welt bestehen unabhängig voneinander. Der Mensch erkennt sich im Denken als von der Welt getrennt. Diese Denkstruktur spiegelt laut Bockelmann exakt die Geldform wider: Geld ist das Abstrakte, das alle konkreten Dinge (Waren) bestimmt. So wie Geld nur durch seinen Bezug auf Waren existiert – und umgekehrt –, sind bei Descartes Subjekt und Objekt wechselseitig, aber getrennt bestimmt. Diese Aufspaltung, die später z. B. als Subjekt-Objekt-Dualismus weiterwirkt, wird zur Struktur des modernen Denkens – vergleichbar mit der Struktur des Geldes.
Bockelmann argumentiert, dass diese Denkform nicht von Descartes „erfunden“, sondern von ihm präzise erfasst und formuliert wurde, weil sie bereits gesellschaftlich wirksam war – durch das Aufkommen einer Geldwirtschaft. Geld wird in dieser Sichtweise nicht nur als ökonomisches Phänomen verstanden, sondern als Denkform, die auch in Philosophie, Naturwissenschaften und Alltagssprache Einzug hält. Begriffe wie „Umwelt“ (als Welt, die den Menschen nur umgibt, nicht einschließt) zeigen, wie tief diese Trennung und Abstraktion reicht.
In der abschließenden Reflexion würdigen die Hosts die philosophische Leistung Descartes, betonen aber auch die damit verbundenen Gefahren: Wenn die Welt als bloßes Objekt und der Mensch als isoliertes Subjekt gedacht wird, verliert sich die Vorstellung von Verbundenheit und Verantwortung. Geld als Denkform führt zur Entfremdung – nicht nur ökonomisch, sondern auch geistig.
Die Episode endet mit dem Ausblick auf die nächste Podcast-Reihe, in der die Rolle des Werts und dessen Beziehung zum Geld thematisiert wird. Vorher folgt jedoch eine Sonderfolge zu anderen Geldtheorien, etwa von Karl Marx oder der Bundesbank.
Staffel 1, Fazit 1: Geld ist Funktion
In der Sonderfolge 1 des Podcasts „Die Money Profiler“ reflektieren Daniel Butscher und Eske Bockelmann über gängige Definitionen von Geld – insbesondere jene der Deutschen Bundesbank – und setzen ihre eigene Theorie davon in Kontrast. Ziel der Folge ist es, zu zeigen, warum konventionelle Definitionen unzureichend bleiben und weshalb Geld nur verstanden werden kann, wenn man es nicht als Ding, sondern als gesellschaftliche Funktion auffasst.
Der Einstieg erfolgt über die Bundesbank: Diese beschreibt Geld als etwas, das drei Funktionen erfüllt – Tauschmittel, Recheneinheit und Wertspeicher. Doch Bockelmann und Butscher halten diese Definition für tautologisch. Denn wenn man sagt, „Geld ist, was Geldfunktionen erfüllt“, definiert man den Begriff mit sich selbst. Zudem wird der Eindruck erweckt, als könne man Geld beliebig bestimmen, unabhängig von gesellschaftlichen Bedingungen.
Ein weiterer Kritikpunkt: Die Praxis, aus historischen Einzelbeispielen – etwa Rinder als Brautpreis oder Muscheln als Zahlungsmittel – zu folgern, dies sei bereits Geld gewesen. Die Hosts argumentieren, dass solche Praktiken zwar Formen des Tauschs darstellen, aber nicht das Spezifische am modernen Geld erfassen. Insbesondere fehlt dort die Abstraktion: Geld als reine Zahl, die für sich genommen nichts ist, aber alles kaufen kann. Diese Qualität habe es in früheren Gesellschaften nicht gegeben.
Ein dritter Aspekt ist das Vertrauen. Die Bundesbank spricht davon, dass Menschen darauf „vertrauen müssen“, dass ihr Geld Wert behält. Doch dieses Vertrauen ist, so Bockelmann, kein freiwilliger Akt, sondern ein Zwangsverhältnis: In einer Gesellschaft, in der alle ihre Existenz durch Kaufen und Verkaufen sichern müssen, müssen sie Geld akzeptieren und verwenden. Das Vertrauen in Geld ergibt sich nicht aus psychologischer Neigung, sondern aus sozialer Notwendigkeit.
Die Podcast-Hosts stellen dem drei klar unterscheidbare Bedingungen gegenüber, die erfüllt sein müssen, damit Geld im modernen Sinn entsteht:
- Geld muss alle Funktionen in einem leisten können (nicht nur einzelne).
- Die Gesellschaft muss auf Tausch beruhen – also auf der Notwendigkeit, durch Verkauf zu Geld zu kommen, um dann kaufen zu können.
- Geld muss sich als reine Zahl darstellen – nicht als Ding mit Eigenwert, sondern als abstrakte Kaufkraft.
Schließlich formulieren sie ihre eigene Grundthese: Geld ist keine Sache mit Funktion – Geld ist Funktion. Diese Funktion besteht in der Vermittlung aller gesellschaftlichen Versorgung über Kauf und Verkauf. Daraus ergibt sich, dass Geld nicht aus dem Tausch von Dingen entstanden ist, sondern die Tauschgesellschaft selbst Ausdruck des gesellschaftlichen Zwangs ist, über ein allgemeines Tauschmittel (Geld) existieren zu müssen.
Mit dieser Folge schließen Butscher und Bockelmann ihre erste Themenreihe ab: Geld als reines Tauschmittel. In der kommenden Feedback-Folge wollen wir dem Wertbegriff widmen.
Episode 6: Der Wert
Herzlich willkommen bei den Money Profilern - mein Name ist Daniel Butscher. Und ich bin Eske Bockelmann. Wir sind dem Geld auf der Spur, weil wir es verstehen wollen. In Folge 6 starten wir unsere zweite grosse Reihe - sie dreht sich um den Wert.
Kaum eine Theorie über Geld kommt ohne ihn aus. Aber: Was ist eigentlich Wert? Gab es ihn schon immer? Die meisten Theorien sagen: ja. Immer wenn Waren getauscht werden, stecke ein Tauschwert dahinter. Doch wir stellen diese Annahme infrage. Und zwar historisch.
Wir nehmen euch mit ins Mittelalter - zu einem großen Mediävisten: Ludolf Kuchenbuch. Er untersuchte den mittelalterlichen Denar, eine wichtige Münze seiner Zeit. Und er zeigt: Die Menschen nutzten Münzen - aber sie sprachen nicht vom „Geld". Und mehr noch: Der Begriff „Wert" taucht in keiner der damaligen Quellen auf. Kuchenbuch schreibt wörtlich: „Die Abstraktion der Qualität einer Münze zum Wert ist späteren Zeiten vorbehalten."
Was heißt das? Im Mittelalter existierte der Begriff Wert noch nicht - und vermutlich auch nicht die Vorstellung davon. Es wurde zwar getauscht - Ware gegen Ware, Ware gegen Münze - aber ohne die Idee eines abstrakten Werts.
Wir kennen das lateinische „valere" - stark oder gültig sein. Aber das ist etwas anderes als das Substantiv „Wert". Wenn ich sage: „Du bist es wert, befördert zu werden", dann heißt das: Du bist würdig - nicht: Du hast den objektiven Wert einer Beförderung.
Dieser Unterschied ist entscheidend. Der moderne Begriff von Wert als quantifizierbare Größe entsteht nicht mit dem Tausch selbst - sondern erst, als das Geld zur allgemeinen Voraussetzung für jeden Kauf wird. Diese Entwicklung beginnt Ende des 13. Jahrhunderts mit dem Aufstieg der Städte - sie mündet um 1600 in eine Welt, in der man leben muss vom Kaufen und Verkaufen. Erst in dieser Welt wird das Geld zur abstrakten Zahl, die sich gegen alles tauschen lässt - und damit entsteht auch der Wert.
Geld ist dann Wert - und erst dadurch können auch Waren einen Wert „haben". Aber Achtung: Dieser Wert steckt nicht in den Waren. Er wird ihnen durch den Kauf zugewiesen - wenn 14,99 Euro mit einer Ware gleichgesetzt werden, dann erscheint die Ware im Wert dieser Summe.
Deshalb ist Wert kein objektives Maß, das in den Dingen liegt - sondern eine Denkform, die durch Geld überhaupt erst nötig wird. Unsere ganze Wirtschaft ist heute darauf aufgebaut - auf dieser quantifizierbaren Größe, die alles miteinander vergleichbar macht.
Wir wissen, das ist unbequem - weil es tief eingegrabene Überzeugungen infrage stellt. Aber genau darum geht es bei den Money Profilern: Den Dingen auf den Grund zu gehen. Nächstes Mal zeigen wir: Auch komplexer Tausch ist möglich - ganz ohne Geld und ohne Wert.
Bis dahin: Wir bleiben dem Geld auf der Spur.
Episode 7a: Wirtschaft ohne Werte - Gewinn ohne Verlust
In der siebten Episode des Podcasts „Die Money Profiler“ setzen Daniel Butscher und Eske Bockelmann ihre kritische Spurensuche zum Geld fort, diesmal mit einer zentralen These: Tausch war möglich – und lange Zeit Realität – ohne die Vorstellung von „Wert“. Die Folge stellt sich damit gegen die weitverbreitete Überzeugung, dass jeder Tausch notwendig mit Wertvorstellungen verbunden sei. Um diese These zu stützen, reisen die Hosts durch die Geschichte und besuchen dabei drei verschiedene Kontexte: die griechische Antike, die beschriebene Praxis der Phönizier bei Herodot sowie das mesopotamische Wirtschaftswesen.
Zunächst wird klargestellt: Wenn Wert – wie in vorherigen Folgen gezeigt – mit dem Geld zusammen in der Frühen Neuzeit entsteht, dann muss es zuvor wertfreie, ja „wertlose“ Zeiten gegeben haben. Die Hosts zeigen, dass zwar Bedeutung und persönliche Einschätzungen von Dingen zu allen Zeiten existierten, aber nicht in der Form quantifizierter Vergleichseinheiten, wie wir sie mit dem Begriff „Wert“ verbinden. Es geht nicht darum, ob Dinge bedeutsam oder begehrenswert waren, sondern ob diese Bedeutungen in einheitlicher Quantität vergleichbar waren – und genau das war nicht der Fall.
Ein anschauliches Beispiel bieten kindliche Tauschpraktiken mit Panini-Sammelbildern. Dort gibt es zwar subjektive Einschätzungen („Maradona ist selten“), aber keine objektive oder stabile Relation, aus der sich ein verallgemeinerbarer Tauschwert ableiten ließe. Diese kindliche Realität – kein drittes Vergleichsmittel, keine stabilen Werte – spiegelt sich laut Bockelmann auch in der ethnologischen Forschung. Der Anthropologe Marshall Sahlins zeigte, dass archaischer Austausch keine festen Tauschverhältnisse kannte. Dasselbe Gut wurde je nach Ort, Person und Situation in unterschiedlichen Mengen getauscht – ohne jemals in einen festen Kurs oder eine allgemein gültige Wertrelation überzugehen.
Im zweiten Teil wendet sich die Folge Aristoteles zu, der gemeinhin als erster Geld- und Wertphilosoph gilt. Die Hosts analysieren dessen Gerechtigkeitslehre und zeigen: Aristoteles spricht beim gerechten Tausch nicht von Wert, sondern von Proportionen zwischen den beteiligten Personen – etwa zwischen Schuster und Baumeister – und leitet daraus ein gerechtes Mengenverhältnis der zu tauschenden Güter ab. Die Vorstellung von „Wert“, wie sie uns heute vertraut ist, taucht hier nicht auf.
Der dritte historische Ort ist Mesopotamien. Dort wurden wirtschaftliche Vorgänge wie Leihe, Verdienst und Handel schriftlich festgehalten. Auffällig ist, dass diese Texte Gewinne sehr wohl dokumentieren – Verluste jedoch nicht. Daraus schließen die Hosts: Hätte es bereits ein Wertsystem gegeben, hätte es zwangsläufig auch Verluste gegeben. Der Gewinn bestand nicht in einem Mehr an abstrakter Vergleichsgröße, sondern schlicht im Ertrag selbst – z.B. in der Menge an Getreide.
Diese Folge zeigt eindrucksvoll: Wert ist keine anthropologische Konstante, sondern eine historisch entstandene Größe. Vor dem Geld konnte sehr wohl getauscht werden – ohne die Existenz oder Vorstellung von Wert. Diese Einsicht wirft ein ganz neues Licht auf unsere heutigen Begriffe von Wirtschaft, Rationalität und menschlichem Austausch.
Episode 7b: Gewinn ohne Verlust heute? – Eine gefährliche Illusion
Der Ausdruck „Gewinn ohne Verlust“ klingt harmlos, vielleicht sogar hoffnungsvoll. Wer würde sich nicht wünschen, dass alle gewinnen und niemand verliert? Doch in der siebten Episode des Podcasts Die Money Profiler zeigen Eske Bockelmann und Daniel Butscher, dass dieser Gedanke weniger eine ökonomische Realität ist als vielmehr ein modernes Märchen – mit weitreichenden Konsequenzen.
In unserer heutigen Wirtschaft erscheint es völlig normal, dass Unternehmen wachsen, Gewinne schreiben, Dividenden ausschütten – scheinbar ohne, dass irgendwo jemand verlieren müsste. Der Gewinn wird zum Maßstab für Erfolg, Effizienz und Fortschritt. Doch dieses Verständnis blendet aus, dass jedem Gewinn systemisch ein Verlust gegenübersteht – nicht unbedingt bei der gleichen Person oder Organisation, aber im Gesamtgefüge.
Denn Geldgewinne entstehen in einem System, das auf Schulden basiert. Neue Geldmenge entsteht durch Kreditvergabe – immer mit dem Versprechen auf Rückzahlung samt Zinsen. Damit wird ein systemischer Druck erzeugt, der nach immer mehr Produktivität, Verwertung und Wachstum verlangt. Diese Dynamik führt zwangsläufig dazu, dass nicht alle mithalten können. Die Kehrseite des Gewinns zeigt sich in Verschuldung, in überlasteten Ressourcen, in prekärer Arbeit und in Umweltzerstörung. Doch diese Verluste bleiben oft unsichtbar oder werden als „Kollateralschäden“ verbucht.
Bockelmann und Butscher argumentieren, dass der Glaube an den verlustfreien Gewinn eine zentrale Legende unserer Gegenwart ist. Sie erfüllt eine ideologische Funktion: Sie beruhigt, legitimiert und verdrängt. Wer an „Gewinn ohne Verlust“ glaubt, stellt das System nicht infrage. Er oder sie übersieht die Schattenseite des Erfolgs und damit die strukturelle Ungerechtigkeit, die darin verborgen liegt.
Ein zentrales Anliegen der Folge ist es, ökonomisches Denken vom Kopf auf die Füße zu stellen. Es genügt nicht, zu fragen, wo Gewinne entstehen. Wir müssen auch fragen, wer dafür bezahlt – ob nun sichtbar in Form sozialer Ungleichheit oder versteckt durch ökologische Folgekosten, ausgelagerte Risiken oder psychische Erschöpfung.
Das Bild des „Gewinns ohne Verlust“ ist verführerisch, weil es Entlastung verspricht. Doch genau darin liegt seine Gefahr. Es hält uns davon ab, Verantwortung zu übernehmen, alternative Modelle zu entwickeln und die Wirklichkeit des Geldsystems in ihrer Tiefe zu verstehen.
Diese Episode lädt dazu ein, das ökonomische Vokabular zu hinterfragen. Was meinen wir wirklich, wenn wir „Wert“ sagen? Was steckt hinter „Preis“, „Leistung“ oder „Produktivität“? Und können wir ein Wirtschaftssystem denken, in dem nicht alles einer abstrakten Logik von Mehrwert und Gewinnerzielung unterworfen ist?
„Gewinn ohne Verlust“ ist nicht nur ein Denkfehler – es ist ein Ausdruck eines Weltbildes, das auf Dauer nicht tragfähig ist. Wer sich dieser Illusion stellt, öffnet die Tür für ein neues Verständnis von Wirtschaft, in dem es nicht darum geht, dass immer mehr für immer weniger verlieren muss.
Episode 8: Staat und Merkantilismus
In der dritten Folge der zweiten Staffel von Die Money Profiler untersuchen Eske Bockelmann und Daniel Butscher das Verhältnis von Geld und Wert – ein Thema von brisanter Aktualität im Frühjahr 2025, inmitten eines geopolitischen Umbruchs durch die US-Administration unter Trump. Dieser belegt aus Gründen eines angeblichen Handelsdefizits andere Länder mit Strafzöllen. Obwohl die USA mehr Waren erhalten als sie exportieren, wird dies nicht als Vorteil gesehen, sondern als Defizit – weil es um den Geldwert geht, nicht um die Güter selbst.
Dieses Denken ist nicht neu, sondern erinnert stark an den Merkantilismus des 17. Jahrhunderts. Die damalige Vorstellung: Mehr Waren verkaufen als importieren – allerdings gemessen am Wert, nicht an der Menge. Das zentrale Ziel: Mehr Wert (Geld) ins Land holen als hinausgeht. Diese Denkweise war grundlegend neu, weil sie die Entstehung einer Wirtschaftspolitik mit sich brachte. Vorher waren Wirtschaft und Politik getrennte Bereiche. Es existierte keine “politische Ökonomie”, kein Staat im modernen Sinn. Erst ab ca. 1620 entsteht sowohl das moderne Verständnis von Geld als auch die staatlich gelenkte Wirtschaft – beides untrennbar miteinander verbunden.
Diese Zeit markiert laut Bockelmann den historischen Umbruch: Das sogenannte „lange 16. Jahrhundert“ endet um 1620. Erst dann setzt sich das Geld als allgemeines Tauschmittel durch, und mit ihm die Vorstellung von Wert als abstrakter, quantitativer Größe. Daraus folgt: Eine gezielte Wirtschaftspolitik ist erst möglich, wenn es sowohl einen Staat als auch Geld gibt. Der Merkantilismus – und im deutschsprachigen Raum der Kameralismus – entsteht als erste echte Wirtschaftspolitik, die den Staat aktiv in die Steuerung der Wirtschaft eingreifen lässt, etwa durch Zölle, Agrarreformen oder staatliche Manufakturen.
Zentral ist dabei das Denken in Handelsbilanzen: Der Staat verfolgt das Ziel, mehr Wert durch Exporte zu generieren, als durch Importe abgegeben wird. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der englische Ökonom Thomas Mun, der 1630 schrieb, England solle „jährlich mehr an Fremde verkaufen als von ihnen konsumieren – im Wert“. Dass der Begriff „Wert“ in Übersetzungen oft fehlt, ist laut Bockelmann bezeichnend: Wir nehmen den Geldwert heute als so selbstverständlich wahr, dass wir ihn gar nicht mehr thematisieren – obwohl genau hier der ideologische Kern liegt.
Wenn wir heute über Wirtschaft sprechen, dann fällt ganz selbstverständlich der Begriff „Wert“. Wir sagen: „Was ist das wert?“ – „Wie viel ist dein Auto wert?“ – „Was ist deine Arbeit wert?“ Aber was wir dabei meist nicht bemerken: Wir reden hier nicht mehr über das, was uns subjektiv wichtig oder wertvoll ist – also das, was wir lieben, schätzen oder brauchen. Sondern wir reden über etwas ganz anderes: über Geldwert. Dieser Geldwert ist etwas abstraktes, messbares, bezifferbares. Und genau das ist ein relativ neues Phänomen in der Menschheitsgeschichte. Es ist nicht natürlich, nicht ewig, nicht universell. Sondern: Es ist historisch entstanden – und zwar ziemlich genau um das Jahr 1620 herum.
In dieser Zeit setzte sich in Europa das durch, was wir heute als moderne Geldwirtschaft bezeichnen. Alles wurde über Kauf und Verkauf geregelt, das Geld wurde zum verbindenden Medium – und damit kam auch die Idee auf, dass man Dinge, Menschen, Tätigkeiten – kurz: die ganze Welt – in Geldwerten ausdrücken kann. Und das war eine Revolution im Denken. Denn vorher, in der Antike oder im Mittelalter, gab es zwar Tauschgeschäfte – aber niemand wäre auf die Idee gekommen, zu sagen: „Dieses Pferd ist 100 Geldeinheiten wert.“ Es war eben ein Pferd, ein Ding von Nutzen, oder etwas, das man brauchte – aber es existierte kein allgemeiner Maßstab, mit dem man seinen „Wert“ hätte vergleichen können. Diese Abstraktion – das Denken in Werten – ist erst durch das Geld selbst möglich geworden.
Und jetzt kommt ein interessanter Punkt: Selbst große Denker wie Karl Marx, die das System des Kapitals grundlegend kritisieren wollten, haben diese neue Denkform übernommen. Sie sehen überall Wertverhältnisse, sie denken in Geldgrößen – weil es eben so schwer ist, sich davon zu lösen. Es ist, als hätte sich mit dem Geld ein unsichtbares Raster über unser Denken gelegt. Ein Raster, das alles auf eine Frage reduziert: „Was ist es wert?“ – und zwar im ökonomischen Sinn. Der Podcast zeigt nun: Das Denken in Werten ist nicht neutral. Es ist nicht einfach ein Werkzeug. Es ist selbst ein historischer Einschnitt. Und dieser Einschnitt begann mit dem Merkantilismus, also jener Wirtschaftspolitik ab dem 17. Jahrhundert, bei der Staaten versuchten, mehr Geldwert ins Land zu holen als hinauszugeben. Das war der Moment, in dem zum ersten Mal eine Gesellschaft systematisch auf Wertproduktion ausgerichtet wurde. Und das war der Beginn einer Welt, in der Wirtschaft und Staat untrennbar miteinander verbunden sind, weil beide auf dem abstrakten Wertbegriff beruhen.
Episode 9: Funktion -- Die Denkform des Geldes
Was, wenn Geld nicht nur unser Handeln, sondern auch unser Denken verändert? In der neunten Folge von Die Money Profiler tauchen Eske Bockelmann und Daniel Butscher tief in diese Frage ein -- und entdecken: Die moderne Vorstellung von Welt, Wissenschaft und Wert ist ohne Geld nicht denkbar. Anhand der mathematischen Funktion zeigen sie, wie sich mit dem Aufstieg des Geldes auch eine neue Denkform durchgesetzt hat -- eine Denkform, die bis heute unser Verhältnis zur Wirklichkeit bestimmt.
Eine Funktion ist zunächst ein scheinbar harmloses mathematisches Konzept: Sie verknüpft zwei Größen miteinander -- etwa Zeit und Geschwindigkeit -- und bringt sie durch eine Gleichung in Beziehung. In einem Koordinatensystem mit zwei Achsen wird sichtbar: Jede Eingabe (x) erzeugt genau eine Ausgabe (y). Doch diese mathematische Form hat tiefgreifende Folgen, wenn sie sich -- historisch gesehen -- mit dem aufkommenden Gelddenken verbindet.
Im 17. Jahrhundert entsteht ein neues Weltbild: Die Natur wird nicht mehr nach ihren Qualitäten beschrieben, sondern nach ihren Quantitäten -- also nach messbaren Größen. An die Stelle einer Welt, die durch unmittelbare Wahrnehmung und Bedeutung erfasst wurde, tritt eine berechenbare Welt. Galileo Galilei, Isaac Newton und Gottfried Wilhelm Leibniz stehen am Anfang dieser Revolution. Mit Galileis Fallgesetz (v = g × t) zeigt sich exemplarisch, wie die Welt in Zahlen gefasst wird. Es geht nicht mehr darum, was fällt, sondern wie schnell es fällt -- und das in messbaren Größen, unabhängig vom konkreten Gegenstand.
Diese neue Art zu denken -- Dinge als Wert, als Zahl, als Funktion zu begreifen -- ist eng mit dem Geld verbunden. Denn auch Geld funktioniert wie eine mathematische Funktion: Es abstrahiert vom Inhalt und macht verschiedenste Dinge vergleichbar durch ihren Preis. Ob Brot, Kleidung oder Arbeitskraft -- all dies wird über Geld gleich gemacht, im doppelten Sinn: gleich-wertig und gleich-gültig. Die Welt erscheint als eine Ansammlung von quantifizierbaren Einheiten, und das Geld ist das universelle Maß.
Bockelmann argumentiert, dass diese Abstraktion nicht einfach eine neutrale Technik ist, sondern eine Denkform, die unser gesamtes Weltverhältnis verändert hat. Sie ist nicht angeboren, sondern historisch gewachsen -- entstanden etwa um das Jahr 1620, zur gleichen Zeit wie der Merkantilismus und die Anfänge moderner Naturwissenschaften. Die Einführung des Dezimalbruchs durch Simon Stevin und die Konstruktion des Koordinatensystems durch Descartes sind dabei keine blossen mathematischen Fortschritte, sondern Ausdruck einer neuen Weltsicht: Die Wirklichkeit wird nur noch in Zahlen abgebildet.
Das Geld ist dabei nicht nur Werkzeug, sondern Ursache dieser Veränderung. Es zwingt uns, in Werten zu denken -- im ökonomischen Sinn. Und diese Werte erscheinen als objektiv, obwohl sie eine geschaffene, historisch gewachsene Denkweise sind. In der Sprache des Podcasts: Die Welt wird reflexhaft in Geldwerten gesehen -- nicht, weil wir es bewusst entscheiden, sondern weil diese Denkform sich tief in unser Denken eingeschrieben hat.
Die Episode zeigt so auf eindrucksvolle Weise, dass Geld nicht nur unser Wirtschaftssystem prägt, sondern auch unsere Wissenschaften, unsere Sprache, unser Selbstverständnis -- kurz: unser gesamtes Denken. Und genau deshalb ist es so wichtig, sich dieser Denkform bewusst zu werden. Nur wer versteht, wie wir denken, kann anfangen zu hinterfragen, was wir für selbstverständlich halten.
„Nicht was wir denken, sondern wie wir denken, ist vom Geld geprägt -- und genau darin liegt seine größte Macht."
Episode 10: Die Wirklichkeit des Wertes – Wie Geld unser Denken und unsere Welt verändert
In Episode 10 der Money Profiler tauchen Eske Bockelmann und Daniel Butscher tief in das Thema „Wert“ ein – nicht als theoretisches Konzept, sondern als Denkform, die unsere gesamte Lebenswirklichkeit durchzieht. Sie zeigen, dass Geld nicht nur ein Zahlungsmittel ist, sondern unsere Wahrnehmung, unser Fühlen und sogar unser Selbstbild prägt. Die Episode trägt den programmatischen Titel „Im Geld auf der Spur“ – und führt uns eindrucksvoll vor Augen, wie Geld zur unsichtbaren Struktur unserer Welt geworden ist.
Zunächst wird deutlich: Der ökonomische Wert ist keine Eigenschaft der Dinge, sondern eine Denkweise, die durch das Geld selbst erst entsteht. Nicht weil eine Ware an sich wertvoll ist, bekommt sie einen Preis – sondern weil sie für Geld angeboten und gekauft werden kann, wird sie als „wertvoll“ wahrgenommen. Diese Umkehrung ist zentral: Der Wert steckt nicht in der Sache, sondern im gesellschaftlichen Vorgang des Bewertens.
Ein Schlüsselbegriff der Episode ist die Gleichgültigkeit. Im Geldsystem zählt nicht mehr, was etwas ist, sondern nur, wie viel es wert ist. Gesundheit, Krieg, menschliche Beziehungen – alles kann zur Ware werden, sobald es auf den Geldwert reduziert wird. Diese Entkoppelung von Inhalt und Wert erzeugt absurde Effekte: Naturkatastrophen und Krankheiten werden zu wirtschaftlichen Chancen, weil sie Aufträge schaffen und Gewinne bringen. Sogar Krieg – wie die Aufrüstung infolge geopolitischer Krisen – wird als wirtschaftlicher Motor gefeiert. Schaden wird zum Gewinn.
Doch Bockelmann und Butscher gehen noch weiter. Sie zeigen, dass diese Form des Denkens auch in unser Innerstes vorgedrungen ist – in unser Selbstbild. Das moderne Konzept des Selbstwertgefühls ist nichts anderes als die Übertragung des ökonomischen Denkens auf das Ich. Der Mensch bewertet sich – bewusst oder unbewusst – wie eine Ware: Bin ich viel wert? Bin ich besser oder schlechter als andere? In dieser Denkweise liegt eine ständige Gefahr: Wer keinen „Wert“ hat, fühlt sich minderwertig.
Die Autoren kontrastieren das mit dem Begriff der Würde, der aus einer anderen Tradition stammt. Würde ist nicht messbar, nicht vergleichbar – und gerade deshalb unantastbar. Doch auch die Menschenwürde wird im Alltag oft von wirtschaftlichen Zwängen überlagert. Krankenhäuser schließen nicht, weil sie schlecht arbeiten, sondern weil sie nicht „rentabel“ sind. Dieser Zwang zur Wertproduktion durchdringt alle Bereiche – bis in Spiele und Freizeit hinein.
Besonders anschaulich wird dies am Beispiel des Brettspiels „Siedler von Catan“, das vermeintlich Kooperation thematisiert, tatsächlich aber auf Konkurrenz, Ressourcenkontrolle und Punktewertung basiert – also auf klassischem kapitalistischem Denken. Selbst im Spiel lernen wir, uns durchzusetzen, statt gemeinsam zu gestalten. Der Wert entscheidet, wer gewinnt.
Die Folge endet mit einem Ausblick: Wer nur in Werten denkt, wird früher oder später in Konkurrenz geraten – der Übergang zur nächsten Staffel, die das Thema „Kapital“ behandelt. Die Geld- und Wertform zwingt uns in ein Denken, das nicht nur unsere Welt, sondern auch unser Selbst auf Zahlen und Vergleich reduziert.
Sonderfolge 2: Trump als Sonnenkönig
In der Sonderfolge „Trump, Sonnenkönig" des Podcasts "Money Profiler" analysieren Daniel Butscher und Eske Bockelmann nicht die Person Donald Trump isoliert, sondern das dahinterstehende System: ein Staat, der durch Geldlogik strukturiert ist und auf Konkurrenz, Wertgewinn und Macht basiert. Die zentrale These der Folge ist, dass Trump mit seinem Slogan „Make America Great Again" eine politische Rückabwicklung aller zivilisatorischen Relativierungen des Staates betreibt, die in den letzten 400 Jahren entwickelt wurden -- so etwa Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, Umweltschutz oder Sozialstaatlichkeit.
Dabei setzen die Autoren Trump mit Ludwig XIV., dem französischen Sonnenkönig, gleich: Beide verkörpern die Identifikation von Staat und Person. Trump beansprucht die Exekutivgewalt vollständig für sich, entmachtet den Kongress, unterstellt Gerichte seiner Kontrolle, schränkt die Bürokratie ein und erklärt den Willen des Volkes mit seinem eigenen für deckungsgleich. Damit wird das Fundament demokratischer Gewaltenteilung ausgehöhlt.
Das Problem reicht jedoch tiefer als eine autoritäre Persönlichkeit. Die Hosts argumentieren, dass der moderne Staat aus dem Bedürfnis einer geldbasierten, konkurrenzgetriebenen Gesellschaft entstand. Im 17. Jahrhundert setzte sich eine neue Form des Gemeinwesens durch: Der Staat als „Statu" -- also Zustand -- war nötig, um eine Gesellschaft zu regulieren, die sich durch Kauf, Verkauf und Geldlogik selbst organisiert. Der Staat wurde zum obersten Geldsubjekt: Er gibt die Währung heraus, setzt Regeln für Wettbewerb und sorgt durch Wirtschaftspolitik für das Funktionieren des kapitalistischen Systems.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich jedoch ein Gegenmoment: Relativierungen dieser staatlich-ökonomischen Gewalt. Gewaltenteilung, Menschenrechte, Sozialgesetze und Umweltschutz sind institutionelle Antworten auf die Härte des Systems. Sie sichern die Schwächeren, begrenzen Ausbeutung und eröffnen Räume für Würde, Gleichheit und ökologische Verantwortung. Diese Errungenschaften sind nicht selbstverständlich -- sie wurden erkämpft durch Widerstand, Verantwortung und das Ringen um Menschlichkeit in einem oft unmenschlichen System.
Trumps Politik zielt auf eine radikale Umkehr: Er greift Regulierungen an, schwächt Umwelt- und Verbraucherschutz, entzieht marginalisierten Gruppen Rechte, entlässt Beamte, entmachtet Parlamente und stellt das Recht unter seine Interpretation. In der Handels- und Außenpolitik greift er auf merkantilistische Mittel zurück -- Strafzölle, Protektionismus und ökonomische Erpressung. Im Inneren wendet er sich gegen Diversität, soziale Inklusion und wissenschaftlich basierte Governance. Alles, was den Staat relativiert, wird als Schwäche gebrandmarkt.
Die Autoren mahnen: Trumps Programm ist kein Unfall, sondern systematisch -- es folgt einer Logik, die aus dem kapitalistischen Konkurrenzsystem selbst erwächst. Wer über diesen Zusammenhang nicht spricht, hat zur Figur Trump wenig zu sagen. Die zentrale Warnung lautet: Wenn die Relativierungen des Staates verschwinden, bleibt nur noch rohe Macht. Damit würde nicht nur Demokratie, sondern auch die menschliche Würde selbst preisgegeben.
Feedback Runde zu Wert
In dieser Episode des Podcasts Die Money Profiler steht die Frage im Zentrum, wie wir zu unserem heutigen Begriff von „Wert“ gekommen sind – und warum dieser Begriff untrennbar mit dem modernen Geld verknüpft ist. In einem dialogischen und unterhaltsamen Format entfalten Eske Bockelmann und Daniel Butscher eine erkenntnistheoretische Revolution: Sie zeigen, dass Wert kein ewiges Konzept ist, sondern historisch erst mit dem modernen Geld im 17. Jahrhundert entsteht.
Eingeleitet wird die Folge mit einem psychologisch originellen Spiel, bei dem Zahlenwertungen für Dinge oder Personen (wie „Zugfahren“ oder „Eddy Merckx“) vergeben werden. Dieses Spiel illustriert das zentrale Thema: Unsere Fähigkeit, völlig verschiedene Dinge auf eine Skala zu bringen und ihnen „einen Wert“ zuzuweisen. Doch genau diese Fähigkeit, so die Money Profiler, ist kein anthropologisches Grundvermögen, sondern eine historisch gewachsene Denkform – geboren aus der Logik des Geldes als reines Tauschmittel.
Der Podcast betont, dass es vor dem modernen Geld keine Vorstellung von Wert in unserem heutigen Sinne gab. Weder Homer noch Aristoteles kannten ihn. Zwar wurden Dinge geschätzt, verhandelt oder eingeschätzt, aber es gab keinen abstrakten Wertmaßstab, der alle Güter übergreifend quantifizieren konnte. Der Begriff „Wert“ taucht als ökonomische Kategorie erst auf, als sich in der Neuzeit eine Gesellschaft herausbildet, die auf permanente Käufe und Verkäufe angewiesen ist. Mit dem „reinen“ Tauschmittel – also einem Geld, das keinen eigenen Gebrauchswert mehr besitzt – entsteht ein universeller Maßstab: der Zahlenwert. Diese Abstraktion wird zur Denkgewohnheit.
Wert, so erklären die Hosts, ist keine Eigenschaft der Ware selbst. Eine Ware hat nur dann einen Wert, wenn sie gegen Geld getauscht wird. Der Preis ist nicht Ausdruck eines dahinterliegenden „wahren Wertes“, sondern ist identisch mit dem Wert. Damit widerlegen sie die klassische Trennung zwischen „Wert“ und „Preis“, wie sie etwa in der Arbeitswertlehre vorliegt. Es existiert keine objektive, in der Ware liegende Substanz, sondern die Beziehung zwischen Ware und Geld konstituiert den Wert.
Die Episode beleuchtet auch die historische Bedeutung dieses Denkens. Der Merkantilismus wird als erste Politikform auf Grundlage des neuen Wertbegriffs gedeutet: Staaten beginnen, nicht mehr Reichtum als Dinge, sondern als Geldwerte zu begreifen – und wollen daher systematisch mehr exportieren als importieren, um „Wert“ zu akkumulieren.
Schließlich wird der Zusammenhang zur wissenschaftlichen Revolution gezogen: Die neuzeitliche Mathematik – etwa das Funktionsdenken bei Newton und Leibniz – ist Ausdruck derselben Abstraktionslogik, die mit dem Geld in die Welt tritt. Rechnen in Funktionen ist Denken in Wertform. Zwar lässt sich die Welt so technisch beherrschen – Raketen fliegen –, doch über das Wesen der Dinge sagt es nichts mehr aus.
Fazit: Diese Episode entlarvt die vermeintlich natürliche Vorstellung von „Wert“ als historisches Produkt des Geldes. Wer versteht, dass Wert eine Form ist, die durch Geld entsteht, erkennt auch, wie tief diese Denkform unser gesamtes Weltverständnis prägt.
Episode 11: Kapital - das Wesen des Geldes
In Folge 11 des Podcasts „Im Geld auf der Spur. Die Money Profiler“ diskutieren Daniel Butcher und Eske Bockelmann das Thema „Kapital“ und schärfen es gegen gängige Missverständnisse. Ausgangspunkt ist die Banalität und Allgegenwärtigkeit des Wachstumsimperativs: Politik und Wirtschaft richten sich auf BIP-Wachstum aus; sichtbar wird das etwa an der Weigerung, Plastikproduktion zu senken, weil Gewinne gefährdet wären. Gewinn wird dabei strikt im Medium Geld gemessen: Mehr Einnahmen in Geld als zuvor in Geld ausgegeben — andernfalls gilt „die Wirtschaft“ als in Krise. Kapital ist daher nicht primär Anhäufung, sondern die Funktion des Geldes, mehr Geld werden zu müssen. Eine „Geldwirtschaft ohne Wachstum“ sei eine Illusion, weil die moderne Tauschgesellschaft jede*n zwingt, an Geld zu kommen; ohne diesen Zwang bräche Versorgung über Geld zusammen.
Der Kern der Argumentation lautet: Geld ist nur als reines Tauschmittel denkbar, in dem sich alle Ausgaben und Einnahmen auf „dasselbe“ beziehen — eben Geld. Daraus folgt notwendig der Zwang zur Vermehrung: Wer Geld einsetzt, um am Ende wieder Geld zu erhalten, muss ein Mehr erzielen. Das ist keine Frage individueller Gier, sondern eine Systemnotwendigkeit. Krisen entstehen nicht, weil es zu wenige Kartoffeln gäbe, sondern weil das Geldwachstum stockt. Ein häufiges Missverständnis beruhe darauf, die Zeitkomponente zu übersehen: Man verbraucht laufend Geld, bevor neues Einkommen zufließt — also muss das künftige Einnehmen das bereits Verausgabte übersteigen. Dieser Zwang prägt Individuen, Unternehmen und den Staat (über Steuern aus Gewinnen). Akkumulation — das Ansammeln von Geldbeständen — kann Wettbewerbsvorteile sichern, ist aber nicht die Definition von Kapital; Kapital ist die allgemeine gesellschaftliche Bewegung, in der Geld mehr Geld werden muss.
Wie wird das systemisch möglich? Erstens, durch Konkurrenz um Geld wird anderen „mehr Geld abgerungen“, als man selbst aufgewendet hat. Zweitens muss die Geldmenge selbst wachsen — und das geschieht über Kredit. Kredit ist vorweggenommenes Geld: eine wechselseitige Buchung von Schuld und Guthaben mit dem Erwartungszwang, dass die Rückzahlung nur gelingt, wenn zwischenzeitlich Mehrgeld erwirtschaftet wurde. Deswegen tendieren Tauschgesellschaften historisch dazu, ihr Geld zu Kreditgeld zu transformieren; im heutigen System ist Geld im Wesentlichen Kreditgeld. So beantwortet sich auch die Frage, wie Gewinne „gesamtwirtschaftlich“ möglich sind: nicht über märchenhafte Tauschkaskaden, sondern über beständiges Geldmengenwachstum via Kredit.
Wichtig ist die begriffliche Klärung: Fabriken und Maschinen sind nicht Kapital an sich, sondern Waren/Produktionsmittel, die Kapital — also Geld — einsetzt, um sie zu kaufen und über Produktion/Verkauf zu mehr Geld zu gelangen. Kapital ist deshalb Geld in seiner gesellschaftlichen Funktion der Vermehrung; einzelne Verwendungen (z.B. Spenden) ändern am Gesamtzwang nichts. Zum Ausblick kündigen die Hosts an, die Konsequenzen einer auf Geldproduktion umgestellten Wirtschaft zu entfalten und historisch (etwa Antike, „Häger“/Wucherer) Grenzfälle zu prüfen, um den Kapitalbegriff weiter zu schärfen.
Episode 12: Der Höker -- Einblicke in eine Welt ohne Geld
Die zwölfte Episode der Money Profiler führt uns tief in die Antike und damit in eine Epoche, in der unser modernes Verständnis von Geld und Kapital noch nicht existierte. Eske Bockelmann und Daniel Butscher nehmen Ciceros Schrift De Officiis zum Ausgangspunkt, um zu zeigen, wie Erwerb, Arbeit und Handel damals beurteilt wurden. Dabei offenbart sich ein scharfes Gefälle zwischen angesehenen Tätigkeiten wie Landwirtschaft und verächtlich betrachteten Formen des Erwerbs wie Lohnarbeit oder Kleinhandel.
Im Mittelpunkt stehen die sogenannten Höker, Kleinhändler, die Waren von Fernhändlern aufkauften und unmittelbar weiterverkauften. Für Cicero und seine Zeitgenossen waren diese Menschen „schmutzig". Der Grund: Sie mussten lügen, um Gewinn zu erzielen. Kauften sie einen Mantel für hundert Münzen und verkauften ihn für hundertfünfzig weiter, so widersprachen sie in ihren Aussagen über denselben Gegenstand. Gewinn bedeutete Täuschung. Dieses Urteil ist hart, verweist aber auf den fundamentalen Unterschied zur kapitalistischen Logik. Denn in Rom bedeutete Erwerb nicht das Streben nach Geldvermehrung, sondern in erster Linie die Sicherung der Lebensgrundlage -- am würdigsten durch Landwirtschaft, die Cicero als süß, reich und eines freien Bürgers würdig beschreibt.
Die Höker blieben Randfiguren. Sie konnten zwar aus Münzen mehr Münzen machen, doch war dies kein allgemeines Prinzip. Die römische Gesellschaft lebte nicht vom Zwang, mit Geld umzugehen. Münzen hatten begrenzte Reichweite, blieben oft ungenutzt in den Truhen der Großgrundbesitzer. Nur einzelne Händler mussten ihren Lebensunterhalt durch An- und Verkauf sichern. Kapital im modernen Sinne, also als allgemeine Notwendigkeit, dass Geld ständig zu mehr Geld werden muss, existierte nicht.
Im Gegensatz dazu genoss der Fernhändler, der emporos, hohes Ansehen. Er brachte begehrte Waren aus fremden Regionen und stellte sie der Gemeinschaft zur Verfügung -- ohne Betrug, weil sein Geschäft nicht auf einer Kette von Kauf und Verkauf beruhte. Er tauschte Güter, kehrte mit Gewinn zurück und zog sich auf seine Landgüter zurück, wo er von der Landwirtschaft lebte. Seine Tätigkeit war Versorgung, nicht spekulativer Handel.
Die Episode macht deutlich, dass Kapitalismus nicht einfach eine Fortsetzung antiker Handelsformen ist. Zwar lassen sich formale Ähnlichkeiten erkennen -- der Versuch, mit dem gleichen Tauschmittel Gewinn zu erzielen --, doch fehlt die gesellschaftliche Allgemeinheit. Erst wenn alle auf Kauf und Verkauf angewiesen sind, wenn das Tauschmittel selbst zur zwingenden Voraussetzung des Lebens wird, entsteht Kapital im eigentlichen Sinn. Diese historische Zäsur betont Bockelmann, indem er zeigt, dass Antike und Moderne durch eine tiefe Grenze getrennt sind.
Das Nachdenken über den Höker eröffnet einen kritischen Spiegel für die Gegenwart. Während Lohnarbeit heute Identität stiftet, galt sie in Rom als Ausdruck freiwilliger Unfreiheit, gleichsam als Selbstversklavung. Während der moderne Markt Gewinnstreben legitimiert, war dies für Cicero ein unehrenhafter Akt. Die Episode lädt dazu ein, die Selbstverständlichkeiten unserer Wirtschaftsordnung infrage zu stellen. Was heute Grundlage des Systems ist -- Kapitalakkumulation durch Lohnarbeit und Handel -- galt damals als verächtlich.
Gerade darin liegt die Provokation der Money Profiler: Sie zeigen, dass Kapitalismus weder naturgegeben noch zeitlos ist, sondern historisch entstanden. Die Welt der Höker erinnert uns daran, dass andere Gesellschaften andere Maßstäbe hatten -- und dass auch unsere Maßstäbe nicht ewig bestehen müssen.
Episode 13: Wirtschaft der Geld-Erwirtschaftung
„Im Geld auf der Spur“ führt nicht in eine Schatzkammer, sondern in ein Ermittlungsverfahren: Geld wird nicht gesammelt, sondern begriffen. Die leitende These der Money Profiler lautet in ihrer dritten Staffel radikal: Geld ist nicht gelegentlich Kapital, sondern notwendig Kapital. Damit kippt die Ökonomie von der Versorgung mit Gütern in eine Ordnung, deren Zweck die Vermehrung des Geldes selbst ist – eine „Wirtschaft der Gelderwirtschaftung“. Diese Verschiebung ist kein Denkspiel, sie hat eine Geschichte.
An Marx’ Kapitel zur „ursprünglichen Akkumulation“ lässt sich zeigen, wie sich im „langen 16. Jahrhundert“ die Logik des Geldes durchsetzt. Zuvor war Grund und Boden in Europa feudal organisiert: verbreitete Selbstwirtschaft, Rechte und Pflichten, ein Gemeinbesitz mit titularem Herrschaftsrecht. Mit dem Aufstieg der Geldlogik wird dieses Gefüge aufgerissen. Steigende Wollpreise, die Profitabilität von Schafweiden, kurz: monetäre Anreize, verwandeln Ackerland in Weideland. Was wie eine agrartechnische Maßnahme klingt, ist eine soziale Revolution von oben: Bauern werden gewaltsam vertrieben, Gemeindeland eingehegt, Titularrechte in exklusives Privateigentum umgebucht. Aus Menschen mit eigenständiger Subsistenz werden Menschen, die „für andere arbeiten müssen“ – Lohnabhängige, deren Überleben vom Verkauf der eigenen Arbeitskraft abhängt.
Die Obrigkeit schwankt anfangs. Schutzgesetze gegen Depopulation und Einhegung werden erlassen – und laufend unterlaufen. Bald wird das Gesetz selbst zum Vehikel des Raubs: Enclosure Acts schenken Grundherren Gemeindeland als Privateigentum. Parallel beschleunigen Reformation und Säkularisierung die Enteignung: Kirchengüter werden verramscht, alte Nutzungsrechte stillschweigend kassiert. Das Resultat ist ein damals unbekanntes Ausmaß an Armut, das die Einführung der Armensteuer (1601) erzwingt. Armut wird strukturell – ein Kostenfaktor, der den Aufstieg des Geldreichtums begleitet.
Marx’ Beispiele – bis hin zu den „Lichtungen“ in den Highlands – zeigen das Muster: Maßlosigkeit nach oben, Verwahrlosung nach unten. Entscheidend ist nicht moralische Empörung, sondern die Diagnose eines Systemwechsels: Der Zweck der Produktion verschiebt sich vom Gebrauch zum Geldwert. Was „in Wert gesetzt“ werden kann, soll in Wert gesetzt werden – Boden, Fischgründe, Arbeit, schließlich Zeit selbst. Der Staat wird zum Anwalt der „Goldgruben“ der Nation; die Nationalökonomie misst Reichtum nicht am guten Leben der Vielen, sondern am Mehrwertfluss.
Diese Lesart erklärt, weshalb kapitalistische Dynamiken immer wieder dasselbe Doppelbild erzeugen: beschleunigte Produktivität und beschleunigte Entwurzelung. Wer heute auf nachholende Industrialisierung, Landflucht oder informelle Megastädte blickt, erkennt das Reagenzglas derselben Logik. Sie erklärt auch, weshalb Sozialstaatlichkeit ambivalent bleibt: Sie lindert, was die Geldlogik notwendig hervorbringt, ohne deren Zwecksetzung zu brechen.
Die Pointe der Money Profiler liegt darin, Geld als gesellschaftliches Verhältnis sichtbar zu machen. Wenn Geld notwendig Kapital ist, dann ist die Frage nach seiner Herkunft immer auch die Frage nach Eigentumsformen, Rechtswandlungen und Gewaltgeschichte. Der Weg führt weiter: zur doppelten Buchführung, die die Welt in Soll und Haben spaltet und damit die Abstraktion bereitstellt, in der Geld seine Übermacht gewinnt. Wer dieser Spur folgt, wird nicht reich an Münzen, sondern reich an Unterscheidungen – und weniger geneigt, sich von Geld dumm machen zu lassen.
Episode 14: Die doppelte Buchführung als Fundament des Kapitalismus
Die Geschichte der doppelten Buchführung ist weit mehr als ein technisches Kapitel der Wirtschaftsgeschichte – sie markiert einen Wendepunkt in der Entstehung des Kapitalismus. Werner Sombart beschreibt eindrücklich, dass mit ihr nicht nur eine neue Geschäftstechnik eingeführt, sondern ein völlig neues Denken etabliert wurde: die konsequente Quantifizierung allen Wirtschaftens.
Im Mittelalter dominierten noch persönliche und unsystematische Aufzeichnungen. Kaufleute führten Handlungsbücher, in denen sie Ereignisse notierten, um sie im Gedächtnis zu behalten. Diese „höchstpersönliche Buchhaltung“ war Ausdruck einer Wirtschaftsform, die nicht auf systematische Gewinnmaximierung ausgerichtet war. Erst in Italien des 13. und 14. Jahrhunderts entwickelte sich die Idee von Konten – zunächst Personenkonten, später Sachkonten. Mit der Doppelschreibung entstand dann ein Prinzip, das jedem Vorgang zwei Seiten zuordnete: Soll und Haben. Damit waren alle wirtschaftlichen Bewegungen miteinander verknüpft, wodurch sich erstmals ein geschlossener Kreislauf des Kapitals darstellen ließ.
Diese Entwicklung war revolutionär. Denn sie ermöglichte, das Wirtschaften als lückenlose Kette von Geld- und Warenbewegungen zu erfassen. Der entscheidende Schritt folgte, als neben Bestandskonten auch Gewinn- und Verlustkonten sowie Kapitalkonten eingeführt wurden. Damit wurde der „Saldi-Fluss“ sichtbar, der den Kreislauf von Investition, Ertrag und Kapitalbildung dokumentierte. Luca Pacioli veröffentlichte 1494 das erste systematische Werk zur doppelten Buchführung. Doch erst mit der Praxis des Jahresabschlusses und der Bilanz im 17. Jahrhundert wurde das System vollendet. Die Bilanz stellte in einem Moment dar, wie die einzelnen Konten zusammenhängen – ein Innehalten, das sichtbar machte, ob Gewinn oder Verlust erzielt wurde.
Sombart hebt hervor, dass die doppelte Buchführung weit über Technik hinausweist. Sie zwingt dazu, die Welt in Zahlen zu sehen: Alles wird in Wertbeträge verwandelt, die sich vermehren oder vermindern. Qualitäten wie Bedarf, Zweck oder Nutzen treten in den Hintergrund. Entscheidend ist allein die Vermehrung des Geldes als Kapital. Damit trennt sich das Erwerbsprinzip endgültig von der Bedarfsdeckung. Nicht mehr das organisch begrenzte Bedürfnis des Menschen bestimmt, sondern das grenzenlose Gewinnstreben.
In dieser Rechenhaftigkeit liegt für Sombart die eigentliche Geburt des Kapitals. Kapital ist nicht einfach Geld, sondern Geld, das investiert wird, um sich zu vermehren. Dieser Begriff wird erst durch die doppelte Buchführung klar fassbar. „Quod non est in libris, non est in mundo“ – was nicht in den Büchern steht, existiert in der Welt nicht. Wirtschaften wird gleichgesetzt mit Rechnen.
Die Folgen reichen bis in die Gegenwart. Unternehmen, Abteilungen, ja sogar Individuen werden gezwungen, ihre Tätigkeiten in Zahlen darzustellen, Kosten und Nutzen zu bilanzieren und Beiträge zur Wertsteigerung nachzuweisen. Die doppelte Buchführung hat damit nicht nur das Wirtschaften organisiert, sondern eine Denkform geschaffen, die den Kapitalismus bis heute trägt.
So gesehen ist die doppelte Buchführung weniger ein Werkzeug der Ordnung als eine „Waffe“ des Kapitalismus. Sie macht Gewinnmaximierung zum universellen Prinzip und setzt es rechnerisch durch. Indem sie alle Erscheinungen in Quantitäten verwandelt, legt sie das Fundament für eine Wirtschaftsform, die auf endloses Wachstum angelegt ist. Ohne doppelte Buchführung, so Sombart, kein Kapitalismus – und ohne Kapitalismus keine moderne Welt, wie wir sie kennen.
Episode 15: Die kapitalistische Wirklichkeit
Die kapitalistische Wirklichkeit, wie sie in der besprochenen Podcast-Folge ausgeleuchtet wird, ist ein System, das von einem ständigen Zwang zum Wachstum geprägt ist. Geld dient hier nicht nur als Tauschmittel, sondern ist Kapital, das sich vermehren muss. Dieses Prinzip wirkt tief in die gesellschaftliche Realität hinein und strukturiert sowohl materielle als auch soziale Prozesse.
Wachstum als Zwang und Paradoxon
Das Fundament kapitalistischer Wirklichkeit ist die Notwendigkeit, dass investiertes Geld mehr Geld abwerfen muss. Für jeden einzelnen und für die Ökonomie als Ganzes gibt es daher den Wachstumsimperativ – Wirtschaftswachstum gilt als selbstverständlich und wird kaum noch hinterfragt. Dieser Zwang unterscheidet dabei streng zwischen materiellem Wachstum – etwa mehr Kartoffeln, besserer technischer Fortschritt – und Geldwachstum, das unabhängig vom materiellen Fortschritt existiert. Häufig führt das dazu, dass Güter vernichtet werden, nur damit sie am Markt nicht die Preise verderben und keinen Gewinn ermöglichen. So ist es durchaus sinnvoll, Orangen zu verbrennen, anstatt sie zu verschenken, weil es dem System nur um Geldvermehrung, nicht um materiellen Nutzen geht.
Knappheit und künstliche Mangelwirtschaft
Innerhalb des kapitalistischen Systems ist Knappheit stets präsent. Reichtum an Geld erfordert Knappheit für andere – verschenken ist der Logik folgend nicht erlaubt. Je mehr materielle Dinge da sind, desto problematischer wird es, da dies zu Preisverfall führt und der Gewinn für die Kapitalisten schrumpft. Der Wachstumspfad des Geldes verlangt, dass Knappheit – auch künstlich – geschaffen oder erhalten bleibt. Es wird nicht nur materieller Reichtum erschaffen, sondern auch systematisch zerstört, damit der Kreislauf von Konsum, Gewinn und Investition nicht abreißt.
Innovation, geplante Obsoleszenz und Konkurrenz
Der Innovationsbegriff ist doppeldeutig. Einerseits bringt Kapitalismus technologische Neuerungen und Produktivitätssteigerungen hervor. Gleichzeitig führt das System zu absichtlicher Verschlechterung von Produkten (geplante Obsoleszenz), damit sie schneller ersetzt und wieder verkauft werden. Berühmte Beispiele wie das Glühbirnenkartell zeigen, wie Langlebigkeit von Produkten bewusst verhindert wird, um Profite zu sichern. Dieser destruktive Aspekt betrifft ebenso Mode, Autos oder Elektrogeräte – Produkte werden so designt, dass sie bald überholt oder kaputt sind, damit die Konsummaschine weiterläuft.
Soziale und ökologische Folgen
Der Zwang, Kosten zu minimieren und Gewinne zu maximieren, führt regelmäßig dazu, dass Umweltschutz, Arbeitsschutz und langfristige Planung vernachlässigt werden; vieles, was getan werden sollte, wird unterlassen, weil es Geld kostet. Technischer Fortschritt bedeutet im Kapitalismus oftmals auch Arbeitsplatzverlust und soziale Unsicherheit – weniger benötigte Arbeitskraft wird überflüssig und damit gesellschaftlich marginalisiert, anstatt zu einer generellen Arbeitszeitverkürzung zu führen. Gleichzeitig entstehen neue Ungleichheiten und Konzentration von Macht und Kapital, während der materielle Reichtum, den diese Produktivität schaffen könnte, nicht allen zugutekommt.
Globale Expansion und Gewalt
Die kapitalistische Wirklichkeit endet nicht an nationalen Grenzen, sondern drängt seit Jahrhunderten auf Expansion nach außen. Dabei wurden und werden Gesellschaften und Individuen rund um die Welt gezwungen, sich der Logik des Kapitals zu unterwerfen – mit Gewalt, Unterwerfung ganzer Kontinente, Vernichtung indigener Lebensweisen und natürlicher Ressourcen. Ständiges Wachstum sucht immer neue Räume – sei es durch Außenhandel, Kolonialismus oder Krieg. Auch heute sind internationale Konflikte, Ressourcenraub oder rücksichtslose Konkurrenz Ausdruck dieser Dynamik.
Fazit
Die kapitalistische Wirklichkeit ist durchzogen von Widersprüchen: Technischer Fortschritt und Innovation stehen neben systematischer Zerstörung und sozialer Ausgrenzung, Wohlstand neben Mangel und Gewalt gegen Mensch und Natur. Der Zwang zum Wachstum ist allgegenwärtig und formt eine Realität, deren Logik kaum noch angezweifelt, geschweige denn überwunden wird. Kritik und Bewusstmachung dieser Mechanismen bleiben daher eine notwendige Aufgabe.
Sonderfolge 1: Bitcoin - Die Illusion des Geldes im digitalen Zeitalter
Die Diskussion um Bitcoin, angestoßen von der Folge „Sonderfolge 3: Bitcoin“ der Moneyprofiler, berührt eine der fundamentalsten Fragen der modernen Finanzwelt: Ist eine dezentral geschaffene digitale Einheit wie Bitcoin tatsächlich Geld – oder bleibt sie letztlich eine Ware, deren Wert auf dem Vertrauen einer kleinen Gruppe von Akteuren beruht? Der kritische Blick der Podcast-Hosts Daniel Butscher und Eske Bockelmann eröffnet dabei eine vielschichtige Perspektive auf die technologische, ökonomische und gesellschaftliche Dimension von Geld.
Zunächst lohnt ein Blick auf die Begründung der Bitcoin-Gründer, wie sie Satoshi Nakamoto in seinem berühmten „Peer-to-Peer Electronic Cash System“-Papier darlegt. Dem klassischen Geldsystem wird vorgeworfen, auf Vertrauen gegenüber Banken und Zentralbanken zu beruhen – einer Vertrauensbasis, die immer wieder enttäuscht wird, befeuert durch Inflation, Kreditblasen und Verlust der Privatsphäre. Bitcoin präsentiert sich als radikale Alternative: Ein System, das ohne zentrale Kontrollinstanzen und staatliche Autorität auskommen will, bei dem jede Transaktion technisch gesichert ist und die Schaffung neuer Einheiten algorithmisch geregelt und begrenzt wird.
Doch die Moneyprofiler kritisieren diesen Ansatz als Grundmissverständnis: Vertrauen ist im klassischen Geldsystem nicht nur eine einseitige Gegebenheit, sondern ein geteilter gesellschaftlicher Akt. Zentralbanken und Banken vertrauen selbst darauf, dass Geld von den Menschen weiterhin als Zahlungsmittel anerkannt wird. Das gesamte Wirtschaftssystem basiert auf der kollektiven Annahme, dass die Zahlen auf unserem Konto als Wert gelten. Die Kritik an der Kreditgeldschöpfung der Banken, die angeblich ein Skandal sei, verkennt nach Ansicht der Hosts die Funktionsweise des modernen Geldsystems: Kredit ist keine Schwäche, sondern die Grundlage dafür, dass Wirtschaft und Handel überhaupt funktionieren können.
Im zweiten Teil der Analyse beschreiben die Hosts die Herangehensweise von Bitcoin: Die Schöpfung als rein technischer Akt, die Abbildung von Eigentum durch digitale Adressen – all das bildet dokumentarisch nach, was Geld in seiner äußeren Form ausmacht. Doch Bitcoin ist, wie die Moneyprofiler betonen, keine von Staatsgewalt gesicherte Zahl, sondern ein spekulativer Datensatz, dessen Besitz durch Zugang zu bestimmten digitalen Schlüsseln geregelt wird. Die Vorstellung, dass aus der technischen Sicherung allein echtes Geld entstehen könnte, blendet die entscheidende gesellschaftliche Komponente aus: Echtes Geld verlangt nach rechtlicher und sozialer Absicherung, nach Machtstrukturen und Zwang, wie sie nur der Staat herstellt.
Hier endet die Analogie zu Geld. Bitcoin fehlt das gesellschaftliche Fundament, das gesetzliche Mandat, das für Geld konstitutiv ist. Es kann nicht beliebig in ausreichender Menge geschöpft werden, um dem dynamischen Bedarf einer Volkswirtschaft zu entsprechen. Die Begrenzung der Bitcoin-Schöpfung steht im krassen Gegensatz zur Kreditgeldschöpfung der Banken, die Wachstum und wirtschaftlichen Fortschritt überhaupt möglich machen. Der empirische Blick nach El Salvador zeigt, wie wenig Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel taugt: Fast alle Nutzer tauschten erhaltene Bitcoins sofort in US-Dollar, und innerhalb weniger Jahre wurde Bitcoin als offizielles Zahlungsmittel wieder abgeschafft. Die Funktion als Tauschmittel bleibt ein Spiel auf Zeit und Vertrauen, nie eine gesellschaftliche Notwendigkeit.
Das Fazit der Moneyprofiler ist deutlich: Bitcoin ist keine Revolution des Geldes, sondern die Illusion seiner digitalen Nachahmung. Es bleibt Ware ohne Gebrauchswert, Spekulationsobjekt und technischer Datensatz, dem die gesellschaftliche Durchsetzung und die Flexibilität fehlt, die Geld zu Geld macht. Die Hoffnung auf ein dezentrales, vertrauensbasiertes Alternativgeld steht im Widerspruch zu den Mechanismen von Gesellschaft, Staat und Wirtschaft. Echte Geldinnovationen entstehen nicht aus der technischen Perfektionierung der Fälschungssicherheit, sondern aus dem Kampf um soziale, wirtschaftliche und politische Macht. In diesem Sinne bleibt Bitcoin ein Experiment – und kein echtes Geld.
Sonderfolge 2: Geld ist Kapital
Geld regiert die Welt – sagen Daniel Butscher und Eske Bockelmann – und wer regiert werden soll, muss verstehen, was ihn regiert. Die dritte Staffel ihrer „Money Profiler“ führt den Gedanken zu Ende: Geld ist Kapital. Damit ist nicht bloß gemeint, dass manche „Kapitalisten“ über viel Geld verfügen, sondern dass Geld als gesellschaftliche Form nur fortbesteht, indem aus Geld mehr Geld wird. Diese Wachstumslogik ist kein moralischer Fehltritt Einzelner, sondern der strukturelle Imperativ einer Wirtschaftsweise, in der alle durch Kaufen und Verkaufen leben müssen.
Das berühmte Wörgl-Experiment von 1932 scheint dem zu widersprechen: Schwundgeld, das monatlich an Wert verlor, erhöhte die Umlaufgeschwindigkeit und belebte die lokale Wirtschaft. Doch gerade daran zeigt sich die Logik: Der drohende Wertverlust erzeugte Ausgabedruck und schob den Kreislauf an; zugleich wurde die Geldmenge de facto erhöht, weil die Gemeinde neue Kaufkraft in Löhne und Projekte einspeiste. Kurzfristig half das, dauerhaft hätte der künstliche Schwund die Basis untergraben. Umlauf ersetzt keinen strukturellen Mehrwertzwang.
Wesentlich ist die Zeitstruktur des Geldes. Kredit schafft Geld, indem er Zahlungen in die Zukunft verschiebt. Auch scheinbar harmlose Stundungen sind Teil davon: Mit dem Zahlungsaufschub entsteht eine doppelte Buchung – Forderung hier, Verbindlichkeit dort – und damit die Pflicht, künftiges Geld zu erwirtschaften. Genau deshalb ist „wir alle sind formal Kapitalisten“ kein Lob, sondern die nüchterne Diagnose einer Abhängigkeit: Gewerkschaften wie Unternehmer agieren innerhalb eines Systems, das Gewinne benötigt, damit Löhne überhaupt bezahlt werden können.
Historisch zeigt der Blick in die Antike, warum Münzen noch kein Geld im modernen Sinn sind. Normierte Metallstücke fungierten als Wert- und Strafmaß in einer Ordnung ohne universale Wertrechnung; der kleine Höker mag mit Münzen handeln, doch das Gemeinwesen rechnete nicht in „Wert“. Erst mit der kapitalistischen Wertlogik wird aus Rechnung System – sichtbar in der doppelten Buchführung. Das Plus-Minus-Null der Konten geht nur auf, weil ein Kapitalkonto die Differenz als „Eigenkapital“ festhält: Buchhaltung ist nicht Spiegel, sondern Motor der Selbstverwertung.
Marx’ Kapitel zur „ursprünglichen Akkumulation“ liefert dafür schonungslos die politische Realität: Einhegungen, Vertreibungen, die gewaltsame Unterwerfung von Land und Menschen. Doch wo Marx den Beginn des Kapitalismus an die bereits gespaltene Klassenstruktur bindet, insistieren die Money Profiler: Der Kapitalismus beginnt, sobald das gesellschaftliche Leben systematisch dem Zweck untergeordnet wird, aus Geld mehr Geld zu machen – die Spaltung ist Folge, nicht Quelle.
Diese Logik schreibt Weltgeschichte. Die europäische Expansion der letzten Jahrhunderte war weniger „Entdeckung“ als monetäre Inwertsetzung: die Verwandlung von Welt in Einnahmequelle. Ihre Gegenwart zeigt sich im scheinbar Harmlosen: der politischen Sorge um Automobilgewinne selbst dort, wo weniger Autos ökologisch vernünftig wären. Sharing-Modelle und autonome Mobilität drohen, den Absatz zu senken – also verteidigt Politik die Profitmaschine.
Geld ist dabei beides zugleich: unendliche Zirkulationsfähigkeit im Warenkreislauf und endliche Schuld im Kreditsystem. Wer nur eine Sphäre sieht, verfehlt das Ganze. Darum ermitteln die Money Profiler weiter: erst über die Schöpfung des Geldes durch Kredit, dann über die notwendige Warenmehrung. Denn nur wer die Zeitmaschinen des Geldes versteht, entkommt seiner Dummmacherei – und kann seine Übermacht wenigstens durchschauen.
Episode 16: Geldschöpfung
In Episode 16 des Podcasts Die Money Profiler gehen Eske Bockelmann und Daniel Butscher der zentralen Frage nach, wie in einer kapitalistischen Wirtschaft Gewinne überhaupt möglich werden -- und warum die fortwährende Geldschöpfung, meist in Form von Kredit, die entscheidende Bedingung für das Funktionieren des Systems ist.
Der Ausgangspunkt ist ebenso schlicht wie radikal: Geld ist zunächst ein gesellschaftliches Verhältnis, kein Ding. Es entsteht im Moment, in dem Schuldnerin und Gläubigerin eine Forderung und eine Verbindlichkeit eingehen -- also aus dem Nichts, durch einen sozialen Akt. Mit der Aufnahme und Rückzahlung von Krediten entsteht und verschwindet Geld fortwährend -- ein Nullsummenspiel, das jedoch gesamtgesellschaftlich enorme Dynamik entfaltet.
Im Kapitalismus bleibt Geld nie Selbstzweck. Es folgt dem Imperativ, „mehr Geld zu werden". Jeder neu geschaffene Kredit bringt die Verpflichtung hervor, nicht nur den geliehenen Betrag, sondern auch Zinsen zu erwirtschaften. So tritt jedes neue Geld bereits als Kapital in die Welt -- als Anspruch auf zukünftigen Mehrwert.
Der Podcast trennt scharf zwischen Geld als Wertmass und Ware als Wertträger. Wert entsteht nicht in der Ware selbst, sondern erst im Moment des Tauschs, wenn sie sich im Geld misst. Gewinn bedeutet, dass Einnahmen Ausgaben übersteigen -- ein Zwang, dem sich kein Akteur entziehen kann. Hinter scheinbar chaotischen Preisen wirkt das Wertgesetz: Nur wer dauerhaft mehr erlöst, als er ausgibt, überlebt im Konkurrenzkampf.
Die Schöpfung von Geld durch Kredit ist daher weit mehr als ein technischer Vorgang. Sie ist die conditio sine qua non für Wachstum. Der Kreislauf von Kreditaufnahme, Investition, Gewinnrealisierung und Rückzahlung hält die Wirtschaft in Bewegung. Bricht dieser Kreislauf -- werden mehr Kredite getilgt als neu vergeben --, schrumpft die Geldmenge, Gewinne bleiben aus, Krisen entstehen.
Zum Schluss diskutieren Bockelmann und Butscher die „Härte des Geldes". Ein stabiles Geldsystem entsteht dort, wo die Rückzahlungsverpflichtung -- und damit der Zwang zur Profitrealisierung -- ernsthaft greift. Fehlt dieser Mechanismus, wie in sozialistischen Systemen ohne echten Kreditmarkt, wird das Geld „weich": Es verliert seine Funktion als verlässliches Wertmaß und wird oft durch „härtere" Fremdwährungen ersetzt.
So zeigt Episode 16 mit beeindruckender Klarheit: Geld entsteht als Kredit aus sozialer Beziehung, kommt als Imperativ zum Profit in die Welt und erzeugt jenen ständigen Mehrwertdruck, der das kapitalistische System zugleich antreibt und bedroht.
Episode 17: Münzung im Mittelalter
Die Podcast-Folge „Münzung im Mittelalter“ (Episode 17) widmet sich einer grundlegenden historischen Frage: Was heisst Münzschöpfung im europäischen Mittelalter, und wie unterscheidet sich die Schöpfung und Bedeutung von Münzen von unserem modernen Begriff des Geldes?
Am Beispiel der Einführung eines neuen Denars durch Karl den Kahlen 864 n. Chr. beleuchtet die Episode nicht nur die technischen, sondern auch die sozialen und politischen Implikationen mittelalterlicher Münzpolitik.
Was ist eine „Münze“?
Kern der Debatte ist, dass im Mittelalter eine Münze nicht einfach als Geld im heutigen Sinne verstanden wurde. Die Ausgabe neuer Denare war streng reguliert: Nur wenige Münzstätten im Reich durften Münzen prägen, und die Qualität der Münzen wurde durch Regeln für Feingehalt und Gewicht gesichert. Wer gegen diese Bestimmungen verstiess, dem drohten harte Strafen, bis hin zur Verstümmelung. Münzen fungierten als normierte Silberstücke; ihr Wert war materiell bestimmt, nicht nominal wie heute. Der Denar war eine „Einheit“, vergleichbar mit einem Atom, dessen Quantität und Qualität fixiert waren; Zahlen oder Wertaufdrucke spielten keine Rolle, weil das Wissen um den Inhalt und Wert der Münze gesellschaftlich geteilt war.
Interessant ist, dass die Einführung eines neuen Denars an einen traditionellen Stichtag gekoppelt war, den Martinstag, zu dem Ernte, Landkäufe und Abgaben verrechnet wurden. Dies verdeutlicht, dass Münzen und ihr Umlauf unmittelbar mit der Funktionsweise sozialer und wirtschaftlicher Beziehungen verbunden waren. Die Vernichtung oder der Umtausch alter Münzen diente somit vor allem der Herstellung von Sicherheit und Vertrauen: Denaren wurde nicht ein abstrakter Wert, sondern eine garantierte stoffliche Qualität zugeschrieben. Königliche Regulation sollte Betrug verhindern und damit den sozialen Frieden sichern.
Die Folge zeigt anschaulich, dass Münzen im Mittelalter weit mehr als blosse Tauschmittel waren: Sie dienten als Maßstab und Einheit für die Bewertung von Dingen (Getreide, Vieh, Schuld, Strafen) und Handlungen. Strafen, Verpflichtungen und Abgaben wurden in Denaren bemessen – als konkrete, nachvollziehbare und überprüfbare Einheiten. Münzen konnten als Gabe, Tribut, oder Schatz aufgehoben werden. Entscheidend: Die Zirkulation der Münzen wurde regelmäßig unterbrochen; oft verschwanden sie als Schatz, wurden eingeschmolzen oder direkt als Silber in der Kunst oder als Statussymbol genutzt – weit entfernt vom modernen Paradigma des Geldkreislaufs.
Die Episode illustriert einen fundamentalen Unterschied zur Gegenwart: Mittelalterlicher Reichtum bemisst sich nicht als Zahl, sondern als „Inbegriff des Edlen“ – Gold, Silber, Schmuck in möglichst grosser, aber eben nicht zählbarer Menge. Das symbolische und prestigeträchtige Gewicht von Edelmetallen und Kostbarkeiten überragt den Gebrauchswert, der mit einer fixen Währungseinheit verknüpft wäre. Die Vorstellung, jemand sei „Millionär“ oder „Milliardär“, war fremd; Reichtum war qualitativ und sinnlich erfahrbar, nicht quantitativ.
Fazit: Die Differenz zur modernen Geldschöpfung
Das mittelalterliche System der Münzung liefert somit einen radikal anderen Rahmen für das Verständnis von Wert, Geld und Reichtum. Die Münze war nicht einfach ein Tauschmittel, sondern ein sozial und materiell normiertes Objekt, dessen Geltung und Wert durch herrscherliche Macht und gemeinschaftliche Praxis bestimmt wurde. Moderner Geldschöpfung – als Zahl aus dem Nichts, als Kapital, als Zahl im Kreditzyklus – steht ein System der stofflichen Sicherheit, Normierung und sozialen Einbindung gegenüber. Die Folge lädt damit zur Reflexion darüber ein, wie historisch kontingent unsere heutigen Begriffe und Praktiken rund um Geld und Wert eigentlich sind.
Episode 18: Zentralbank
Die Episode „Zentralbank“ aus der Reihe „Die Moneyprofiler“ bietet eine ebenso differenzierte wie kritische Analyse der Rolle der Zentralbanken in der modernen Geldordnung und darin eingebettet die historische Entwicklung kapitalistischer Geldschöpfung. Die Moderatoren Daniel Butscher und Eske Bockelmann verfolgen das Ziel, die Funktionsweise und Bedeutung der Zentralbank mit ihrer Perfektion in der Geldschöpfung sowie deren historische Entstehung und ihre prinzipiellen Widersprüche klar herauszuarbeiten.
Zentral für das Argument der Moneyprofiler ist die Diagnose, dass Geld heutzutage nahezu ausschließlich durch Kredit geschöpft wird. Nicht mehr stehen Goldschürfen, Münzprägen oder Materialdeckung im Vordergrund, sondern die Schaffung von Buchgeld durch Privatbanken und Zentralbanken als Kreditversprechen ist zur dominierenden Form geworden. Wenn ein Kredit aufgenommen wird, entsteht neues Geld, das mit der Rückzahlung des Kredits wieder erlischt. Eben deshalb muss die Geldschöpfung immer heißer laufen als bloße Vermehrung, um sowohl die stetige Vermehrung der Geldmenge als auch die Ersatzschöpfung für zurückgezahlte Kredite zu garantieren. Aus dieser Notwendigkeit resultiert der Imperativ, dass Kapitalismus immer Wachstum der Geldmenge braucht – Krise bedeutet, wenn aus Geld nicht mehr Geld werden kann.
Die Folge greift die These auf, dass die moderne Geldschöpfung in ihrem Kreditcharakter perfekt die drei Wesensbestimmungen des Geldes abbildet: Geld als reines Tauschmittel, als Wert und als Kapital. Als Tauschmittel ist Geld eine reine Zahl, losgelöst von materieller Substanz und einzig Ausdruck gesellschaftlicher Beziehung. Als Wert wird Geld durch die gesellschaftliche Anerkennung als Kaufkraft geschaffen – hier tritt die Notwendigkeit einer höheren Macht auf den Plan: Zentralbanken schaffen durch gesetzliche Rahmen und das Monopol auf die Währung den institutionellen Hintergrund, vor dem Geld als Wert gesellschaftlich konstituiert wird und allgemeine Akzeptanz findet.
Historisch zeichnet die Episode den Weg von den Goldschmieden Londons, deren Quittungen auf eingelagerte Münzen allmählich als Zahlungsmittel zirkulierten und letztlich mit mehr Quittungen als hinterlegtem Material die Prototypen der modernen Banknoten schufen. Aus dem Versuch der Deckung entstand das Kreditgeschäft, das durch Konkurrenz in jedem Land zu eigenen Lösungen und periodischen Krisen führte. Die Zentralbank bildete sich als Bank der Banken heraus, mit dem Ziel, Regulierung, Sicherheit und Einlagenabsicherung zu gewährleisten. Die US-Großbankenkrise der 1930er und multiple Bankenzusammenbrüche zeigen die Notwendigkeit für regulatorische Eingriffe und die Herausbildung von Settlement-Funktionen und Einlagensicherung.
Schließlich mündet die Entwicklung in die Erkenntnis, dass die Zentralbank als unabhängige Instanz für die Perfektion von Geldschöpfung sorgen muss: Sie operiert unabhängig vom direkten Zugriff der Regierung, garantiert Preisstabilität sowie das Wachstum der Geldmenge. Erst durch die institutionelle Trennung von staatlicher Einflussnahme auf die Zentralbank wird Geld „hart“ und der Kapitalismus funktionsfähig. Dieses Modell – am Beispiel der Bundesbank nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert – wurde weltweit übernommen als erfolgreichste Antwort auf die Widersprüche kapitalistischer Geldordnung.
Zusammenfassend zeigt die Episode, wie die perfekte Geldschöpfung, die institutionelle Konstruktion der Zentralbanken und die Trennung von Staat und Bank als Ergebnis einer historischen Durchsetzungsgeschichte aus Krisen, Konkurrenz und regulatorischer Notwendigkeit hervorgegangen sind. Sie stehen im Zentrum der Bedingungen für das Funktionieren und die Stabilität moderner kapitalistischer Wirtschaften, ohne dass damit alle Widersprüche gelöst wären.
Episode 19: Der Glaube an die Substanz
Wir alle benutzen täglich Geld. Aber habt ihr euch je ernsthaft gefragt, was ihm seinen Wert verleiht? Tief in uns steckt die Überzeugung: Geld kann doch nicht einfach nur Luft sein. Irgendetwas Reales muss dahinterstecken – eine Substanz. Diese Idee fühlt sich wie gesunder Menschenverstand an, so selbstverständlich wie der Sonnenaufgang. Man denkt nicht darüber nach. Man glaubt einfach: Der Wert des Geldes muss irgendwoher kommen.
Doch was, wenn diese Grundannahme eine Illusion ist?
Genau dem gehen wir hier nach. Zuerst betrachten wir den Glauben selbst. Er sitzt tief in uns, ein instinktives Vertrauen darauf, dass Geld eine reale Basis hat. Wir akzeptieren diese Vorstellung unbewusst, ohne sie zu hinterfragen, weil sie uns intuitiv logisch erscheint.
Aber was soll diese Substanz überhaupt sein? Verschiedene Antworten drängen sich auf: Goldreserven, staatliche Autorität, Wirtschaftskraft oder einfach Münzen und Scheine. All das sind Versuche, dem abstrakten Phänomen Geld etwas Handfestes zu verleihen – ein Fundament, das seinen Wert tragen soll.
Warum klammern wir uns so daran? Wir können kaum anders. Unser täglicher Umgang mit Geld zwingt uns förmlich dazu. Geld erscheint uns als reale, mächtige Kraft: Es bezahlt Miete, Essen, Reisen, bestimmt unser Leben. Etwas, das so viel Macht hat, muss – so folgern wir – eine echte Grundlage besitzen. Genau diese alltägliche Erfahrung erzeugt einen psychologischen Druck, an eine Substanz zu glauben. Wir sind, so die Quelle, regelrecht dazu verdammt.
Damit kommen wir zum Kern: der These von der notwendigen Illusion. Auf der einen Seite steht unser unerschütterlicher Glaube an den inneren Wert des Geldes. Auf der anderen Seite die radikale Schlussfolgerung: Geld ist ein wirkmächtiger Schein. Sein Wert ist kein Ding, sondern eine soziale Vereinbarung – ein kollektives Spiel, das nur funktioniert, weil alle mitmachen.
Daraus entsteht der Begriff des „notwendig falschen Bewusstseins“. Objektiv betrachtet ist der Glaube an eine substanzielle Grundlage falsch. Aber er ist unverzichtbar. Ohne diese gemeinsame Fiktion würde das gesamte Wirtschaftssystem nicht funktionieren. Die Illusion ist notwendig, damit Vertrauen entsteht, Transaktionen gelingen und Märkte stabil bleiben.
Was bedeutet das für uns? Nicht entscheidend ist, ob unser Glaube richtig oder falsch ist. Wichtiger ist zu verstehen, warum wir ihn brauchen. Der gemeinsame Glaube an einen soliden Geldwert wirkt wie ein sozialer Klebstoff. Er hält die komplexe globale Wirtschaft zusammen.
Am Ende bleibt eine große Frage: Wenn der Wert des Geldes nicht auf einer greifbaren Substanz beruht, sondern auf einem kollektiven notwendigen Glauben – was stabilisiert dann unser gesamtes System? Was hält den Laden wirklich zusammen?
Episode 20: Leben auf Kredit
In der Episode „Leben auf Kredit“ führen die Hosts eindringlich vor Augen, was es bedeutet, dass unsere heutige Gesellschaft auf Kredit lebt — nicht nur vereinzelt, sondern strukturell. Der zentrale Gedanke lautet: Jede Zahlung, auf die jemand Zugriff hat, beruht auf vorheriger Kreditvergabe — und damit auf einer Schuld, die irgendwo existiert. Geld entsteht also nicht aus realem Wert oder Substanz, sondern aus Schulden und Verpflichtungen.
Damit offenbart sich eine fundamentale Logik der modernen Geldwirtschaft: Kredit ist nicht einfach ein Mittel, um Kaufkraft zu ermöglichen — Kredit ist das Mittel, durch das Geld überhaupt erst geschaffen wird. Und wer von Geld lebt, lebt von dieser Konstruktion. Selbst wer aktuell keinen eigenen Kredit bedient, ist Teil dieses Systems, weil die Gesellschaft insgesamt und jede wirtschaftliche Aktivität von Kreditschöpfung abhängig ist.
Doch das System trägt zugleich eine unausweichliche Spannung in sich: Kredit muss zurückgezahlt — und im Idealfall mit Gewinn getilgt werden. Ohne diese Gewinnperspektive gerät das Kreditwesen ins Stocken. Wenn nämlich mit den Ausgaben, die ein Kredit finanziert, nicht mehr Wert (in Geld) erwirtschaftet wird als der Kredit selbst, entsteht ein Problem: Die notwendige Geldvermehrung bleibt aus, und das Kredit- wie das Wirtschaftssystem gerät ins Wanken. So birgt jede Kreditvergabe nicht nur das Versprechen von Wachstum, sondern auch das Risiko von Krisen — wenn die Rückzahlung nicht mit wachsendem Profit einhergeht.
Diese Analyse zeigt, dass das, was wir gemeinhin als „Wirtschaft“ wahrnehmen — Produktion, Konsum, Handel, Investitionen — nicht unabhängig funktioniert. Vielmehr ist es eingebettet in eine Gesellschaft, deren Existenz und Dynamik auf fortdauerndem Kredit beruhen. Das heißt: Die Stabilität und Expansion der Wirtschaft hängen entscheidend davon ab, dass immer neue Kredite vergeben werden — und dass diese wiederum genutzt werden, um mehr Geld zu schaffen. Kredit ist nicht Ausnahme, sondern Regel; nicht Risiko, sondern Notwendigkeit.
Vor diesem Hintergrund wird Kredit nicht nur zur privaten Entscheidung oder finanziellen Last — Kredit wird zur sozial-ökonomischen Bedingung unserer Existenz. Unsere Lebensweise, unsere Konsumgewohnheiten, unsere Arbeitsplätze, unsere wirtschaftlichen Allianzen — all das existiert nur, weil Kredite vergeben und zurückgezahlt werden. Wer das akzeptiert, dem wird deutlich, worin die Macht des Geldes wirklich besteht — und wie tief sie in unserem Leben verankert ist.
Doch diese Erkenntnis birgt zugleich eine Kritik: Wenn Geld nur als Kredit existiert — als Versprechen auf Rückzahlung plus Profit — dann ist Geldsystem zugleich ein System der Spekulation auf die Zukunft. Es misst unsere Gegenwart am Maß künftigen Mehrwerts. Das erzeugt einen ständigen Druck: nicht nur auf Individuen, sondern auf das gesamte Wirtschafts- und Finanzsystem. Krise und Instabilität sind kein „Fehler“, sondern strukturelle Möglichkeit — und vielleicht sogar unausweichliche Folge eines Systems, das auf Kredit und Wachstum angewiesen ist.
Die Episode zwingt uns so, unser Verhältnis zu Geld grundlegend zu überdenken. Geld ist kein neutrales Mittel des Tauschs, sondern ein Mechanismus der gesellschaftlichen Koordination — ein Mechanismus, der Abhängigkeit erzeugt, Macht strukturiert und Zukunft vergegenwärtigt. Die Frage ist nicht nur, wie wir Geld einsetzen — sondern ob wir überhaupt verstehen, was Geld ist. Und ob wir bereit sind, die Bedingungen, die unser Geldsystem uns auferlegt, zu durchschauen — und vielleicht zu verändern.
Sonderfolge: Wenn Finanzmärkte unser Brot bepreisen -- über die Entfremdung der Terminbörsen
Wie kann es sein, dass Finanzmärkte den Preis unseres Essens bestimmen? Diese Frage wirkt auf den ersten Blick provokant, beinahe absurd. Und doch führt sie mitten ins Herz eines Systems, das unseren Alltag tiefer prägt, als vielen bewusst ist: die Warenterminbörsen. Was einst als Instrument zur Stabilisierung der realen Wirtschaft gedacht war, hat sich schrittweise in ein hochspekulatives Finanzsystem verwandelt -- mit spürbaren Folgen für Produzenten, Konsumenten und ganze Gesellschaften.
Ursprünglich erfüllten Terminmärkte eine klare und sinnvolle Funktion. Bauern und Abnehmer, etwa Müller, konnten sich schon im Voraus auf einen festen Preis für eine zukünftige Lieferung einigen. Damit wurde ein zentrales Problem gelöst: die extreme Preisunsicherheit auf den Spotmärkten. Der Landwirt wusste, womit er rechnen konnte, der Abnehmer konnte planen, und die Börse fungierte als Garant, dass beide Seiten ihre Verpflichtungen einhielten. Diese Märkte dienten der Absicherung -- dem sogenannten Hedging -- und stellten Stabilität für die reale Wirtschaft her.
Doch mit der Deregulierung der Finanzmärkte seit den 1970er-Jahren verschob sich diese Funktion grundlegend. Neue Akteure betraten die Bühne: Spekulanten, deren Interesse nicht mehr der Ware galt, sondern ausschließlich dem Profit aus Preisbewegungen. Der Terminmarkt wurde zunehmend von der realen Lieferung entkoppelt. Ein besonders drastisches Beispiel zeigt dies deutlich: 2011 führten an der Chicago Board of Trade nur noch rund 0,04 Prozent der gehandelten Kontrakte tatsächlich zu einer physischen Lieferung. Der überwältigende Rest bestand aus reinen Finanzwetten.
Möglich wird diese Entwicklung durch Mechanismen wie die Hebelwirkung. Mit vergleichsweise geringem Kapitaleinsatz lassen sich enorme Marktpositionen bewegen. Wer auf steigende Preise wettet, muss die Ware nie sehen -- ein Gegengeschäft vor Fälligkeit genügt, um Gewinne zu realisieren. Übrig bleibt Geld, das auf Geld gewettet hat. Die Ware selbst wird zur abstrakten Referenz, nicht mehr zum Zweck des Handels.
Die Konsequenzen sind jedoch alles andere als abstrakt. Die Preise, die auf den spekulativen Terminmärkten entstehen, wirken auf die realen Märkte zurück. Wenn zukünftige Preise steigen, erhöhen Produzenten schon heute ihre Forderungen. So entstehen Preisschwankungen und -spitzen bei lebensnotwendigen Gütern wie Nahrungsmitteln. Für wohlhabende Gesellschaften mag dies ärgerlich sein; für Menschen, die einen Großteil ihres Einkommens für Essen ausgeben müssen, kann es existenzbedrohend sein.
Besonders paradox ist dabei das Geschäftsmodell der Finanzwelt: Sie erzeugt durch Spekulation Unsicherheit und verkauft anschließend neue Finanzprodukte als Absicherung gegen genau diese Unsicherheit. Problem und Lösung werden gleichermaßen monetarisiert. Am Ende bleibt eine unbequeme Frage: Wenn Finanzgewinne auf der einen Seite mit Hunger auf der anderen erkauft werden, wer profitiert dann wirklich -- und zu welchem Preis?
Episode 21: Die Welt der Waren
Der Text untersucht, warum in der modernen Gesellschaft fast alles ein Preisschild trägt und damit zur Ware wird. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Geld nicht nur Mittel, sondern Ziel und Regisseur des wirtschaftlichen Handelns geworden ist. Dieses geldgetriebene Prinzip setzt klare Spielregeln: Kosten müssen radikal minimiert und Gewinne maximiert werden. Die Folgen reichen von Lohndruck über Ausbeutung natürlicher Ressourcen bis zu Regulierungsumgehung und einer Produktionslogik des „immer mehr, immer billiger". Anschaulich wird dies an der industriellen Landwirtschaft gezeigt, in der männliche Küken als „kostenfaktoren" aussortiert werden, weil sie der Profitorientierung nicht entsprechen.
Parallel dazu verlangt das System permanentes Wachstum: Unternehmen gelten nur als erfolgreich, wenn sie expandieren. Damit einher geht erzwungener Mehrkonsum und geplante Verschwendung. Das Beispiel aus Wien verdeutlicht dies: Es wird täglich so viel Brot entsorgt, wie in Graz konsumiert wird -- ein künstlich erzeugter Überschuss, der volle Regale und anhaltende Kaufimpulse sichern soll.
Ein Kernmechanismus der Kommerzialisierung ist die Verwandlung von Gemeingütern in Privateigentum. Dieser Prozess verläuft typischerweise über drei Schritte: Entzug des freien Zugangs (etwa durch Zäune), formale Besitzdokumente und staatliche Durchsetzung. Historisch zeigt sich das in Nordamerika, wo gemeinschaftlich genutztes Land durch militärische Gewalt angeeignet, vermessen und verkauft wurde -- ein Kontinent wurde zur Ware.
Der Text beschreibt einen grundlegenden Widerspruch: Die harte Produktionsrealität der Kostenreduktion kontrastiert mit der verführerischen Oberfläche der Werbung. Diese erzeugt Bedürfnisse, indem sie Mangelgefühle anspricht und Produkte als Lösungen inszeniert. Zugespitzt stellt sich am Ende die Frage, was in einer Welt, in der Wasser, Land und Daten handelbar sind, wirklich unbezahlbar bleibt. Der implizite Appell: die Rückbesinnung auf Werte und Bereiche, die sich der Warenlogik entziehen -- Würde, Beziehungen, Gemeingüter und ökologische Lebensgrundlagen.
Die Grundlagen und Erkenntnisse zum Thema Geld hat Eske Bockelmann in seinen Büchern Geld (2020) und Money - Understanding Modern Society (2025) erarbeitet und veröffentlicht.
Unter dem Reiter „21 Basis-audio" finden Sie 21 kurze Audio-Files, die in jeweils drei Minuten zentrale Aspekte von Bockelmanns Forschung beleuchten -- von archaischen Zahlungsmitteln über Macht und Gesellschaft bis hin zu Denkfunktionen. Diese Podcasts bieten einen prägnanten Überblick über sein Werk.
Im Bereich „Basis-Texte" stehen Ihnen das Buch als Download, eine Video-Einführung sowie sieben thematische Rubriken zu Geld zur Verfügung -- entwickelt über viele Jahre im Rahmen der Sunflower-Gesprächsrunde.
Im folgenden finden Sie 21 Kurzvorträge, die Eske Bockelmann für Sie zusammengestellt hat. Sie sind die Basis, die er in seinen Forschungen erarbeitet hat.
Material
Zeit
Macht
Beziehungen
Denkform
Tausch
über Geld hinaus
Das Grundlagenbuch zu Geld, gratis Download:
Eske Bockelmann: Money - Understanding Modern Society. Mathes & Seitz Berlin 2025
Hier werfen wir einen genaueren Blick auf das, was wir für entscheidend am Thema Geld halten. Im Folgenden finden Sie ein Verzeichnis unserer Definition von „Geld“ sowie eine Video-Einführung und sieben thematische Rubriken – entstanden über viele Jahre in der Sunflower-Gesprächsrunde.
Geld:kritisch: