logo_moneymuseum

Kurse

zurück

Plurale ökonomische Bildung

Plurale ökonomische Bildung versteht Wirtschaft als Zusammenspiel verschiedener Formen des Wirtschaftens: Markt, Staat, Haushalte, Commons und Natur. Sie beginnt bei den Erfahrungen der Lernenden, verbindet unterschiedliche Perspektiven und stärkt Urteilsfähigkeit. Ziel ist es, wirtschaftliche Zusammenhänge kritisch zu verstehen und verantwortungsvoll mitzugestalten – statt nur Modelle auswendig zu lernen. von Florian Bally-Rommel

von

Die Projektskizze schlägt ein neues Lehrmittel für den Wirtschaftsunterricht vor, das die Vielfalt wirtschaftlicher Formen in den Mittelpunkt stellt. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass sich die Wirtschaftswissenschaften in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt haben. Neben der klassischen Marktwirtschaft gewinnen Themen wie Nachhaltigkeit, finanzielle Bildung, politische Urteilsfähigkeit und unterschiedliche ökonomische Denkschulen an Bedeutung. Für Schulen fehlt jedoch bislang ein Lehrmittel, das diese Entwicklungen in einer verständlichen und kohärenten Form zusammenführt.  

Im Zentrum des Projekts steht die Idee, Wirtschaft nicht nur als Marktgeschehen zu vermitteln. Märkte sind lediglich eine von mehreren Möglichkeiten, wirtschaftliches Handeln zu organisieren. Ebenso wichtig sind staatliche Koordination, gemeinschaftliche Formen des Wirtschaftens (Commons), Haushaltsproduktion oder ökologische Leistungen. Diese unterschiedlichen Formen werden nicht hierarchisch bewertet, sondern jeweils als situationsabhängige Lösungen verstanden, die Stärken und Schwächen besitzen. Ziel ist es, den Lernenden ein breiteres Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge zu vermitteln.  

Didaktisch geht das Projekt einen neuen Weg. Es beginnt nicht mit abstrakten ökonomischen Modellen, sondern mit den Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler. Fragen wie «Wie organisiere ich meinen Alltag?», «Welche Rolle spielen Geld, Beziehungen oder Eigenarbeit?» bilden den Ausgangspunkt. Erst aus diesen konkreten Erfahrungen werden wirtschaftliche Begriffe entwickelt und anschließend Modelle eingeführt. Diese dienen nicht als Dogmen, sondern als Werkzeuge, um reale Situationen besser zu verstehen.  

Methodisch basiert das Lehrmittel auf einer neu entwickelten Konzeption pluraler ökonomischer Bildung. Zentrale «reflexive Schwellenbegriffe» helfen dabei, unterschiedliche Motivationen, Organisationsformen und Rationalitäten zu unterscheiden. Gleichzeitig werden grundlegende Medien wirtschaftlichen Handelns – etwa Geld, Sprache, gesellschaftlicher Zusammenhalt oder ökologische Bedingungen – gemeinsam reflektiert. So bleiben klassische Inhalte der Volkswirtschaftslehre erhalten, werden jedoch in einen größeren Zusammenhang gestellt und mit anderen Perspektiven ergänzt.  

Die Lernprogression folgt vier Schritten: von der persönlichen Erfahrung über die begriffliche Klärung und Modellbildung bis zur Anwendung auf gesellschaftliche Fragestellungen. Ein Beispiel ist das Thema Wohnen. Lernende vergleichen Eigentum, Miete und Genossenschaften hinsichtlich finanzieller, institutioneller und sozialer Aspekte. Daraus ergeben sich weiterführende Diskussionen über Zinspolitik, Wohnungsmarktregulierung oder staatliche Wohnprogramme. Finanzielle Bildung, gesellschaftliche Fragen und ökonomische Theorie werden dadurch miteinander verbunden statt getrennt behandelt.  

Die Autoren sehen derzeit ein günstiges Zeitfenster für ein solches Lehrmittel. Der neue Schweizer Rahmenlehrplan fordert ausdrücklich eine pluralistische, lebensweltorientierte ökonomische Bildung und lässt den Schulen bei der Wahl der Lehrmittel große Freiheiten. Gleichzeitig steigt durch die Einführung des Pflichtfachs Wirtschaft und Recht der Bedarf an zeitgemäßen Unterrichtsmaterialien.  

Langfristig soll das Projekt zu einer ökonomischen Bildung beitragen, die Orientierungswissen vermittelt, die Urteilsfähigkeit stärkt und wirtschaftliches Denken als reflektierte Praxis versteht. Das Lehrmittel soll zudem international anschlussfähig sein und in Zusammenarbeit mit Hochschulen sowie Initiativen wie CORE Econ weiterentwickelt werden. Die Projektskizze sieht zunächst ein sechsmonatiges Vorprojekt zur Entwicklung der didaktischen Architektur und erster Probekapitel vor. Anschließend folgen eine zweijährige Entwicklungsphase und eine einjährige Erprobung an Schulen. Für dieses Vorprojekt wird eine Anschubfinanzierung beantragt.