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Francesco Petrarca, Trostspiegel in Glück und Unglück (De remediis utriusque fortunae), 1572

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Publiziert in Frankfurt, 1572

 

Unglück ist unsere eigene Schuld. Davon war der italienische Renaissance-Dichter Francesco Petrarca (1304-1374) überzeugt. So schonungslos offen sagt das kaum ein Autor der so angesagten Help-yourself-Literatur zum Thema „Glück“ – in fünf Minuten, ohne Anstrenungen, Mit Geld-zurück-Garantie … Derart oberflächliche und leichte Kost bietet Petrarca nicht. Aber auch er schrieb 1366 einen Glücksratgeber. Sein Alterswerk war auf Latein verfasst und trug den etwas sperrigen Namen „De remediis utriusque fortunae“, also in etwa „Über die Heilmittel gegen Glück und Unglück“.

In der Sprache der Gebildeten richtete es sich zunächst an eine intellektuelle Elite, die mit Petrarcas antiken Vorbildern bestens vertraut war. Doch dann zeigte sich: Dieser Text sprach alle Menschen an. Bis 1756 erlebte der Bestseller allein in seiner lateinischen Originalausgabe 28 Auflagen und wurde in mehr als 50 Sprachen übersetzt, darunter 13 mal ins Deutsche, wo man es bald unter griffigen Titeln wie „Glückbuch“ und „Trostspiegel“ vermarktete. Zum Erfolg der deutschen Fassung trugen auch die Illustrationen des sogenannten Petrarcameisters bei. Die kongenialen Holzschnitte belegen, dass er einer der größten Zeichner seiner Zeit war.

Doch was war das für ein Buch, das ganz Europa begeisterte und den Ruf Petrarcas als bedeutendster Dichter Italiens begründete? Ganz im antiken Stil treten Personifikationen auf, die im Dialog an konkreten Alltagsproblemen über Glück und Unglück diskutieren. Vernunft, Freude und Schmerz steigen in den intellektuellen Boxring. Dabei müssen die Leser sich auf so manchen Kinnhaken gefasst machen. Während manch einer schwere Schicksalsschläge wie Armut oder Krankheit noch mit einer gewissen Ruhe ertragen könne, lauere die eigentliche Gefahr, so Petrarca – im Glück! Wem ließe sich schon in seinem Reichtum und Erfolg nicht von seiner Freude hinwegreißen? Doch Fortuna dreht fleißig am Glücksrad und wer heute oben ist, wird morgen unter dem Rad zermalmt. Weltliche Besitztümer und Errungenschaften sollten wir daher als vergänglich ansehen und dankbar annehmen, uns aber nicht an sie klammern und sie auch nicht mit aller Kraft zu erstreben suchen. Vor diesem Hintergrund ist Petrarcas vernichtender Ausruf zu verstehen: „Die Liebe zum Geld zeugt von einem armseligen Geist.“

Der Autor konnte sich durchaus als Experte auf seinem Gebiet verstehen. Er erfuhr früh die Härte der Verbannung. Lange führte Petrarca ein Leben in finanzieller Unsicherheit, weil er das Studium der Rechtswissenschaften für seine wahre Passion, die Literatur, aufgegeben hatte. So war der junge Dichter gezwungen, immer wieder zwischen reichen Gönnern und Familien zu wechseln. Es verschlug ihn von Südfrankreich nach Rom und von Mailand nach Venedig. Petrarca sah Freunde an der Pest sterben und musste akzeptieren, dass die Liebe seines Lebens bereits einem anderen angetraut war. Sein Fazit: „Ich finde kaum etwas Zerbrechlicheres und Ruheloseres als das Menschenleben.“

Wir sind heute überzeugt, dass uns der Staat beschützt und unsere Versicherungen uns gegen ein kleines monatliches Entgelt von den meisten anderen Sorgen entheben. Die Menschen vor 650 Jahren waren sehr viel stärker auf sich selbst gestellt. Mit den „Wortmedikamenten“, wie Petrarca selbst die Anweisungen nennt, wollte er seinen Zeitgenossen helfen wie ein moderner Coach. Damals kämpften die Menschen vor allem mit äußeren Gefahren, heute arbeiten wir an unseren Verhaltensmustern und Einstellungen. Grund genug, Petrarcas Lebensweisheit auf ihren heutigen Nutzen abzuklopfen. Er hat kein bequemes Patentrezept zum Glücklichwerden, aber manch anregenden Vorschlag, wie man nicht unglücklich wird. Und das ist mehr als viele seiner modernen Mitbewerber zu bieten haben.

 

Björn Schöpe