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Michael Stettler, Schweitzer Chronic, 1631

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Erstmals publiziert 1627, 1631 mit einer Aktualisierung neu als Schweitzer Chronic aufgelegt

 

Was erwartet man von einer „Schweizer Chronik“? Doch mit ziemlicher Sicherheit eine Geschichte der Schweiz. Tatsächlich handelt es sich bei dem hier vorliegenden Buch um etwas ganz anderes. Der Autor, Michael Stettler, hatte von den Berner Burgern den Auftrag erhalten, eine Fortsetzung der Berner Geschichte zu schreiben. 1624, als der Auftrag erteilt worden war, existierte nämlich nur die Chronik des Valerius Anshelm, und der hatte ausgerechnet mit dem Jahr 1526 geendet, also zwei Jahre bevor das Berner Reformationsedikt erschien. Die reformierten Burger durften also zu Recht das Gefühl haben, dass ihre eigene Geschichte noch nicht geschrieben sei.

 

Sie wählten Michael Stettler als ihren Historiker. In unseren Augen eine merkwürdige Entscheidung. „Ohne grosse Begabung“, so beschreibt der Artikel im Historischen Lexikon der Schweiz den Mann. Das etwas ältere Lexikon „Allgemeine Deutsche Biographien“ spricht sogar von einem „phantasielosen Reimer ohne gestaltende Kraft“. Nun, Genialität wäre Stettler während seiner Karriere auch eher hinderlich gewesen. Er stammte aus einem alten patrizischen Geschlecht und verdiente sich sein Geld in der Verwaltung der Stadt Bern. Er brachte es tatsächlich zur Mitgliedschaft im Großen Rat, wurde Landvogt von Oron und Oberlehenskommissär der so genannten „welschen Lande“. Doch da hatte dieser Schreibtischtäter sein merkwürdiges Interesse für die Vergangenheit, und so schrieb er in seiner Freizeit eine zehnbändige Geschichte der Heimat. Diese Handschrift ließ er prachtvoll binden und überreichte sie dem Berner Rat.

 

Deshalb wussten die Berner Burger, dass es in ihrer Mitte einen Mann gab, der ihre Überzeugungen und Ideale teilte und sich gleichzeitig als Autor betätigte. Optimale Voraussetzungen, um eine Chronik in Auftrag zu geben, bei der man keine unliebsamen Überraschungen fürchten musste! Historiker tendieren ja bekanntermaßen dazu, Ereignisse anders zu werten, als eine strenge Obrigkeit sie gesehen haben möchte. Dies war von einem Michael Stettler nicht zu fürchten.

 

Sein Weltbild entsprach dem seiner Zeitgenossen. Und so ist sein Werk von einem tiefen Glauben an den allmächtigen Gott geprägt, der das Schicksal der seinen zum Guten wendet. Ohne Gottes Schutz (und den uneigennützigen Einsatz der frommen Berner Burger) hätte die winzige Eidgenossenschaft natürlich niemals zu der mächtigen Gemeinschaft werden können, der es gelang, sich dem im Reich tobenden Religionskrieg – wir befinden uns immerhin mitten im 30jährigen Krieg – zu entziehen. Stettler feiert die Berner Aristokratie aus ureigenster Überzeugung als die optimale Regierungsform, der nicht nur die Stadt Bern, sondern die ganze Schweiz ihr Glück verdankt.

 

Was wir heute vielleicht etwas anders sehen würden. Und das wäre eben genau nicht im Sinne von Stettlers Auftraggebern. Seine Zeitgenossen schätzten das Werk nämlich.

 

Während heutige Generationen von Historikern Stettler nur noch benutzen, weil er hervorragende Quellenarbeit betrieben hat, liebten ihn die Berner Burger genau wegen seiner uns heute merkwürdig erscheinenden Sichtweise. Selbstkritik ist ja eher eine moderne Tugend.

Ursula Kampmann