«»

Sylvius Nimrod, gründliche Anleitung zur Artillerie, 1660

 zurück

Sylvius Nimrod, Vollkommene Unterweisung, wie Raketen, Feuer-, Wasser-, Sturm-Kugeln, Granaten, Pech-Sturm-Kräntze und allerhand Lust und Ernsthaffte Feuerwercke zubereiten. Samt gründlicher Anleitung zur Artillerie

Gedruckt in Osnabrück von Tilman Bucholtz auf Kosten von Georg Schwänder 1660

 

Es ist nicht irgendein Autor, der hier sein Handbuch der Artillerie vorstellt. Sylvius Nimrod (1622-1664) war der erste Herzog von Württemberg-Oels. Diesen Rang erwarb er sich selbst. Als zweitältester Sohn eines drittältesten Sohns des Herzogs von Württemberg hatte er weder Land noch Besitz zu erwarten. So wählte er die damals aussichtsreichste Karriereoption. Er wurde Soldat und zog als 16jähriger Fähnrich in den Krieg.

 

Was er in seiner „vollkommenen Unterweisung“ beschreibt, hatte er selbst bei den Belagerungen des 30jährigen Krieges gelernt. Die Artillerie wurde bei jeder Belagerung eingesetzt. Dafür lud man die Kanonen und Bombarden nicht nur mit normalen Kugeln, sondern man testete, welchen Schaden zum Beispiel ein mit Sprengstoff geladenes Geschoß oder ein mit Pech getränkter und angezündeter Strohkranz ausrichtete. Die Folgen dieser Geschosse waren verheerend. Wenn sie über die Mauern gelangten, lösten sie Feuersbrünste aus und rissen unschuldigen Beteiligten Glieder ab, so dass manch einer verblutete. Die Städte, die das Unglück hatten, Ziel einer Belagerung zu sein, waren mit ihren veralteten Stadtmauern der damals modernsten Kriegstechnik zum Teil hilflos ausgeliefert. Deshalb wurde während und vor allem nach dem 30jährigen Krieg die Befestigung verstärkt und auf den neuesten Stand der Technik gebracht.

 

Und so gehörte es natürlich zu den Aufgaben jedes tüchtigen Bürgermeisters, sich darüber zu informieren, was an schwerem Geschoß während des Kampfes eingesetzt werden könnte. Die Bürger richteten sich ihre Zeughäuser ein, um den feindlichen Heeren selbst Paroli zu bieten. Sie hatten gelernt, dass sie sich auf ihre Fürsten nicht verlassen konnten. Deshalb ist dieses Buch nicht einem Fürsten, sondern den „achtbaren, sehr vornehmen, vorsichtigen und weisen Herren Bürgermeistern und Räten der löblichen Stadt Amberg“ gewidmet. Nach den Erfahrungen, die man im 30jährigen Krieg gemacht hatte, leistete sich das durch den Eisenerzbergbau reich gewordene Amberg nämlich eine gigantische Stadtbefestigung. Sie war eine der größten ihrer Zeit, verfügte über 100 Türmen und bestand aus zwei parallel gebauten, mehrere Kilometer langen Mauern, denen ein zusätzlicher Wassergraben vorgelagert war.

 

Nimrods Buch jagt mit seinen technischen Darstellungen selbst dem heutigen Leser noch einen Schauer über den Rücken, wovor die starke Stadtmauer damals den normalen Bürger schützte. Kein Wunder, dass die Stadtväter einen großen Teil ihres Budgets in aufwändige Befestigungen steckten. Es gab im Europa der frühen Neuzeit viel zu viele Adlige, die durch einen Krieg Land und Geld verdienen wollten.

 

Manche von ihnen kamen um. Manche überlebten und wurden reich. Sylvius Nimrod gehörte zu letzteren. Es gelang ihm kurz vor dem Westfälischen Frieden, unter die regierenden Herzöge aufzusteigen, indem er eine reiche Erbin heiratete. So wurde er selbst zum ersten Herzog von Württemberg-Oels und konnte sich einen ständigen und prächtigen Hof einrichten. Er engagierte den berühmten Barockdichter Angelus Silesius als Hofarzt und den Komponisten Matthäus Apelles von Löwenstein als Hofkapellmeister.

 

Die Menschen, die an seinen Brandbomben im 30jährigen Krieg gestorben waren, dürfte das nicht getröstet haben.

 

Ursula Kampmann