«Mehr Geld, mehr Wohlstand?»

Konrad Gessner, Thierbuch etc., 1606

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Gedruckt in Heidelberg durch Johan Lancellot, 1606

 

Ob Konrad Gessner (1516-1565) schlief, wissen wir nicht. Schaut man sich sein Lebenswerk an, kann man ihn sich nur schwer untätig vorstellen. Schließlich hatte er eine Mission: das ganze Wissen seiner Zeit sammeln und verbreiten.

 

Konrad Gessner, Sohn eines Zürcher Kürschners, wurde in eine Zeit geboren, als Natur- und Geisteswissenschaften noch nicht getrennt waren. So wechselte der junge Akademiker schnell von einem Lehrstuhl für griechische Philologie auf eine Professur für Naturwissenschaften in Zürich, wo der Universalgelehrte im Nebenberuf auch noch als Stadtarzt praktizierte. Gessners Publikationen zeugen von seinen umfangreichen Interessen.

 

Nach einem finanziell desaströsen Verzeichnis aller je auf Latein, Griechisch und Hebräisch gedruckten Bücher widmete sich Gessner unerschrocken seinem nächsten Mega-Projekt: Zwischen 1551 und 1558 erschien die „Historia animalium“ in vier Foliobänden, ein Großlexikon mit dem gesammelten Wissen über Tiere, das im 16. Jahrhundert aufzutreiben war. In Aufbau und Systematik folgt es Aristoteles und Plinius: Die vier Bücher behandeln die lebendgebärenden und eierlegenden Vierfüßer sowie die Vögel und Wassertiere.

 

Hier kam Gessners Netzwerk ins Spiel: Aus Geldgründen konnte er kaum selber verreisen und bat daher seine Kollegen um Hilfe. Neben Briefen schickten sie auch Studienobjekte wie Felle nach Zürich. Am heimischen Schreibtisch vereinte Gessner Zoologie mit Philologie. Zu seiner Zeit waren viele antike Bezeichnungen unverständlich. Gessner brachte durch akribische Recherchen antike Namen mit bekannten Tieren zusammen – und in der Regel ist ihm die moderne Zoologie darin gefolgt. So verband er das vermeintliche Fabeltier Flusspferd mit entsprechenden Darstellungen auf römischen Münzen. Das Lexikon enthält auch Geschichten zu Fabelwesen, die Gessner zwar als obskur markierte, aber dennoch abdruckte. Schließlich wollte er nicht nur die besten Gewährsleute zitieren, sondern alle! Auch in der Ausstattung hatte Gessner ganz auf der Höhe seiner Zeit alle Register gezogen: Die Texte sind durch wunderbare Stiche illustriert, darunter Dürers legendäres Rhinozeros. Diese Stiche dienten noch viele Jahrzehnte als Vorlagen für andere Buchillustrationen und trugen dazu bei, dass die „Historia animalium“ lange Zeit Maßstäbe setzte.

 

Ab 1565 erschienen deutsche Fassungen der „Historia animalium“, wie zum Beispiel diese hier, vorgelegt 1606 in Heidelberg von dem Winterthurer Arzt und Pfarrer Conrad Forer auf ausdrückliche Ermutigung Gessners. Diese „kondensierte“ Ausgabe umfasst 172 Blätter. Zum Vergleich: In der lateinischen Originalausgabe widmete Gessner alleine dem Pferd 176 Folioseiten! Das lateinische Original war dezidiert für die Gelehrtenwelt gedacht. Dagegen soll die deutsche Fassung rigoros praktischen Nutzen bieten, wie der Titel betont: „Sampt derselben Nutzbarkeit und güte/ so wol in essenspeiß und Küchen/ als in der Artzney und Apotecken ; Allen Aertzten/ Weydleuthen/ Köchen/ ja auch den künstlichen Mahlern sehr dienstlich und nohtürfftig“.

 

Das deutsche Thierbuch war für die Verleger (finanziell) sehr viel erfolgreicher als sein wissenschaftlicher Urtext. Es gab immer neue Ausgaben und Auflagen. Als Konrad Gessner 1565 an der Pest starb, hatte er noch massenweise Rohmaterial für neue Buchprojekte in der Schublade: eine Geschichte der Pflanzen, Nachträge zu den Schlangen und Insekten. Doch stets zeichnete sich Gessner aus durch sein unermüdliches Sammeln von Wissen gepaart mit strengen Bewertungen nach wissenschaftlichen Kriterien.

Björn Schöpe