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Publiziert von Diogenes, 1998

 

„Die Liebe, die in Gang hält Sonn und Sterne.“ So beschreibt den christlichen Gott einer, der ihn selbst gesehen haben will. Der Florentiner Dichter Alighieri Dante (1265-1321) musste es wissen, immerhin wurde ihm die Gunst erwiesen, als Lebender die Trinität mit eigenen Augen zu betrachten. Dies jedenfalls ist die Fiktion eines Werkes, das unbestritten zu den bedeutendsten der Weltliteratur zählt.

Rund 14 Jahre schrieb Dante an seinem Meisterwerk, dem er den Namen „Comedia“, also „Komödie“, gab. Im heutigen Sinne komisch ist das Buch nicht wirklich, der Autor fühlte sich selbst genötigt, in seiner Widmung zu erklären, wie er den Titel verstanden wissen wollte: Die Handlung beginnt schrecklich und endet gut – dazwischen liegen über 14.000 Verse. Rund 600 mythische oder historische Figuren treten auf, von Odysseus bis zu Judas, von Päpsten bis zu Fürsten; gemeinsam ist ihnen nur eines: Alle sind tot.

Auf eine ungeheuer kunstfertige und mitreißende Weise beschreibt Dante eine fiktive Vision, in der er von verschiedenen Führern – allen voran dem römischen Dichter Vergil – zunächst durch die Hölle (Inferno), dann den Läuterungsberg (Purgatorio) hinauf bis ins himmlische Paradies (Paradiso) geleitet wird. Diese Erfahrung verdankt er seiner verstorbenen Geliebten Beatrice, die ihrem Dante helfen möchte, ein weniger sündhaftes Leben zu führen.

Zu ihrem Programm gehört zunächst die abschreckende Seite, vergleichbar den Schockbildern auf modernen Zigarettenpackungen. Nicht umsonst gilt das „Inferno“, das Dante duchwandert, als der bildhafteste, mitreißendste und eindrücklichste Teil der „Komödie“. In keinem literarischen Werk werden die Schattierungen des menschlichen Fehlverhaltens so minutiös durchdekliniert, nirgends werden Sünder so detailreich bestraft wie hier: Mörder werden in einem kochenden Blutstrom gesotten, Diebe werden erst von Schlangen gepeinigt, dann selbst in schlangenartige Zwitterwesen verwandelt, Verräter galten als entarteste aller Wesen, noch unter den Tieren stehend und ohne menschliche Regung. Außer ihren Qualen ist alles um sie herum zu Eis erstarrt.

Gerade die Bewertung von Verrat war zu Dantes Zeit ein höchst aktuelles Thema. Die Bewohner von Florenz waren gespalten in Papstanhänger und Kaisertreue, ein Bürgerkrieg tobte und zerriss Familien und Sippen. Wer nun fürchtet, nur ein Mediävist könne Dantes „Komödie“ genießen, der irrt gewaltig. Letzten Endes kreisen alle Themen um das rechte Verhalten des Menschen. Wie führen wir ein anständiges, am besten gar ein gottgefälliges Leben? Hinter den fantasievollen Szenen von Qual und Bestrafung stehen allgemeingültige Anklagen: gegen Mord und Verrat, gegen Hinterlist und Diebstahl, gegen Geiz und Wollust, Wucher und Jähzorn. Wenn Dante seine adligen Standesgenossen, die Geld gegen Wucherzins verliehen, bloßstellt, nennt er keine Namen. Nein, er ist viel deutlicher: Er beschreibt unmissverständlich das Familienwappen auf ihrem Geldtäschchen!

Der Text ist so facettenreich, dass man stets Neues entdecken kann: die Zahlensymbolik, theologische Konzepte, die historischen Exkurse, die Umdeutungen der antiken Mythen … Dabei war Dantes eigentliches Ziel, über die wörtliche Bedeutung hinaus allgemeine moralische und erhebende Hinweise für das Leben zu geben. Selten ist dies auf so kunstvollem Niveau geschehen. Immerhin erschuf Dante mit seinem Werk überhaupt erst die italienische Schriftsprache. Es war sein zeitgenössischer Dichterkollege Giovanni Boccaccio, der den Titel der „Komödie“ um das „Göttliche“ erweiterte. Er erkannte: Ein Werk wie dieses würde nie wieder erschaffen werden.

 

Björn Schöpe