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Charles Dickens, Weihnachtslied

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1978

 

 „Das Christmas Carol ist eine Wohltat für das ganze Land und für jeden, der es liest, ein persönliches Geschenk. GOTT SEGNE IHN!“ Diese Worte der Begeisterung sprach William M. Thackeray im Februar 1844. Sie galten einem anderen Schriftsteller: Charles Dickens. Zwei Monate zuvor, pünktlich zum Fest, hatte Dickens seine Traumnovelle veröffentlicht. Bereits am Tag des Erscheinens wurde die komplette Erstauflage von 6000 Exemplaren verkauft. Alle sprachen nur noch vom „Weihnachtslied“.

 

In dessen Zentrum steht der alte Ebenezer Scrooge. Ein unsympathischer Mann: Gierig, geizig, Geld zusammenscharrend und hortend. Der Geschäftsmann und Geldverleiher beschäftigt nach dem Tod seines Teilhabers Jacob Marley einen Angestellten, der unter erbärmlichen Bedingungen im Kontor arbeiten muss. Dort ist es genau so kalt wie in Scrooges Seele. Lange zuvor hatte er entschieden, in seinem Leben Wärme und Liebe gegen das Geld einzutauschen. Das sehen alle, bis auf Scrooge selber.

 

Und so bekommt der Geizhals Besuch. Ihm erscheint der Geist Marleys, schwer behangen mit einer Kette. An dieser Kette hängt alles, was auch Scrooges Existenz bestimmt: Geldkassetten, Portemonnaies, Rechnungsbücher und vieles mehr. Als Scrooge ihn erstaunt darauf anspricht, sagt der Geist einen Satz, der die Botschaft der ganzen Erzählung zusammenfasst: „Ich trage die Kette, die ich in meinem Leben geschmiedet habe.“

 

Es ist diese Kette, die auch Scrooge bindet. Unsichtbar, selbstgewählt. Das zeigen ihm drei weitere Erscheinungen auf. Der Geist der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht konfrontieren Scrooge mit heiteren Szenen vergangener Feste, bedrängender Einsamkeit und einem einsamen Tod. Der droht ihm, der er sein Herz verschlossen hat vor der Heiterkeit und den Menschen. Deren Armut rührt ihn nicht. Da ist es kein Wunder, dass ihm niemand nachtrauert, nur die Leichenfledderer noch sein letztes Hemd für den Profit verscherbeln.

 

Mit dem Weihnachtslied prangert Dickens die Zustände seiner Zeit an, im England des viktorianischen Zeitalters. Ausbeutung der Arbeiter in Fabriken und Kohlengruben war gang und gäbe. Für ein Gehalt, das kaum das Überleben sicherte. Was es bedeutete, am Existenzminimum zu leben, wusste der 1812 in Portsmouth geborene Charles John Huffam Dickens aus eigener leidvoller Erfahrung.

Als zweites von acht Kindern musste er miterleben, wie Gläubiger seinen Vater 1824 ins Schuldgefängnis von London zwangen. Mit seinen Geschwistern zog seine Mutter ebenfalls ins Gefängnis. Der gerade einmal 12 Jahre alte Charles musste für die Familie das Geld verdienen. Zwölf Stunden täglich schuftete er in einer Lagerhalle.

 

Auch als er sich später bis zum Parlamentsstenografen hochgearbeitet hatte, wirkten diese frühen Erlebnisse in ihm nach. Verarbeitet hat er sie als Schriftsteller. Sein zeitloses Weihnachtslied lässt er versöhnlich enden. Erschüttert ändert Ebenezer Scrooge sein Leben und öffnet sein Herz. Geläutert hat er grade noch rechtzeitig erkannt, was einen Menschen im Leben wirklich glücklich macht.

 

Annika Backe