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Friedrich Dürrenmatt, Der Besuch der alten Dame

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Publiziert von Diogenes, 1998

 

Als die Milliardärin Claire Zachanassian nach jahrelanger Abwesenheit in ihrer früheren Heimat, der Kleinstadt Güllen, ankommt, ändert sich alles mit einem Schlag. Sie bietet den Bürgern Güllens an, ihnen aus ihrer finanziellen Not zu helfen, aber nur, wenn sie im Gegenzug ihren Mitbürger Alfred Ill töten. Dieser hatte in seiner Jugend verleugnet, der Vater von Claires Kind zu sein und hatte auf diese Weise ihr Leben ruiniert. Von allen geächtet musste sie Güllen verlassen und wurde zur Prostituierten. Nach der Heirat mit einem Ölquellenbesitzer und weiteren acht Ehen konnte sie jedoch genug Reichtum anhäufen und nach und nach genug Grundstücke in Güllen kaufen, um die Stadt schließlich erpressen zu können. Nun fordert sie Gerechtigkeit. Die Bürger stehen vor einer schweren Entscheidung. Und obgleich sie Claires Angebot zunächst als moralisch verwerflich abtun, beginnen sie trotzdem einen komplett neuen Lebenswandel in Erwartung des baldigen Reichtums.

 

Die Tragikkomödie„Der Besuch der alten Dame“ ist eins der bekanntesten Werke Friedrich Dürrenmatts und wurde nach seiner Uraufführung in Zürich im Jahr 1956 unzählige Male inszeniert. Es wurde weltweit erfolgreich und bietet seit über 60 Jahren erfahrenen, älteren Schauspielerinnen eine einzigartige Frauenrolle. Mit Claire Zachanassian schuf Dürrenmatt (1921-1990) eine Figur, die sowohl auf antike Rachemotive zurückgreift als auch groteske, abstruse Elemente beinhaltet. So reist die moderne Medea-Figur Claire stets mit ihren Exmännern XII-IX, einem Butler, zwei ehemaligen Gefängnisinsassen als Diener, zwei lispelnden, blinden Eunuchen und einem schwarzen Panther. Ihr gesamter Körper besteht aus Prothesen und auch sonst ist Claire Zachanassian eine gänzlich unheimliche Figur.

 

Dazu schafft Dürrenmatt in diesem Drama eine Situation, die das Moralverständnis des Lesers herausfordert. Denn auch wenn Claire völlig verrückt scheint, so wurde ihr doch Unrecht getan. Wie aber soll sich die Kleinstadt entscheiden, die ja durch Claires finanzielle Erpressung selbst vor dem Ruin steht? Ist es unter solchen Umständen vertretbar, einen Menschen zu opfern, der zwar Schuld auf sich geladen hat, dies aber seit 45 Jahren bereut?

 

Dürrenmatt verarbeitet mit dieser Parabel gleich zwei gesellschaftliche Defizite. Zum einen beschäftigt er sich mit Geldgier und den Gefahren materialistischen Denkens. Es ist scharfe Kapitalismuskritik anhand einer komisch-tragischen Handlung. Zum anderen spricht er jedoch auch das jahrhundertealte philosophische Problem der Opferung eines einzelnen Menschen für das Wohl der Masse an. Beide thematische Aspekte haben in den letzten Jahrzehnten noch mehr an Bedeutung gewonnen, was beispielsweise die große Resonanz von Ferdinand von Schirachs Erfolgsstück „Terror“(2015) in neuester Vergangenheit belegt.

 

„Der Besuch der alten Dame“ zwar an vieler Stelle auch eine Komödie, doch er ist gleichermaßen tragisch und schrecklich und zwingt den Leser schonungsloszu einer Entscheidung über Recht und Unrecht. In einer Welt, in der der Kapitalismus letztendlich gesiegt hat und einige wenige Reiche das Leben von tausenden anderen bestimmen, müssen Fragestellungen dieser Art wieder Gehör finden. Denn am Ende muss jeder für sich selbst beschließen, in wie weit Geld unser moralisches Handeln beeinflussen darf. 

 

Christina Schlögl