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Gustave Flaubert, Madame Bovary

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1952

 

Am 5. Mai 1848 vergiftete sich in der kleinen normannischen Stadt Ry die Gattin eines Arztes namens Veronique Delphine Delamare. Ihr Schicksal wurde zum Thema eines der wichtigsten Romane der Neuzeit. Gustave Flaubert machte aus Madame Delamare Madame Bovary.

 

Sein 1851 publizierter Roman war von einem bis dahin nicht gekannten Realismus. Flaubert macht sich mit keiner seiner Figuren gemein. Er wird zum gottgleichen Erzähler, der über der Handlung steht, nicht verurteilt, nicht erklärt, sondern allein beobachtet. Seine Helden sind keine herausragenden Wesen, die sich durch ihren Heroismus auszeichnen, sondern Menschen wie du und ich mit ihren Stärken und Schwächen.

 

Scheinbar mitleidlos schildert Flaubert die Tragödie der Familie Bovary: des mediokren, aber zufriedenen Arztes Charles, seiner flatterhaften Gattin Emma und ihrer gemeinsamen Tochter Berthe. Sie alle scheitern an den exaltierten Erwartungen, die Emma Bovary an ihr Leben stellt. Die junge Emma glaubt, zu Höherem geboren zu sein. Das Leben, nach dem sie sich sehnt, kann ihr ein Landarzt wie Charles nicht bieten. So sucht sie ihr Glück bei Liebhabern, denen sie mit ihrem exaltierten Wesen bald lästig wird. Emma versucht, ihre seelische Leere mit immer exotischeren Luxusgütern zu füllen. Sie gerät in einen geradezu zwanghaften Kaufrausch, dessen Kosten sie nicht bestreiten kann. Immer tiefer rutscht sie in die Schuldenfalle. Und als sie sich nicht mehr zu helfen weiß, bringt sie sich um.

Charles muss sich nach ihrem Tod der Tatsache stellen, dass ihn das geliebte Wesen nicht nur ruiniert, sondern auch betrogen hat. Zutiefst verletzt stirbt er und hinterlässt die gemeinsame Tochter Berthe völlig mittellos.

 

Und diese Handlung ist von geradezu erschreckender Aktualität. Madame Bovary wird zu einer Protagonistin unserer modernen Gesellschaft, in der eine aggressive Medienwelt auch dem durchschnittlichsten Menschen noch vorspiegelt, alles sei möglich. Man müsse nur noch dieses eine Produkt kaufen, um sich selbst als Teil der Reichen und Schönen zu fühlen. Als wäre nur das Haben von Bedeutung, nicht das eigene Sein.

Heutzutage allerdings würde Madame Bovary nicht in den Tod, sondern zur Schuldenberatung gehen. Zu alltäglich ist das Schicksal derer geworden, die nicht von sich selbst, sondern vom Konsum die Lösung ihrer Probleme erhoffen.

 

Flauberts Roman galt bei seiner Veröffentlichung als skandalös. Sein Realismus überforderte die zeitgenössischen Leser. Der Autor musste sich vor einem Gericht dafür verantworten, dass er mit Madame Bovary den Ehebruch verherrlicht habe. Doch gerade wegen seines unparteiischen Stils gelang es Flauberts Anwalt einen Freispruch zu erwirken. Dies war die beste Werbung für ein Buch, das zu einem Bestseller des 19. Jahrhunderts wurde.

 

Heute begreifen wir nicht mehr, warum der Roman seinerzeit so ein Skandal war. Und wir übersehen dabei gleichzeitig das eigentliche Skandalon: Die Tatsache, dass ein unausgefüllter Mensch wie Emma Bovary eine Familie mit ihrem Egoismus ruinierte. Sie hätte sich stattdessen eine Aufgabe suchen sollen.

 

Ursula Kampmann