«»

Max Frisch, Stiller

 zurück

Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 2003

 

Es scheint zunächst, als würde eine Verwechslung vorliegen als der Reisende, der sich als Mr. White ausgibt, als der Züricher Bildhauer Anatol Ludwig Stiller erkannt und sofort verhaftet wird. Vehement wehrt er sich in den nächsten Wochen gegen die Anschuldigungen. "Ich bin nicht Stiller!", so beteuert er der Polizei, dem Staatsanwalt, seinem Verteidiger, seinem Wärter Knobel und der Frau des verschollenen Stiller, der ehemaligen Balletttänzerin Julika. Diese jedoch erkennt in ihm ihren seit 6 Jahren verschwundenen Mann und konfrontiert ihn mit ihrer gemeinsamen Vergangenheit. Als Julika an Tuberkulose erkrankt war, habe er sie nicht nur mit der Frau des Staatsanwalts, Sibylle betrogen, sondern sie krank und allein in einem Sanatorium zurückgelassen. Doch der vermeintliche Stiller bleibt dabei, dass dies nicht sein Leben gewesen sei. Stattdessen erzählt er seinem Wärter Knobel von seinen Morden im Dschungel, in Mexico oder Texas und verstrickt sich in immer neuen Geschichten.

 

„Stiller“ ist der erste der drei berühmten Identitätsromane von Max Frisch (1911-1991). Mit „Stiller“, der 1954 noch vor „Homo Faber“ und „Mein Name sei Gantenbein“ erschien, erlangte Frisch seinen Durchbruch und konnte fortan allein von seiner Schriftstellerei leben. Der Roman ist seitdem weltweit rezipiert worden. Er wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen und war der erste Roman bei Suhrkamp mit Millionenauflage.

 

Bezeichnend an dem Roman ist die Intensität, mit der der Protagonist in seinen Tagebüchern seine Identität verleugnet. In diesen Heften, die er im Gefängnis voll schreiben soll, spricht er nie von sich als Stiller, sondern erzählt in Er-Form, was seine Besucher ihm über diesen berichten. Frisch zeigt hier durch eine einzigartige Erzählstruktur, wie der Protagonist sich selbst übertrieben verleugnet und dadurch sein wahres Selbst offenbart. Obgleich immer deutlicher wird, dass er selbst Stiller sein muss, weigert er sich trotzdem, dies anzuerkennen, da er mit dessen Vergangenheit nicht leben kann.

 

Vor allem im Gespräch mit Julika wird so der spannende Konflikt des Romans deutlich: Ist es möglich, einen Menschen nicht durch seine früheren Taten zu definieren, sondern stattdessen immer offen zu bleiben und sich - von Erinnerungen frei - auf dessen verändertes Selbst einlassen? Obwohl Julika dies während ihrer Ehe von ihm gefordert hatte, scheint sie selbst nicht in der Lage zu sein, einen neuen Menschen in Stiller zu sehen.

 

Doch auch die Identitätskrise von Stiller selbst ist vor allem in unserer Zeit hochgradig interessant. Je mehr die Gesellschaft darauf drängt, dass sich jeder als fehlerfrei darstellt und ständig nach Selbstoptimierung drängt, desto schwieriger wird es, die mit der eigenen Fehlbarkeit umzugehen. Gescheiterte Beziehungen, dunkle Kapitel im Lebenslauf oder falsche Entscheidungen wirken im Vergleich mit anderen zunehmend untragbarer. Folglich ist Stiller kein erdachter Einzelfall, sondern vielmehr eine Projektionsfigur, in der die Schwierigkeit von Selbstakzeptanz aufgearbeitet wird.

 

Verknüpft mit den spannenden Geschichten Mr. Whites, die der Gefangene jedem erzählt, wird der Roman so zu einem komplexen Geflecht aus Wahrheit und Unwahrheit, der nicht umsonst jahrelang im Schulkanon war und einer der Lieblingsromane einer ganzen Generation geworden ist. 

 

Christina Schlögl