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Jonathan Swift, Gullivers Reisen in verschiedene ferne Länder der Welt

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1955

 

Immer wieder verschlägt es den englischen Arzt Lemuel Gulliver zur See und immer wieder gerät er durch ein Unglück in ein fremdes Land. Sein erster Schiffbruch bringt ihn nach Liliput, das Land der Zwerge. Ein zweites Seeunglück verschlägt ihn nach Brobdingnag zu den Riesen. Beide Male wird Gulliver von den Bewohnern als Kuriosität behandelt und beide Male beschreibt er sowohl die Strukturen und Verhältnisse des fremden Landes als auch -auf Anfrage der Riesen und Zwerge - die politische Lage seiner eigenen Heimat. Nach einiger Zeit gerät er jedoch stets in Schwierigkeiten und findet auf eine oder andere Weise seinen Weg zurück nach England. Seine dritte Reise bringt ihn zu den Inseln Laputa, Balnibarbi, Luggnagg, Glubbdubdrib und ganz zuletzt Japan. Auf einer finalen großen Fahrt endet Gulliver schließlich im Lande der Houyhnhnms, in dem pferdeartige Wesen namens Houyhnhnms Autorität besitzen und menschenähnliche Wesen namens Yahoos als Nutztiere verwendet werden. Im Gegensatz zu den Menschen leben die Houyhnhnms ohne Krieg, Krankheit oder Bösem. All diese Reisen bringen schließlich Gulliver dazu, seine europäische Heimat mit anderen Augen zu sehen…

Obwohl das 1726 veröffentlichte „Gullivers Reisen“ (ganzer Titel: „Gullivers Reisen. Reisen zu etlichen fernen Völkern der Welt in vier Teilen von Lemuel Gulliver – vormals Schiffsarzt, alsdann Kapitän auf mehreren Schiffen“) vor allem in seiner gekürzten Version als abenteuerliches Kinderbuch und -hörspiel bekannt wurde, ist das Werk eigentlich im Kern eine beißende Satire gegen die englische Unterdrückung Irlands, sowie eine pessimistische Schrift über menschliches Zusammenleben an sich.

Jonathan Swift (1667-1745) wurde in Irland geboren und lebte sowohl in England als auch Irland. Er war ein sehr gebildeter Mann, der bereits früh begann, die englische Krone für ihre Ausbeutung Irlands zu kritisieren. In einer seiner bekanntesten satirischen Schriften, „A Modest Proposal“ von 1729, schlägt er beispielsweise vor, alle Probleme Irlands ließen sich dadurch lösen, irische Babys als Nahrungsmittel nach England zu exportieren.

Der Roman „Gullivers Reisen“ stellt in zahlreichen Facetten dar, wie Europa sich Anfang des 18. Jahrhunderts, zu Beginn der Aufklärung, selbst zugrunde richtet. Dabei haben die einzelnen Inseln und Länder teils eindeutige Entsprechungen in der realen Welt und das absurde Handeln des Königs von Liliput oder Brobdingnag spiegelt das Handeln der Zeitgenossen Swifts wieder. Doch auch auf allgemeiner Ebene führen Gullivers Reisen wiederkehrende Muster aus Politik und Geschichte vor, die dem Leser nach wie vor zu denken geben sollten. So zeigt vor allem Gullivers Zeit bei den Houyhnhnms, wie sehr im Gegenzug die Welt der Menschen von Gier, Missgunst und Unfähigkeit bestimmt wird.

So schön es also als Kind war, die Abenteuer des Seefahrers Gulliver zu lesen, so wertvoll ist es, sich im Jugend- oder Erwachsenenalter mit der Originalausgabe zu beschäftigen. Mit der Struktur einer Utopie entwirft Swift 100 Jahre nach Campanella und Bacon eine Vielzahl von Welten, die es sich zu erkunden lohnt. Denn egal wie absurd all diese Welten auch sein mögen – am Ende führen sie zu einer kritischen Reflexion über die eigenen Defizite. Und genau dieses Reflektieren muss auch im 21. Jahrhundert, in unserer eigenen „Gesellschaft der Yahoos“ wieder mehr geschehen.

 

Christina Schlögl