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Jacobus de Voragine, Legenda aurea / Heiligenlegenden

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1982

 

Um 1260 verfasste Jakob von Voragine, Dominikaner und Bischof von Genua, seine Legenda aurea, eine Sammlung von Heiligengeschichten, die zum Bestseller des Mittelalters werden sollte. Mehr als 1.000 Handschriften sind von ihr erhalten! Und als die Druckerpresse erfunden war, entstanden zwischen 1450 und 1500 Drucke in allen wichtigen Sprachen Europas. Die englische Ausgabe, um nur ein Beispiel zu nennen, wurde in knapp 40 Jahren neunmal neu aufgelegt. Ja, es gibt aus dieser Zeit mehr Drucke von der Legenda aurea als von der Bibel!

 

Die Legenda aurea war also das große Volksbuch der Christenheit. Ihr Inhalt prägte den Glauben der Menschen. Was in der Legenda aurea zu lesen stand, war sozusagen die kanonische Version einer Heiligenvita. Wer in der Legenda aurea genannt wurde, erfuhr besondere Verehrung.

 

Für den modernen Leser sind die Texte zunächst allerdings schwer verdaulich. Wer interessiert sich heute noch für Wunder und Martyrien? Man mag gelegentlich darüber schmunzeln, nach welchen absurden Foltern der Heilige immer noch lebt und Widerstand leistet. Aber ist ein Schmunzeln Grund genug, um seine Zeit an die Lektüre zu verschwenden?

 

Wer Gewinn aus der Lektüre der Legenda aurea ziehen will, muss tiefer eintauchen. Er muss über die bloße Handlung hinaus die Geisteshaltung erspüren, die hinter den Legenden steht. Dann entfaltet sich ein völlig anderes Weltbild, das geradezu einen Gegenentwurf zum Kapitalismus der Gegenwart bietet.

 

Mit der Legenda aurea fassen wir eine Gesellschaft, in der das Diesseits als irdisches Jammertal erscheint, das der gläubige Christ freudigen Herzens für ein glorreiches Jenseits eintauscht. Sie offeriert eine schriftliche Anleitung zu all den Altären, Fresken und Glasmalereien, die wir in unseren gotischen Kathedralen immer wieder als bloße Kunstwerke missdeuten. Wer eine katholische Kirche verstehen will, der kommt an Jakob von Voragine nicht vorbei.

 

Und man sollte an noch etwas anderes denken. Nämlich dass die Legenden des Jakob pures Kapital waren. Wer sich brüsten konnte, die Reliquie eines von Jakob verherrlichten Märtyrers zu besitzen, der lockte damit Pilger aus ganz Europa in seine Kirche. Und Pilger waren immer schon ein gutes Geschäft. Sie zahlten für Unterkunft und Verpflegung und ließen sogar noch mildtätige Spenden zurück. Kirchen und Hospitäler wurden an solchen Orten gebaut. Wichtige Handelsplätze entstanden. Kein Wunder, dass das Wort „Messe“ sowohl die Warenmesse als auch den Gottesdienst bezeichnet.

 

Die große Zeit der Legenda aurea war vorbei, als die Humanisten die antiken Geschichten wiederentdeckten. Ein Erasmus von Rotterdam konnte nicht anders, als sich über ihre unrealistischen Erzählungen lustig zu machen. Für ihn war das Volksverdummung. Und viele sind ihm in dieser Deutung gefolgt.

 

Und doch, der Traum von einem Leben, in dem unser Erfolg, unser Scheitern im Hier und Jetzt keine Rolle spielt, sondern nach einem anderen Maßstab gemessen wird. Ist nicht allein das schon eine wunderbare Vorstellung?

 

Ursula Kampmann