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Giovanni Boccaccio, Der Decamerone

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Manesse Bibliothek der Weltliteratur, erschienen 1957

 

Giovanni Boccaccios schreibt sein „Decamerone“ im trecento, mit dem man das 14. Jahrhundert in Italien kulturgeschichtlich bezeichnet. Diese Blütezeit der Kunst, Musik und Literatur bildet den Übergang zwischen Spätmittelalter und Renaissance. Das Werk in 10 Stichworten.

 

1      Liebeskummer: Im Vorwort heißt es, die folgenden Geschichten seien gesammelt, um jenen unglückseligen Menschen Trost zu spenden, die sie sich vor Liebeskummer allzu sehr grämten. Geschichten seien nach wie vor die beste Ablenkung.

 

2      Frauenbild: Als Frau des 21. Jh. kann man gewiss mit Boccaccio über sein Frauenbild streiten. Belässt man es jedoch im Rahmen seiner eigenen Zeit, kann es unheimlich vergnüglich sein. Kleine Kostprobe: „Bedenkt, […] wie übel Frauen alleine beraten sind und wie schlecht wir uns ohne die Fürsorge eines Mannes anzustellen wissen. Wir sind unbeständig, eigensinnig, argwöhnisch, kleinmütig und furchtsam.“

 

3      Zahlen: „Decamerone“ heißt wörtlich „Zehn-Tage-Werk“. Text-immanent bedeutet es, dass 10 fiktive Personen an 10 Tagen je 10 Geschichten erzählen, wonach die Sammlung insgesamt 100 solcher Novellen enthält. Im Kontext der Zeit verweist die Zahl 100 u.a. auf die 100 cantos oder Gesänge in Dantes „Göttlicher Komödie“.

 

4      Erzählsituation: Eingebettet sind die 100 Geschichten in eine Rahmenerzählung. Als in Florenz die Pest wütet, beschließt eine Gruppe junger, adliger Florentiner aufs Land zu fliehen und sich dort die Zeit zu vertreiben, indem sie sich gegenseitig Geschichten erzählen.

 

5      Novelline: Jede der einzelnen Erzählungen ist nummeriert, gefolgt von einer knappen Synopse und der eigentlichen Geschichte. Die „Fünfte Geschichte“ wird uns beispielsweise wie folgt angekündigt: „Die Markgräfin von Montferrat weist die törichte Liebe des Königs von Frankreich durch ein Hühnergericht und ein paar hübsche Worte zurück.“

 

6      Erotik: Viele der Geschichtchen haben eindeutig unzüchtigen oder erotischen Charakter, aus dem die Novellensammlung häufig ihren Unterhaltungswert zieht. Man sollte das einflussreiche Werk jedoch nicht auf den Status leichter Unterhaltungsliteratur reduzieren.

 

7      Moral: Denn ein zentrales Thema des „Decamerone“ ist die Frage nach dem richtigen und guten Leben, nach gesellschaftlicher Ordnung und Moral. Dabei bricht Boccaccio immer wieder mit der absoluten Vorstellung von Gut und Böse der Kirche, die das Mittelalter dominiert.

 

8      Pest: Boccaccio braucht den Ausnahmezustand der Pest in seiner Rahmenerzählung, um Moral außerhalb der bekannten Konventionen zu denken. Er fragt: Was passiert wenn wir unsere bekannten Moralvorstellungen aussetzen? Mit und durch die Geschichten erarbeiten sich die Florentiner dann selbst einen neuen moralischen und gesellschaftlichen Rahmen für ihr Dasein und stellen der gottgegebenen, absoluten Moral eine vom Menschen selbst dialogisch entwickelte gegenüber.

 

9      Frühhumanismus: Damit markiert der Decamerone den Übergang von Mittelalter zu früher Neuzeit, von einer kirchlich geprägten Weltvorstellung zum Humanismus. Das Jenseits ist nicht mehr die absolute Messlatte, an der sich das menschliche Handeln im Diesseits orientiert. Das irdische Leben hat seine eigenen, wenn auch zeitlich begrenzten, Dimensionen und verlangt, dass man das Handeln im menschlichen Alltag von Fall zu Fall anpasst.

 

10   Wirkungsgeschichte: Boccaccios Decamerone ist eine wichtige Vorlage für die moderne Novellenerzählung. Eine englische Variation finden wir in Geoffrey Chaucers „Canterbury Tales“ und auch Goethes „Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten“ gehen auf das italienische Format zurück.

 

 

Teresa Teklić