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Samuel Butler, Erewhon

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1961

 

Erewhon existiert nicht - das verrät allein schon der Name. 'Erewhon' ist nichts als ein Anagramm aus dem englischen Wort 'nowhere', also 'nirgendwo'. Das Wortspiel ist ein Hinweis auf die Utopie als Form und Genre, denn 'Utopia' bedeutet auf altgriechisch 'Nicht-Ort'. Dieser Gedanke des Nicht-Ortes steht im Zentrum von Samuel Butlers "Erewhon".

 

Das Werk handelt von einem jungen Schäfer namens Higgs der von seiner Reise nach Erewhon erzählt. Bei seiner Ankunft wird er erst einmal gefangen genommen. Wie sich später herausstellt, waren die Bewohner Erewhons irritiert von seiner Uhr, denn in Erewhon ist jegliche Art von Technik und Maschinen verboten. Doch Higgs wundert sich noch über andere Dinge. Erewhon erscheint ihm als verkehrte Welt. So ist es dort strafbar, krank zu sein, jedoch Sittenverstöße wie Wutausbrüche werden als Krankheit gesehen. Banken und Geldgeschäfte haben in den Status von Religion, und alle Kinder müssen in der Schule eine 'hypothetische Sprache' lernen, die schon lange niemand mehr spricht, die aber trotzdem als wichtig angesehen wird.

 

Man wird als Leser schnell merken, dass sich all diese Regeln direkten Bezug zu unserer, bzw. zu Samuel Butlers Gesellschaft haben. Bei der 'hypothetischen Sprache' beispielsweise, die zwar für die Wissenschaft angeblich essentiell ist, aber keinen Nutzen im täglichen Leben hat, wird wohl jeder schmunzeln müssen, der in seiner Schulzeit Latein lernen musste. Diese Art von Parallelen zieht sich durch den gesamten Roman.

 

"Erewhon" (1872) ist deshalb weder eine traditionelle Utopie noch eine Anti-Utopie, sondern irgendwo dazwischen. Es ist kein Entwurf für eine ideale Welt und ebenso wenig eine Schreckens-Gesellschaft à la "1984". Stattdessen kann er am ehesten als Satire gelten - eine Satireschrift in Utopie-Form, als Kritik am viktorianischen England.

Dass Sittenverstöße in Erewhon als Krankheit gelten, demonstriert auf humoristische Weise Butlers Haltung gegenüber der steifen Gesellschaft, in der er lebte. Nicht umsonst ist Butler bekannt für den Spruch "Alle Lebewesen außer den Menschen wissen, dass der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen." Diese Anschauung spiegelt sich in "Erewhon".

 

Doch nicht alles ist leicht und humoristisch zu verstehen. Butler bedauerte beispielweise, dass das Verbot von Maschinen in Erewhon als Witz aufgefasst wurde, angeblich als eine Verballhornung von Charles Darwins Evolutionstheorie. Butler richtete sich nicht gegen Darwin. Vielmehr drückte er in seinem Roman seine aufrichtige Sorge aus, dass Maschinen irgendwann nach weiterer Entwicklung ein eigenes Bewusstsein entwickeln könnten.

Man kann Butler diese Sorge sicher nicht verdenken. Sein Skeptizismus gegenüber den Maschinen ist bis heute vorhanden, wenn er nicht gar stärker ist, denn jemals zuvor.

 

Deshalb ist es umso spannender, "Erewhon" heute in die Hand zu nehmen. Durch den Nicht-Ort Erewhon wird zum einen deutlich, wie willkürlich und borniert Butler seine eigene Gesellschaft gesehen hat. Noch viel interessanter ist jedoch die Erkenntnis, dass unsere Welt sich eigentlich zu einem noch absurderen Ort gewandelt hat. Butler kannte keine Roboter und kein Internet. Er konnte nicht wissen, dass wir unseren Kindern die 'hypothetische Sprache' noch im 21. Jahrhundert beibringen würden und doch spiegeln sich so viele Aspekte unserer Welt in "Erewhon". Auf diese Weise erscheint uns unsere eigene Welt plötzlich als Utopie. Oder als Anti-Utopie? Auf jeden Fall als ein sehr unwahrscheinlicher, unvernünftiger Ort. 

 

Christina Schlögl