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George Eliot, Middlemarch

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Manesse Bibliothek der Weltliteratur, erschienen 1962

 

Wie es im viktorianischen Zeitalter üblich ist, wird „Middlemarch“ in Serie veröffentlicht, d.h. nicht als ein Buch, sondern in 8 Bänden zwischen Dezember 1871 und Dezember 1872. Der Roman ist ein sofortiger Erfolg. Bereits im Mai 1874 gibt es eine einbändige, von der Autorin überarbeitete Neuauflage, von der bis Ende desselben Jahres 10 000 Stück verkauft werden, eine für die Zeit beachtliche Auflage. Falls Sie jetzt über die Autorin gestolpert sind: Ja, Sie haben richtig gelesen, hinter  George Eliot versteckt sich die 1819 geborene Mary Ann Evans. Namentlich inspiriert wird sie von George Lewes, mit dem sie in wilder Ehe lebt, da er bereits verheiratet und eine Scheidung nicht möglich ist. Um ihr Privatleben zu schützen und gleichzeitig sicherzugehen, dass ihre literarischen Werke beurteilt werden und nicht die Tatsache ihrer Geschlechtszugehörigkeit, nimmt sie einen männlichen Künstlernamen an.

 

„Middlemarch“ trägt den bezeichnenden Untertitel „A Study of Provincial Life“, zu Deutsch „Eine Studie des Provinzlebens“. Bei Middlemarch handelt es sich um eine fiktive Stadt, inspiriert von den tatsächlich existierenden englischen Midlands, einer wichtigen Region in der Industrialisierung des 18. und 19. Jahrhunderts. Den multiplen Erzählsträngen wird durch den Untertitel thematische und geographische Einheit verliehen: die Provinz im geographischen und das Provinzielle im kulturellen Sinne. Die sozial-psychologische Studie zeichnet Entwicklungen in der englischen Gesellschaft der Frühindustrialisierung nach, beobachtet wie Lebensweg und Charakter von Individuen durch politische und ökonomische Rahmenbedingungen geprägt werden, wie Menschen und ihre Werte beeinflusst sind von der Dorfgemeinschaft, dem Staatswesen, der Zeit in der sie leben.

 

Eliots Stärke ist, wie Henry James lobte, ihre genaue psychologische Analyse, ihre moralische Ernsthaftigkeit und ihr bewundernswerter Intellekt. Die streng religiös erzogene Mary Ann entfremdet sich durch die Entscheidung mit einem verheirateten Mann zusammen zu leben von ihrer Familie und beginnt christlich geprägte Wertevorstellungen zu überdenken. Der Konflikt zwischen strenger Moral und weltlichen Versuchungen spielt sich auch in konzentrierter Form in „Middlemarch“ ab, vor allem in der Protagonistin Dorothea Brooke, einer jungen, hübschen Frau, der intellektuelle Neugier  ebenso ein Antrieb ist wie ihr überzeugter Glaube. Die Autorin vermag es meisterhaft große Themen mit kleinen Dingen zu verknüpfen. So ergeben sich aus der Entdeckung einiger vermeintlich unbedeutender Schmuckstücke im Haushalt der Brookes, ein paar Halsketten, Ringen und Broschen, tiefgreifende Überlegungen zu innerer und äußerer Schönheit, geistlicher oder weltlicher Erfüllung.

 

„Middlemarch“ bildet die Höhe von Eliots Schaffen, den Roman, indem sie ihre Beobachtungsgabe und ihre schriftstellerische Handwerkskunst vollendet zur Geltung bringt. Er wurde sogar kürzlich zum besten englischsprachigen Roman aller Zeiten gewählt, und zwar nicht von britischen Kritikern, sondern von 81 Literaturkritikern aus der ganzen Welt. Auch wenn derartige Listen immer einer gewissen Willkür unterliegen und sicher keine absoluten Wahrheiten enthalten, kann man doch vermuten, dass so viele Literaturkritiker nicht ganz falsch liegen können. Der deutsche Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer soll wohl schon vor Jahren bemerkt haben, der letzte Satz des Romans sei einer der besten der Literaturgeschichte. Oft sind es die ersten Sätze eines Romans, die ihn unsterblich machen, so wie Melvilles „Nennt mich Ishmael“ Leser sofort an Moby Dick denken lässt; in diesem Fall ist es der letzte. Verraten wird er hier aber nicht, dazu müssen Sie das Buch schon selbst lesen!

 

Teresa Teklić