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Henry James, Die Drehung der Schraube

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Manesse Bibliothek der Weltliteratur, 2010

 

Henry James (1843-1916) wird in eine wohlhabende amerikanische Familie geboren, zu deren illustren Bekannten Intellektuelle und Schriftsteller wie Ralph Waldo Emerson zählen. Nachdem er sein Jurastudium in Harvard abbricht, zieht es ihn nach Europa. 1875 lässt er sich in England dauerhaft nieder und erhält gegen Ende seines Lebens sogar die englische Staatsbürgerschaft.

 

Vor diesem kulturellen Hintergrund spielen sich viele seiner Werke ab. Im Fokus seines Romans „Der Amerikaner“ oder der Novelle „Daisy Miller“ steht das Leben der gehobenen Gesellschaft in Europa – in Paris, Rom oder dem Schweizer Kurort Vevey am Genfer See. Dort treffen alteingesessener europäischer Adel und amerikanische Neureiche aufeinander, eine potentiell skandalträchtige Zusammenkunft angesichts der divergenten Werte und Benimmkodizes. James, der selbst Zeit seines Lebens ausgedehnte Reisen in Europa unternimmt, ist mit den verschiedenen Stationen der „Grand Tour“ bestens vertraut.

 

Zum Gesamtwerk des überaus produktiven Schriftstellers gehören 20 Romane, über 100 Novellen und 12 Dramen. Neben „Daisy Miller“ gehört „Die Drehung der Schraube“ zu James‘ bekanntesten Kurzgeschichten. Basierend auf dem Stoff schuf Benjamin Britten 1954 eine gleichnamige Kammeroper.

 

Die Novelle handelt von einer jungen Gouvernante, die sich im Dienste eines wohlhabenden Vormunds der Erziehung der Waisenkinder Miles und Flora annehmen soll. Doch je mehr Zeit die junge Frau auf dem Landsitz Bly verbringt, desto unheimlicher werden ihr die Kinder. Die Haushälterin behauptet das Haus sei von den Geistern zweier ehemaliger Bediensteter heimgesucht, Miss Jessel und Peter Quint, die damals eine Affäre gehabt hatten. Merkwürdige Vorkommnisse veranlassen die Gouvernante zur Annahme, die Kinder kommunizierten mit den Geistern der Verstorbenen.

 

An der „Drehung der Schraube“ haben sich unzählige Literaturtheoretiker abgearbeitet, in dem Versuch die Wirkungsweise dieses einzigartigen literarischen Texts möglichst treffend zu beschreiben oder aber seinen rätselhaften Inhalt zu entschlüsseln. Eine beliebte Erklärung der fiktiven Ereignisse bedient sich der Freudschen Psychoanalyse, stellt die Glaubwürdigkeit der Gouvernante in Frage und schlägt vor, der Spuk auf Bly entspringe ihrer, durch unterdrücktes sexuelles Verlangen angeregten, lebhaften Vorstellungskraft. Während hier die übernatürlichen Geschehnisse rational als eine Einbildung des menschlichen Geistes erklärt werden, bevorzugt eine andere Theorie Tzvetan Todorovs Begriff des Fantastischen. Demnach können wir die Ungewissheit darüber, ob die Ereignisse wirklich geschehen sind oder nicht, niemals auflösen und die Faszination des Texts besteht in ihrer unendlichen Ungewissheit. Jenseits jeglicher Theoretisierung ist und bleibt James‘ Geschichte ein wahrlich „unheimliches“ Lesevergnügen.

 

Im englischsprachigen Raum ist Henry James ein Kultautor und gilt als eine der wichtigsten literarischen Figuren des Realismus einerseits, als Wegbereiter des Modernismus andererseits. Ungleich weniger bekannt ist er deutschen Lesern. Buchreihen wie die Manesse Bibliothek der Weltliteratur tragen dazu bei, seine Werke auch einem deutschsprachigen Publikum nahezubringen.

 

Teresa Teklić