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Thomas Morus, Vom besten Zustand des Staates und der neuen Insel Utopia

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 2004

 

Es ist das Jahr 1516: Leonardo da Vinci befindet sich bereits im fortgeschrittenen Alter, in Bayern wird eine Vorform des Reinheitsgebot erlassen und in den Niederlanden wird das Werk "Utopia" vom Engländer Thomas Morus veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt kann noch niemand ahnen, dass das Werk die nächsten 500 Jahre Welt- und Literaturgeschichte nachhaltig beeinflussen wird.

 

"Utopia" ist in Morus' Buch der Name einer Insel, auf der der Seefahrer Raphael Hythlodeus gewesen sein will und die er im Gespräch mit Morus beschreibt. Der Text ist als eine Art philosophischer Dialog aufgebaut. Im ersten Teil beschäftigt sich der Autor mit den Missständen in Europa. Im zweiten Teil werden dann von Hythlodeus die Lebensverhältnisse des mysteriösen Ortes Utopia beschrieben, der in vielen Aspekten fortschrittlicher wirkt als die reale Welt des damaligen Europas. Die Bewohner Utopias leben beispielsweise ohne Privatbesitz gemeinschaftlich in Familienverbänden. Religion und Staat sind strikt getrennt, Männer und Frauen können sich ihr Handwerk, also ihren Beruf, selbst aussuchen und die gesamte Republik lebt zufrieden ohne Geldverkehr.

 

Zunächst mag dies alles sehr trocken wirken, vor allem auf einen jungen Leser. In Wahrheit jedoch ist "Utopia" nicht der bitterernste, idealistische Weltentwurf eines alten Humanisten. Morus hatte gar nicht vor, seinen Lesern zu zeigen, wie einfach menschliches Zusammenleben sein könnte, wenn jeder mitmachte. Vielmehr ist sein Roman als eine clevere Satire zu verstehen. Morus sah die Probleme, mit denen Europa kämpfte und versuchte, sie mit "Utopia" greifbarer zu machen. Er legte einen Gegenentwurf vor, in dem alles ganz simpel erscheint. Dadurch wird den Lesern das eigene Verhalten bewusst. Aber das Modell "Utopia" ist keine Zukunftsperspektive, es nicht zur Umsetzung gedacht ist.

 

Dies zeigt allein schon der Name Utopia. Er ist ein Zusammenschluss der griechischen Worte "Outopia", was übersetzt etwa "Nichtort" bedeutet und "Eutopia", also "glücklicher Ort". Damit wird bereits angedeutet, dass es so eine ideale Welt wohl nie geben wird. Und genau so ist der Begriff auch zu gebrauchen. Er beschreibt eine Traumvorstellung von einer Gesellschaft, in der all das funktioniert, was bei uns eben nicht funktioniert.

Die Tatsache beispielsweise, dass es so schockierend für uns scheint, wenn die Bewohner Utopias ohne Geld auskommen, sollte uns zu denken geben. Ist unser Umgang mit Geld, unser monetäres System auf lange Sicht wirklich optimal? Ist es zu spät, zumindest darüber nachzudenken, wie eine Welt ohne Geld funktionieren könnte? Dies ist nur ein Beispiel für die Gedankenanstöße und Gewissensfragen, mit denen "Utopia" seinen Leser konfrontiert.

 

Der Trend der Utopien und Anti-Utopien dauert seit Morus, also seit einem halben Jahrtausend, immer noch an. Nach wie vor entwerfen wir Alternativ-Welten um uns mit der eigenen auseinanderzusetzen. Nichtsdestotrotz lohnt es sich für jeden Leser, sich an Morus' Originalwerk heranzutrauen. Denn kein anderes Werk bringt einen auf so eindrückliche Weise zur Reflexion über die eigene Welt. Morus war ein Meister darin, auf der Linie zwischen Realistischem und Absurden zu balancieren, sodass man bei jedem neuen Aspekt, der einem über Utopia erzählt wird, erst einmal merkt, wie zweifelhaft unsere Gesellschaft organisiert ist - wie die Dinge sich entwickelt haben. Und genau diese Denkweise ist vor allem im Jahr 2017 auf jeden Fall nötig.

 

Christina Schlögl