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Samuel Richardson, Clarissa Harlowe

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Manesse Bibliothek der Weltliteratur, erschienen 1966

 

Samuel Richardsons „Clarissa Harlowe. Die Geschichte eines vornehmen Frauenzimmers“ wird 1747-48 mehrbändig veröffentlicht. Aus den Briefwechseln zwischen Clarissa und ihrer Freundin Anna Howe, der Korrespondenz von Robert Lovelace und seinem Freund John Belford und einigen anderen Personen erfährt der Leser die tragische Geschichte der unglücklichen Heldin.

 

Die äußerst sittsame Clarissa, ein Leuchtfeuer der Tugendhaftigkeit und Keuschheit, wird an Stelle ihres Bruders James überraschenderweise Erbin des großväterlichen Vermögens. Nun macht ihr der fesche, aber nicht sehr tugendhafte, Lovelace Avancen, was die Familie in Gefahr bringt, ihr Vermögen mit Clarissa aus der Tür schwinden zu sehen. Lovelace, muss man dazu sagen, ist hauptsächlich an ihr interessiert, weil sie ihre Jungfräulichkeit so tapfer verteidigt und macht es zu seinem erklärten Ziel, diese Burg der Keuschheit einzunehmen. Die Familie beschließt, dass Clarissa den unangenehmen Mr. Solmes ehelichen soll. Sie mag nicht, wird weggesperrt und von ihrer Familie gedemütigt. Lovelace spielt sich als Retter in der Not auf und entführt die arme Clarissa. Leider nicht in sein Prinzenschloss, sondern in ein Bordell, und als sie fortfährt sich seinen Annäherungen zu entziehen, reißt ihm irgendwann der Geduldsfaden; er setzt sie mit K.O. Tropfen außer Gefecht und vergewaltigt sie. Sie verliert nach diesem traumatischen Erlebnis zwischenzeitig den Verstand. Von der Familie verstoßen, ohne Freunde, versucht sie mehrmals erfolglos Lovelace zu entkommen, bis es ihr schließlich gelingt. Ein reumütiger und reformierter Belford kümmert sich schließlich um sie bis sie stirbt und schreibt ihre Briefe weiter, als sie zu schwach dafür ist.

 

Wollte man den Roman allein auf Grund dieser Handlung beurteilen, würde die Erhebung in den Rang der Weltliteratur wohl zu Recht äußerst dubios erscheinen. Der berühmte Lexikograf Dr. Samuel Johnson sagte dazu, man dürfe Richardson nicht wegen der Handlung lesen, sonst müsste man sich gleich erhängen. Nein, man lese ihn wegen des Gefühls. Denn in einer Hinsicht sind Richardsons Romane bahnbrechend: Sie beschreiben zum ersten Mal in der englischen Literaturgeschichte das Innere eines Menschen, seine Psyche, Gefühle und Gedankengänge. Als Richardson 1740 seinen ersten Roman „Pamela“ veröffentlicht, hat er bescheidene Absichten: das Schreiben zu revolutionieren, bzw. die Form des modernen Romans zu erfinden. Wenn es um die Hinwendung zum Psychologischen geht, ist ihm das gelungen.

 

Trotzdem kann man sich als Leserin in unserer Zeit mit mehr als einem Aspekt dieses Stücks Literaturgeschichte schwer tun. Im Vorwort erklärt der Autor seine ausdrückliche Absicht,  „Clarissa“ sei eine modellhafte Geschichte zum Zweck der moralischen Erziehung. Man dürfe sie nicht allein zur Unterhaltung lesen, sondern solle sich ihren Vorbildcharakter zu Herzen nehmen und daraus lernen. Clarissa und Anna sollen als Vorbild der Tugendhaftigkeit dem ganzen weiblichen Geschlecht dienen. Eltern sollen lernen, dass die Ausübung großer Zwänge auf ihre Kinder zur Katastrophe führt und sie in die Arme von Vergewaltigern treibt. Und junge Damen sollen lernen, sich nicht in den „bad guy“ zu verlieben, sondern sich an den anständigen, wenn auch unattraktiven und langweiligen Saubermann zu halten, wenn sie nicht vergewaltigt werden wollen. Mildernde Umstände kann man dem Roman aussprechen, da Lovelace und die Vergewaltigung offensichtlich nicht gutgeheißen werden, sondern beim Leser Mitgefühl für Clarissa und Entsetzen im Angesicht von Lovelaces brutaler Misshandlung der jungen Frau erwecken sollen. Die Forderung vieler Leser hingegen, man solle das Ende umschreiben und Clarissa und Lovelace heiraten lassen, würde man, aus heutiger Sicht, wohl eher nicht teilen.

 

Teresa Teklić