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Carl Schurz, Lebenserinnerungen

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Manesse Bibliothek der Weltliteratur, erschienen 1948

 

Dass die „Lebenserinnerungen“ von Carl Schurz 1948 bei Manesse erscheinen, zum 100-jährigen Jubiläum der Märzrevolution von 1848/49 also, ist sicherlich kein Zufall. Denn Carl Schurz wird oft mit zwei Titeln bedacht: deutscher Revolutionär und amerikanischer Staatsmann. Diesen zwei Lebensabschnitten entspricht auch die Aufteilung in zwei Bände, von denen der erste seine frühen Lebensjahre in Deutschland, der zweite seine späteren Jahre in Amerika dokumentiert.

 

Schurz wird 1829 im Rheinland geboren, dem er, wie er sagt, sein „elastisches rheinisches Blut“ und seine „sanguinische“ Natur verdankt. Er führt ein bewegtes Leben, wird aber auch in bewegte Zeiten geboren. Als junger Mann nimmt er ein Studium an der Universität Bonn auf, wo er seinen späteren Freund, Mentor und Mit-Aufständischen Gottfried Kinkel trifft, der dort als Germanistikprofessor lehrt. Er schließt sich der demokratischen Bewegung an und beteiligt sich aktiv an den Aufständen der Märzrevolution von 1848/49. Gemeinsam kämpfen die Revolutionäre nach französischem Vorbild für eine freie und gleiche Gesellschaft und für Grundrechte wie Meinungs- und Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und Demonstrationsfreiheit. 1849 entgeht er knapp der Verhaftung und verbringt, nachdem er seinen Freund Kinkel in einer Nach-und-Nebel-Aktion aus dem Zuchthaus Spandau befreit, einige Jahre in der Schweiz, England und Frankreich, bevor er 1852 mit seiner Frau Margarethe in die USA  emigriert.

 

Wer kein Fan von allzu blumigem oder kunstvollem Sprachgebrauch ist, sondern eine einfache Ausdrucksweise „ohne irgend welche Verwicklung oder Verzierung“ bevorzugt, wird sich mit Schurz‘ nüchterne Prosa mögen. Auch als erwachsener Mann hält der sich noch an den Grundsatz, den er seinem Gymnasiallehrer verdankt, dass nämlich „Klarheit, Anschaulichkeit und Direktheit des Ausdrucks die Haupterfordernisse eines guten Stils sind“. Schurz‘ Anliegen gilt aber lediglich sekundär der Sprache selbst und primär den Inhalten, die sie vermittelt. Benutzt der Verfasser unkonkrete, abstrakte oder verschwommene Worte, um Erlebtes zu beschreiben, wird auch die beschriebene Erfahrung der Welt für den Leser unkonkret und unpräzise bleiben. Bemüht sich der Autor hingegen, das Erlebte so klar und präzise als möglich zu beschreiben, trainiert er damit auch die Fähigkeit, „so zu sehen, so wahrzunehmen, dass man sich über das Wahrgenommene vollständige Rechenschaft geben kann“.

 

Mit diesem Anspruch schreibt Schurz Band 2 seiner politischen Memoiren auf Englisch, schließlich lässt sich das in Amerika Erlebte nun mal am besten im O-Ton wiedergeben. Und Schurz erlebt wahrlich so einiges in diesem Band, der von seiner Tochter ins Deutsche übersetzt wurde. Der einstige Revolutionär wird Journalist, Jurist, Mitglied der republikanischen Partei, unterstützt Lincolns Wahlkampf und kämpft für die Abschaffung der Sklaverei. Er wird General im Amerikanischen Bürgerkrieg und erlebt die berühmte Schlacht zu Gettysburg mit. Als amerikanischer Botschafter reist er nach Spanien und Berlin, wo er Bismarck trifft. Später wird er Senator von Missouri und Innenminister unter Präsident Hayes, der Höhepunkt seiner politischen Karriere. Kurioserweise ist Schurz in Amerika viel bekannter als in Deutschland – vielleicht, weil Schurz‘ politische Karriere auf amerikanischem Boden stattfindet. Es ist Zeit, dass dieser große Staatsmann, der, wie Uwe Timm so trefflich sagt, sein Leben lang „mit Wort und Waffe“ für demokratische Werte gekämpft hat, seinen verdienten Platz in der deutschen Erinnerungskultur erhält.

Teresa Teklić