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Adalbert Stifter, Brigitta und andere Erzählungen

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 1967

 

Stifter polarisiert ˗ obwohl man das bei seinen romantisch anmutenden Geschichten nicht vermuten würde. Doch schon bald nach dem Erscheinen seiner Texte spaltete sich seine Leserschaft. Da gab es die einen, wie etwa Thomas Mann, die seinen Stil als altväterlich und moralisierend beschrieben. Andere wie Friedrich Nietzsche hingegen, waren zutiefst beindruckt von seinem Werk und nannten ihn eine literarische Ikone. Doch was an Stifters Texten ist es, das die einen schätzen und die anderen schmähen?

 

Zunächst drehen seine Erzählungen sich häufig um den Einzelnen und seinen Umgang mit einem schweren Schicksal. So ist es in nahezu allen Geschichten aus dem Band "Brigitta und andere Erzählungen". Brigitta ist Zeit ihres Lebens ein guter Mensch, muss sich jedoch aufgrund ihrer Hässlichkeit immer wieder aufs Neue durchkämpfen. Abdias muss gleich mit mehreren Schicksalsschlägen zurechtkommen. Er wird ausgeraubt, seine Frau stirbt und schließlich erblindet seine einzige Tochter. Und auch die Kinder in "Bergkristall", Konrad und Sanna, die sich auf dem Heimweg in der Eiseskälte der Berge verirren, werden auf eine harte Probe gestellt. Sie befinden sich zwischen zwei verfeindeten Dörfern, wobei ihre Mutter ursprünglich aus dem einen stammt und ihr Vater aus dem anderen. Nach einem Besuch bei ihren Großeltern finden sie den Weg nachhause nicht mehr.

 

In vielen von Stifters Texten treten christliche Werte und das Gute im Menschen hervor. Adalbert Stifter (1805-1868) zählt zu den Vertretern des Biedermeier, deren Darstellung von Idylle und Moral heutzutage häufig als kitschig angesehen wird. Tatsächlich mögen manche Erzählungen - im wahrsten Sinne des Wortes - bieder wirken. Aufopferung für andere und ein tugendhaftes Leben scheinen oft im Mittelpunkt zu stehen. Dies allein ist jedoch auf keinen Fall ein Grund, auf Stifters Texte zu verzichten.

 

Denn der österreichische Schriftsteller beherrschte es wie kein zweiter, die unglaubliche Wirkungskraft der Natur in Worte einzufangen und so etwas zu schaffen, das wesentlich größer ist als die Erzählungen selbst. Er war ein wahrer Meister der Landschaftsbeschreibung. In seinen Geschichten gehen Natureindrücke kunstvoll in die Darstellung der Figuren über, sodass sie dem Leser komplette Welten vor seinem inneren Auge erscheinen lassen.

So wird die Beschreibung der verschneiten, einsamen Berge in "Bergkristall" gleichzeitig zu einem Bild für das Seelenleben der verängstigten Kinder, die sich am Weihnachtsabend alleine durch Eis und Schnee kämpfen. Sie sind nicht nur räumlich, sondern auch emotional zwischen zwei verfeindeten Dörfern gefangen. Diese Isolation spiegelt sich in der Landschaft.

 

Auf diese Weise schafft Stifter Atmosphären, die über die Geschichten hinausgehen. In seinen Texten scheint alles miteinander verbunden zu sein. Ihnen wohnt ein Zauber inne, der auch nach mehr als einem Jahrhundert nicht endet. Im Gegenteil. Es ist gerade in unserer Zeit, in der wir so weit von der Natur entfernt sind, unglaublich spannend sich seiner Texte anzunehmen. Sie lassen einen verharren und sich in eine eigene Welt versenken. Seine Texte zeugen von Liebe zur Natur seiner Heimat und zum Menschlichen. Anstatt fantastische Welten zu erfinden, konzentriert er sich auf das, was seine Leser selbst kennen, aber vielleicht im Laufe der Zeit vergessen haben. Und es wäre wirklich vorschnell, Stifter als pathetisch oder kitschig abzutun, denn damit wäre sein Wert gänzlich verkannt. Oder ˗ mit Stifters eigenen Worten: "Was wäre denn der Künstler, wenn ihn gleich jeder Narr verstünde?"

 

Christina Schlögl