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William Makepeace Thackeray, Die Memoiren des Barry Lyndon

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Manesse Bibliothek der Weltliteratur, erschienen 2013

 

Der Untertitel von Thackerays Gesellschaftssatire „Barry Lyndon“ ist gleichzeitig eine Synopse der gesamten Romanhandlung und lautet wie folgt: „Die Memoiren des Barry Lyndon, Esq. aus dem Königreich Irland, samt einem Bericht über seine ungewöhnlichen Abenteuer, Unglücksfälle, Leiden im Dienste seiner Majestät des Königs von Preußen, seine Besuche an vielen europäischen Höfen, seine Heirat und seine glänzenden Besitzungen in England und Irland sowie die zahlreichen grausamen Verfolgungen, Verschwörungen und Verleumdungen, deren er Opfer wurde.“

 

Die „Memoiren“ des Barry Lyndon sind keine Memoiren im eigentlichen Sinne, d.h. autobiographische Aufzeichnungen einer historisch oder politisch bedeutenden Persönlichkeit, sie sind vielmehr ironisch zu verstehen. Denn der Protagonist, geboren als Redmond Barry in Irland ca. 1730, ist eigentlich ein Niemand, der so tut, als wäre er ein ganz wichtiger Jemand. Er erzählt dem Leser mit offensichtlichem Hang zur Übertreibung die ruhmreiche Geschichte der Familie Barry, eines alten irischen Adelsgeschlechts, das durch Schicksalsschläge über Jahrhunderte Ruhm und Reichtum verloren hat. Angekommen in der unteren Schicht der Gesellschaft entspricht Barry dem typischen Helden des Schelmenromans, der ständig auf absurde Weise in Schwierigkeiten gerät und fast immer auf noch absurdere Weise ungeschoren davon kommt. Dabei lernt er viel über die Welt und hält ihr mit Humor den Spiegel vor. In diesem Fall ist es die Dekadenz des europäischen Adels zur Zeit des Rokoko und die sinnlose Grausamkeit des Krieges, die der Autor ins Visier nimmt.

 

Die satirischen Züge werden schon in der Sprache deutlich, wenn Barry im Plauderton von „gerechten Massakern“ spricht oder als Deserteur die gestohlene Identität des „Leutnant Fakenham“ annimmt (zwar ist Fakenham tatsächlich eine englische Stadt in Norfolk, die Doppeldeutigkeit von „fake“ als falsch oder geschwindelt aber kaum zu übersehen). Selbst in einem von Thackerays Autorenpseudonymen, G.S. Fitzboodle, kündigt sich der „Schwindel“ (boodle) schon an.

 

Zu den Abenteuern zählt Barrys Dienst im Siebenjährigen Krieg. Dort kämpft er erst für England, desertiert, wird erwischt und muss dann „im Dienste seiner Majestät des Königs von Preußen“ kämpfen. Dann trifft er zufällig seinen Onkel, der ihn außer Landes schmuggelt. Die beiden beginnen eine Karriere als Kartenspieler und Betrüger und lassen sich so von einem europäischen Hof zum nächsten treiben. Zu den Verschwörungen und Verleumdungen gehört eine Hamlet-ähnliche Episode aus seiner Ehe mit der reichen, schönen Gräfin Lyndon. Redmond Barry, der sich ab diesem Zeitpunkt Barry Lyndon nennt, tritt hier auf als der böse Onkel Claudius, den Gertrude (die Gräfin Lyndon) in zweiter Ehe zum Mann nimmt, nachdem Barry ein wenig mit dem Tod des ersten nachgeholfen hat. Dem Sohn aus erster Ehe gefällt das gar nicht. Er pflegt ein ödipal anmutendes Verhältnis zu seiner Mutter und wird sich als erwachsener Mann an Barry rächen. Die Geschichte endet mit dem Tod Barry Lyndons in einem heruntergekommenen Gefängnis: geschieden, verarmt, der geliebte Sohn tot, ein Säufer.

 

So trostlos das Ende ist, so unterhaltsam und lesenswert ist dieses satirische Meisterwerk. Eine fantastische, bildgewaltige Umsetzung hat Regisseur Stanley Kubrick mit seiner Verfilmung von 1975 geschaffen, einem mehr als dreistündiges Filmerlebnis, dessen Bildkomposition die Landschafts- und Porträtmalerei des 18. Jh. nachempfindet und dessen aufwendige Herstellung ein Meilenstein der Filmgeschichte geworden ist.

 

Teresa Teklić