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Kurt Tucholsky, Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte

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Publiziert von Manesse, Bibliothek der Weltliteratur, 2006

 

"Ich denke an eine kleine Geschichte, nicht zu umfangreich, etwa 15-16 Bogen, zart im Gefühl, kartoniert, leicht ironisch und mit einem bunten Umschlag. Der Inhalt kann so frei sein, wie Sie wollen." So stellt sich Kurt Tucholskys Verleger Ernst Rowohlt das nächste Buch des Autors vor, zumindest in dem fiktiven Brief an Tucholsky, der dem Haupttext von "Schloß Gripsholm" (1931) vorangestellt ist.

 

Was Tucholsky darauf hin liefert, ist die Geschichte von einem dreiwöchigen Schwedenaufenthalt des Protagonisten Kurt und der Frau mit der wunderbaren Altstimme namens Lydia. Sie verbringen ihre Zeit in einem Anbau des Schlosses Gripsholm bei Mariefred. Bald bekommen die beiden Besuch ˗ erst von Kurts Freund Karlchen, später von Lydias Freundin Billie, mit der es zu einem sehr interessanten Abend zu dritt kommt. Doch der Sommer im Schloss ist nicht nur vom Glück der Verliebten bestimmt. In der Nähe befindet sich ein Kinderheim. Die Leiterin Frau Adriani und ihre Methoden verärgern Lydia und Kurt sehr, vor allem im Umgang mit der kleinen Ada, sodass sie beschließen, zu handeln. Sie versuchen, mit Adas Mutter in Kontakt zu treten und dem Mädchen zu helfen.

 

"Schloß Gripsholm. Eine Sommergeschichte" ist eines der bekanntesten Werke des Publizisten Kurt Tucholsky (1890-1935), der heute zu den wichtigsten Schriftstellern der Weimarer Republik gezählt wird. Seine beißenden Satiren auf den Mensch und dessen absurdes Handeln haben an Aktualität nicht eingebüßt. Denn wer seine Texte heute liest, wird feststellen, dass sich etwa an den Geschlechterstereotypen oder dem politischem Fehlverhalten, das er anspricht, wenig geändert hat. Tucholsky verstand es, den Leser mit viel Witz und Schläue auf sein eigenes - meist klischeehaftes - Verhalten aufmerksam zu machen.

 

Diese Qualität tritt auch in "Schloß Gripsholm" stark hervor. Tucholsky benutzt sich darin selbst als Figur und kann so mit den Erwartungen des Lesers spielen. Dadurch, dass er "Kurt" zum Zentrum einer Liebesgeschichte macht, stellt er sich selbst als den Verliebten, und vor allem als den Klischee-Schriftsteller dar. Diese Ich-Perspektive gibt ihm die Möglichkeit, seine Figur sehr glaubhaft zu machen, aber trotzdem mit einem großen Augenzwinkern zu zeigen, dass Liebesgeschichten eben doch im Kern alle gleich sind. Gleichzeitig persifliert er sich selbst als Schriftsteller. Während also viele von Tucholskys Texten sich den Mensch als politisches Wesen vorknöpfen, wir hier auf den Mensch als Verliebten und als Autor geblickt.  

 

Dieses humoristisch-satirische Porträt tritt in einen interessanten Kontrast mit der ernsthaften, melancholischen Nebenhandlung, die sich um die kleine Ada dreht. Diese leidet stark unter den anderen Kindern, vor allem seit ihr Bruder gestorben ist und Kurt und Lydia schaffen es schließlich, Ada aus der elenden Kinderkolonie zu befreien. Auf diese Weise erinnert "Schloß Gripsholm" immer wieder, dass es das pure, kitschige Glück nicht geben kann und vor allem auch daran, eine leichte Satire nicht genug ist – dass bloße Worte nicht reichen, sondern dass man auch handeln muss, wie Kurt und Lydia es in der Geschichte tun.

 

Leider war "Schloß Grispholm" Tucholskys letztes großes Werk. Als die Nationalsozialisten kamen, verließ er Deutschland und verbrachte das Ende seines Lebens in Schweden. Sein Grab befindet sich heute tatsächlich ganz in der Nähe des Schlosses Gripsholm, dem Schauplatz seiner charmant-melancholischen Sommergeschichte - die es sich ebenso zu lesen lohnt, wie alle Texte von Kurt Tucholsky.

 

Christina Schlögl